Noch vor rund 50 Jahren gehörte er zu den typischen Frühlingsgemüsen im Köln-Bonner Raum. Der Maiwirsing, der sich durch glatte, einen lockeren Kopf bildende Blätter von seinem Namensvetter unterscheidet, wurde traditionell vor Weihnachten gepflanzt und konnte im Mai geerntet werden. Längst ist das Gemüse in Vergessenheit geraten, nur noch wenige Bauern bauen es heute an - als Rarität. Doch der Mai-Wirsing hat Glück gehabt: Die Botanischen Gärten der Universität Bonn haben die Sorte "Bonner Advent" in eine Sammlung bedrohter regionaler Nutzpflanzensorten aufgenommen. Und auch die Non-Profit-Organisation Slow Food Deutschland, die sich für den Genuss regionaler Küche einsetzt, würdigt ihn als "Arche-Passagier" und somit als vom Aussterben bedrohte Sorte.
"Der Maiwirsing ist ein sehr gutes Beispiel für die Pflanzen, um die es uns geht", sagt Britta Eschmann. Sie hat in Kooperation mit dem Verein "Kölner Neuland" und dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) die "Rheinische Gartenarche" gegründet. Das Ziel: Gemüse- und Obstsorten zu finden, die für die Region typisch waren und sind, und die bestens im hiesigen Klima gedeihen. "Früher haben Menschen über Jahre hinweg die Pflanzen in ihren Gärten vermehrt. Es wurden immer die besten ausgesucht, und die Pflanzen konnten sich an die Bedingungen anpassen." Heute sammele kaum noch jemand selber Saatgut, greife stattdessen zum Samentütchen aus dem Geschäft. Doch seien im Handel nur wenige standardisierte Sorten erhältlich, die Vielfalt gehe verloren. "Wir suchen solche Sorten, die früher über den Gartenzaun gereicht wurden", sagt Eschmann. "Wir wollen Gärtner ansprechen, die noch alte Gemüse- oder Obstsorten haben. Aber auch solche, die diese Sorten gerne als Paten selber anbauen und vermehren wollen." Einige Sorten hat Eschmann bereits aufgespürt, darunter Butterkohl, der Kopfsalat "Rheingold", der Feldsalat "Kölner Palm" oder die Bohne "Ruhm vom Vorgebirge".
Teil der regionalen Identität
Vielerorts gibt es Nutzpflanzen, die typisch sind für einen Landstrich und einst einen Teil der regionalen Identität ausgemacht haben: Grünkohl in Ostfriesland, Lemgoer Johannislauch oder Teltower Rübchen aus Brandenburg. Längst setzen sich regionale Initiativen für den Erhalt dieser Sorten ein. Ein Vorbild für die "Rheinische Gartenarche" ist zum Beispiel die "Bergische Gartenarche", deren Mitglieder sich seit mittlerweile zwölf Jahren für den Erhalt der typisch Bergischen Sorten einsetzen: Blaue Salatbohnen, Butterkohl und Zuckerschoten - "Schluddererzen". Sie alle haben sich über Pflanzengenerationen hinweg an das raue bergische Klima angepasst. Im Arche-Garten auf dem Gelände des Bergischen Freilichtmuseums in Lindlar werden sie regelmäßig angebaut - und natürlich in vielen Gärten der Paten, die die Sorten vermehren.
Ein ähnlich großes Projekt hat der Gärtner Christian Havenith in der Nordeifel ins Leben gerufen: "Rheinland + Pfalz". Havenith sammelt seit Ende der 1990er Jahre traditionelle Gemüsesorten aus beiden Regionen, mittlerweile hat er Saatgut von rund 450 Sorten, die er bewahrt und vermehrt. Darunter sind die als "Möscheeier" bekannten Bohnen, die Kesselheimer Zuckererbse, der Hunsrücker Schnitt-Mangold, und die Rheinische Kopf-Melde.
Das macht die alten Sorten wertvoll
Doch was macht die "alten" Sorten so wertvoll? Sie sind robust und kommen gut ohne Pflanzenschutzmittel aus. Zwar sehen nicht immer alle Pflanzen und Früchte gleich aus, dafür kann sich Gemüse aber im Laufe der Generationen allmählich an sich verändernde Bedingungen anpassen - zum Beispiel an trockenere Sommer. Außerdem können diese Sorten im Garten vermehrt werden, denn sie sind samenfest: Wer ihre Samen sammelt und wieder aussät, erhält Pflanzen, die die gleichen Eigenschaften wie ihre Eltern haben. Bei Hybriden - viele Gemüsesorten im Handel sind sogenannte F1-Hybriden - ist das in der Regel nicht der Fall.
Viele der alten Sorten sind nicht rentabel genug für den Erwerbslandbau oder können mit Maschinen nur schwer bewirtschaftet werden. Der Maiwirsing etwa bildet nicht so einheitliche Köpfe wie ein moderner Wirsing, lässt sich nicht gut verpacken und verkaufen. Aus diesem Grund sind viele traditionellen Sorten vom Markt verschwunden.
In Deutschland ist gesetzlich geregelt, welche Sorten in den Handel gelangen dürfen, sie müssen offiziell zugelassen sein. Zwar gibt es mittlerweile eine Ausnahmeregelung für traditionelle, samenfeste Erhaltungssorten. Sie können mit deutlich weniger Verwaltungsaufwand und niedrigeren Gebühren zugelassen werden als andere. Doch gelten viele Auflagen, die es den Erhaltern schwer machen, sie zu vermarkten. Dennoch haben es sich bundesweit einige überregionale Initiativen zum Ziel gesetzt, das Saatgut solcher Sorten zu bewahren und wieder in die Gärten zu bringen. Bewahren heißt im Falle der Gemüsesorten nicht, solches Saatgut in Samenbanken zu archivieren. Bewahrt werden sie am besten, in dem sie regelmäßig in die Erde kommen, wachsen und sich vermehren.
Wir stellen Ihnen drei traditionelle Gemüsearten vor:
Der Dekorative
Der Rote Meier ist mit dem Amaranth verwandt. Wie auch der Gute Heinrich, die Gartenmelde oder der Baumspinat kann er als Blattgemüse verwendet werden. Da er zart ist, ist nicht viel Ertrag zu erwarten, dafür schmeckt er mild und sieht sogar im Blumenbeet schön aus. Er mag gut gedüngten Boden und einen sonnigen Standort und wird bis zu einem halben Meter hoch. Vorsicht, der Rote Meier sät sich selber aus!
Die Geheimnisvolle
Unzählige Bohnensorten gibt es: Solche mit grünen, gelben oder rot geflammten Schoten, mit weißen oder bunten Kernen. Die Blauhilde, eine Stangenbohne, hat dunkelviolette Schoten, die allerdings beim Kochen grün werden. Bohnen brauchen nährstoffreichen Boden und einen sonnigen Standort.
Da sie Wärme lieben, erst ab Mitte Mai säen, an Stangen oder Drähte als Rankhilfen. Schon im Sommer kann geerntet werden.
Die Pflegeleichte
Die Etagenzwiebel gehört zu den Lauchgewächsen. Sie braucht kaum Pflege und vermehrt sich schnell: Im Frühjahr schießt sie in die Höhe und bildet Zwiebelchen, die selber austreiben. Wird der Kopf zu schwer, neigt sich der Stängel, die Zwiebeln schlagen im Boden Wurzeln. Die Pflanze braucht einen sonnigen bis halbschattigen Standort und ist winterhart. Sie kann bis zum Winter geerntet werden.
