Warum freuen sich die meisten Menschen darauf, endlich am Strand zu sein?
Freude ist ja die Folge von vorangegangenem Leid. Wir kommen aus einer Atmosphäre von Stress, Erschöpfung, Zeitdruck und vor allem Enge. Das ist etwas sehr Unangenehmes für Menschen.
Und der Strand ist genau das Gegenteil?
Ja, ich würde den Strand den Vorhof zur Unendlichkeit nennen. Vor uns breitet sich das gewaltige Meer aus. Wir haben das Wasser immer im Blick. Das wollen wir ja sogar im Hotel - man denke an die verzweifelten Kämpfe um Zimmer mit Meerblick. Und dann spielen sich auch noch erhabene Dinge ab wie gewaltige Sonnenuntergängen. Wasser und Wellen wirken immer sehr beruhigend. Durch die Sonne ist alles sehr hell. Und es gibt auch so etwas wie Gefühlsansteckung durch die anderen entspannten Menschen am Strand.
Und das macht uns glücklich?
Ja, die Fachleute nennen das neuronale Spiegelung. Der Organismus, das Gehirn spiegelt wieder, was der Mensch sieht und erlebt.
Aber die meisten Leute faulenzen doch nur am Strand.
Ja, wir haben am Strand ein herabgesetztes Bewusstsein. Ich nenne das immer "leichtes Verdoofen". Aber das ist gar nichts Negatives. Es geht um die Kultur des Dösens - Dösen wie die Löwen. Der König der Tiere bringt 20 Stunden am Tag damit zu. Da sollten wir uns mal ein Vorbild dran nehmen.
Wir müssen also kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir nur rumliegen?
Nein, wir kommen aus einer komplizierten Alltagsordnung mit vielen Regeln. Beim Strandurlaub gibt es einfache Rituale: Aufstehen, Frühstücken, Gang an den Strand, Abstecken des Territoriums, Schwimmen.
Ein neues Lebensgefühl?
Ja, man spürt wieder eine Unmittelbarkeit. Im Alltag sind wir eine sehr indirekte Gesellschaft, da drückt man eine Taste, wenn etwas passieren soll. Am Strand ist alles sehr direkt, es gibt nur Wasser und Sand.
Am Strand zu liegen ist also gesund?
Ja, ich würde es als kleines Therapeutikum sehen, man sollte es bewusst genießen.
Ist die Vorliebe für den Strand angeboren oder angelernt?
Das ist eher angelernt. Die Tourismusindustrie hat da natürlich nachgeholfen. Aber ihren Ursprung hat die Vorliebe in der Romantik des 18. Jahrhunderts, wo Maler und Schriftsteller die Natur entdeckten - vor allem Gewässer. Damals konnten die Menschen ja noch nicht so weit reisen, da musste es statt Meer eben See oder Fluss sein.
Warum hat sich der Strand durchgesetzt?
Die Menschen haben noch immer verschiedene Sehnsuchtslandschaften. Schauen Sie sich nur erfolgreiche Zeitschriften wie "Landlust" an. Da wird eine Landidylle vorgeführt, die es so natürlich gar nicht gibt oder zumindest für die meisten gar nicht lebbar ist. Beim Strand dagegen ist der Traum erfüllbar. Es gibt Traumstrände und die Erreichbarkeit ist durch die Tourismusindustrie gut organisiert.
Auch wenn der Preis ist, dass rund um den Strand hässliche Hotels stehen?
Denen kann man ja den Rücken zudrehen.
Reinhard Schober ist Diplom-Pyschologe in München und arbeitet als Landschaftstherapeut. Er konzipierte unter anderem eine Gartenanlage in Bad Bertrich (Mosel). Mit Christiane Vielhaber sprach er über die menschliche Sehnsucht nach dem Strand.
