Ein Hauch von Portwein, Whisky oder Schokolade, monatelang im Eichenfass gereift: Individuell gebrautes Gourmetbier, sogenanntes Craft-Beer, mischt zunehmend die hiesige Bierszene auf. „Wir beobachten, dass immer mehr etablierte Großbrauereien dieses Segment für sich entdecken und individuelle, aromatische Biere brauen“, erklärt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes. Der Trend stammt ursprünglich aus den USA und wurde in Deutschland zunächst von kleinen Kellerbrauereien aufgegriffen.
Seit dem 1. April bietet die Köstritzer Schwarzbierbrauerei aus Ostthüringen ein Pale Ale in englischem Stil - mit herber Zitrusnote. „Damit reagieren wir auf den wachsenden Wunsch der Verbraucher nach besonderen Bieren“, sagt Geschäftsführer Andreas Reimer. Auch die Landsberg Brauerei aus Sachsen-Anhalt will künftig ein solches Spezialbier auf den Markt bringen und füllt derzeit schon Gerstensaft für die wachsende Berliner Craft-Bier-Szene ab.
Die Görlitzer Landskronbrauerei experimentiert mit schottischem Malz, das über Torf geröstet wurde - für ein Bier mit rauchigem Whisky-Aroma. Auch spezielle Portweinhefe kommt zum Einsatz. „Vom Brauen, Abfüllen bis hin zum Aufbringen der Etiketten wird das Craft-Bier ausschließlich von Hand verarbeitet“, erläutert Geschäftsführerin Katrin Bartsch. Die Auflage ist limitiert, rund 15 000 Flaschen pro Jahr gehen über den Ladentisch.
Seit wann wird Bier gebraut?Bier gibt es vermutlich schon, seit der Mensch Getreide isst. Bereits im dritten Jahrtausend vor Christus war Bier in Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, populär. Die Kunst des Brauens kam von den Kulturen des Vorderen Orients in den Mittelmeerraum und erreichte mit den Römern auch Germanien. Hier wurde sie im Mittelalter vor allem in den Klöstern weiterentwickelt. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts lag das Hauptgewicht der Produktion in Norddeutschland, verschob sich aber dann nach Bayern. Mit den technischen Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Bierproduktion vom Handwerk zu einem bedeutenden Industriezweig.
Was hat es mit dem deutschen Reinheitsgebot auf sich?Das vom bayerischen Herzog Wilhelm IV. 1516 erlassene Reinheitsgebot gilt im Kern noch heute. Laut Gesetz darf Bier nur aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe hergestellt werden. Chemische und andere Zusätze sind verboten. Damit ist das Reinheitsgebot nach Angaben des deutschen Brauerbundes das älteste noch heute gültige Lebensmittelgesetz der Welt. Bevor Hopfen zur Konservierung und Aromatisierung verwendet wurde, kamen verschiedenste Kräuter und Gewürze zum Einsatz: Wacholder, Wermut, Kümmel, Lorbeer, Rosmarin oder Anis - aber auch heute seltsam anmutende Zusätze wie Ochsengalle und vermutlich das schon bei den alten Germanen als Droge bekannte Bilsenkraut.
Wie steht es mit ausländischen Bieren?Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 1987 dürfen ausländische Biere mit Zusatzstoffen in Deutschland verkauft werden. Die mehr als 1300 deutschen Brauereien setzen bei ihren über 5000 verschiedenen Sorten aber weiter auf das Reinheitsgebot. Jetzt hoffen die Brauer darauf, dass es - wie die türkische Kaffeekultur oder die Mittelmeer-Diät - auf die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes gesetzt wird. Das würde im Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten helfen.
Woher kommt das Wort „Bier“?Das wissen selbst Sprachwissenschaftler nicht so genau, es gibt mehrere Erklärungsversuche: Denkbar ist ein Zusammenhang mit dem germanischen Wort für Gerste oder Getreide. Eine andere Erklärung könnte die Geschichte des Gerstensafts liefern: Da Bier zuerst in Klöstern gebraut wurde, sei die Herleitung vom spätlateinischen „biber“ (Trank) zum lateinischen „bibere“ (trinken) möglich, glauben einige Forscher. Die Fachleute halten auch eine Verwandtschaft mit „brauen“ für wahrscheinlich. Das italienische Wort „birra“ geht auf das Deutsche zurück, das französische Wort „bière“ ist dem Niederländischen entlehnt.
Wie steht es um den Bierdurst der deutschen Bevölkerung?Seit vielen Jahren geht die Produktion stetig zurück. Der wichtigste Grund liegt nach Angaben des Brauer-Bundes in der Bevölkerungsentwicklung. Es gibt immer weniger junge Menschen - und die haben offenbar andere Konsumgewohnheiten als ihre Eltern. Im Ausland aber bleibt die Nachfrage nach deutschem Gerstensaft hoch: An der Spitze der Exportmärkte stand im vorigen Jahr Italien, gefolgt von Frankreich und den Niederlanden. „Ermutigende Trends“ sehen die deutschen Brauer auch in China und den USA. In Deutschland werden alkoholfreie Sorten immer beliebter. Beim europäischen Konsum liegen übrigens seit Jahren die Tschechen an der Spitze.
Die Klosterbrauerei im brandenburgische Neuzelle hat mehr als 40 verschiedene Biere im Angebot, darunter mit Spargelsaft versetztes Bier - passend zur Saison und seit neuestem auch Heubier sowie mit Aroma-Hopfen gebrautes Gourmet-Pilsener. „Wir setzen schon immer auf Nischen“, sagt Sprecherin Sharline Fischer. Dass Großbrauereien das Craft-Bier für sich entdecken, sieht sie eher kritisch: „Es ist die Frage, ob es dann noch ums reine Handwerk geht.“
Mit den neuen Sorten wollen die deutschen Brauer wieder Lust auf Bier machen. Denn 2013 haben sie das siebte Jahr in Folge weniger Gerstensaft abgesetzt. Die Menge erreichte mit 94,6 Millionen Hektolitern den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.
Für Norbert Gehring, Inhaber der Traditionsbrauerei Wippra (Sachsen-Anhalt) und einer von wenigen Biersommeliers, liegen die Gründe auf der Hand: „Das hat aus meiner Sicht vor allem mit der geschmacklichen Eintönigkeit vieler Industriebiere zu tun.“ In den USA habe sich vor gut zehn Jahren - ebenfalls in einem durch Großbrauereien dominierten Markt - eine kleine Szene von Brauern entwickelt, die mit Rohstoffen experimentierten und auf handwerklich hergestelltes Bier setzten. „Die Bewegung ist hier schwer im Kommen.“
In Sachsen wurden im Vorjahr rund 7,9 Millionen Hektoliter Bier verkauft, in Sachsen-Anhalt waren es rund 2,4 Millionen und in Thüringen 3,5 Millionen. In Berlin und Brandenburg flossen rund 3,8 Millionen Hektoliter Bier. Alle vier Bundesländer verbuchten einen Rückgang. Gebraut wird im kleinen Gasthaus bis hin zur Großbrauerei.„Der Markt ist vielfältig“, sagt der Geschäftsführer des Sächsischen Brauerbundes, Reinhard Zwanzig. Allein in Sachsen gibt es 57 Braustätten, davon 30 Brauerei-Gasthöfe und sieben
Konzerntöchter wie etwa die zur Bitburger Gruppe gehörende Wernersgrüner Brauerei oder die Radeberger Brauerei (Radeberger Gruppe). „Die vielfältige Brauereilandschaft in Sachsen ist einzigartig im Osten“, so Zwanzig.
Im benachbarten Sachsen-Anhalt werde die Bierlandschaft vor allem durch Hasseröder bestimmt, das zum belgisch-brasilianischen Braukonzern ABInBev gehört. Von einer kleinen Brauerei in Ostdeutschland habe sich das Unternehmen zunehmend gemausert, so ein Sprecher. Werden heute mehr als 2,5 Millionen Hektoliter verkauft, waren es Mitte der 90er Jahre noch eine Million Hektoliter.
In Thüringen gibt es laut Brauerbund rund 25 Brauereien, zu den größten zählt die zur Bitburger Gruppe gehörende Köstritzer Brauerei. Vor allem mit seinem Schwarzbier konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben 2013 ein Umsatzplus verbuchen - ohne genaue Zahlen zu nennen. Das Bier werde mittlerweile in 55 Länder verkauft, hieß es. Darunter auch auf die Kaimaninseln, an die Elfenbeinküste und den Oman.
Der deutsche Biermarkt werde sich wandeln, davon ist Sommelier Norbert Gehring überzeugt. „Hin zu mehr Vielfalt.“ Weltweit gebe es 30 verschiedene Malz- und 180 Hopfensorten. „Da können noch viele unterschiedliche Biere gebraut werden. Und alle nach dem Reinheitsgebot.“ Das Craft-Bier sieht er nicht als Konkurrenz für die großen Massenbiere - eher als Gewinn und Belebung des Marktes. „Wenn Bier wieder zum Kulturgut wird, profitieren alle davon.“ (dpa)
