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SternenjagdAuf der Suche nach der Dunkelheit

6 min

Gibt es eine Alternative zur Erde? Foto: Yuri Beletsky/eso

Behutsam werden die Koffer aus den Autos gezogen. Als wäre wertvolles Porzellan darin enthalten, wird das mysteriöse Gepäck über die große Wiese am Rhein bugsiert. Während das Wasser gemächlich an ihnen vorbeifließt, schauen die Männer mit den Koffern leicht nervös auf ihre Uhren: Es ist halb Acht am Abend, die Sonne steht tief und rot am Horizont, der Tag verabschiedet sich langsam. Mittlerweile haben sich ein paar Schaulustige am Rand der Wiese in Bornheim versammelt, um dem Schauspiel zuzusehen. Tasche um Tasche sammelt sich in der Mitte der Gruppe. Silberne Kästen aus Aluminium und Rucksäcke stapeln sich. Während die Zaungäste schon anfangen zu raunen, ziehen die Männer mit einem Mal große, lange Röhren aus den Schutzhüllen. Teleskope. Sie werden auf große Stative montiert, es wird geschraubt, justiert, überprüft. Kritische Blicke, auf die Uhr, zum Himmel, zu den Instrumenten. "Weiß jemand, wo Norden ist?", fragt ein Mann mit weißem Haar und Brille. Ein anderer zeigt mit dem Finger die Richtung an.

Es ist ein Ritual, das sich Monat für Monat vollzieht. Sobald der Mond wieder voll und rund am Himmel steht, treffen sich die Mitglieder des Köln-Bonner Astrotreffs, kurz KBA, zum Stammtisch in der Pizzeria Nuraxi in Hersel: Software-Entwickler, Wissenschaftler, Buchautoren, Journalisten, Blogger, Musiker aus Köln, Bonn und der Umgebung. Sie alle vereint die Liebe zum Nachthimmel. Männer und Frauen, die beim Anblick eines klaren Sternenhimmels leuchtende Augen bekommen. Und dann sogleich das wertvolle Instrumentarium aus der Garage holen, ins Auto räumen und kilometerweit zu einem einsamen, dunklen Fleckchen fahren, um Sterne zu beobachten.

Es sind Menschen, die die kleinen Lämpchen in ihrem Wagen mit schwarzem Klebeband zukleben, damit das Licht die Dunkelheit nicht stört. Die in kalten Nächten stundenlang auf Zeitungsstapeln stehen, damit die Füße nicht frieren, und stundenlang regungslos durch ihre Teleskope schauen. Manch einer auch in einem jener weißen Anzüge, die man eigentlich in Kühlhallen trägt. Scheinbar verrückte Nachtschwärmer.

Für ihre Leidenschaft geben sie viel Geld aus. Mehrere hundert Euro kostet ein Teleskop, manch eines auf der Herseler Wiese sogar mehrere tausend. Und die Ehefrauen kosten die Geräte zuweilen einiges an Nerven. Etwa die von Wolfgang Zaude, dem Mann mit der Brille und dem Haar, das so weiß ist wie das brandneue Newton-Teleskop, das er gerade ausrichtet. "Gerade erst gekauft", erklärt er grinsend. "Sagt meiner Frau nichts."

An diesem Freitagabend sind etwa ein Dutzend Männer des KBA gekommen, um Beobachtungsteleskope aller Farben und Formen aufzubauen: Doppel-Refraktoren, Dobson- und Spiegelteleskope. Ihr Jagdobjekt heute: der Mond und der Planet Jupiter - wenn es das Wetter zulässt.

Angefangen hat alles vor nicht ganz zehn Jahren. Der Kölner Hobbyastronom Andreas Dumm hatte keine Lust mehr, alleine in der Dunkelheit zu stehen, und gründete eine einfache Online-Gruppe. Anfangs war die Mitgliederliste überschaubar. Doch die Existenz der neuen Gruppe sprach sich herum unter den Sternfreunden der Region, das elektronische Postfach wurde immer voller. Grund genug für Dumm, ein Internetforum zu eröffnen. Jeder konnte nun mit jedem diskutieren und sich austauschen über Refraktoren, Okulare, Planetenlaufbahnen und günstige Beobachtungsorte. Man traf sich und stand auf einmal nicht mehr allein im Dunkeln.

Inzwischen hat der KBA etwa 100 Mitglieder. Der Kern der Hobby-Astronomen trifft sich bis heute regelmäßig, um neue Geräte zu präsentieren und gemeinsam die funkelnden Punkte am Nachthimmel zu bestaunen. Doch es gibt ein Problem.

Die funkelnden Punkte, die Sterne am Firmament, sie werden weniger. Nach und nach verschlingt das Licht der Großstädte die Nacht. "Lichtverschmutzung" nennen das die Sternegucker. Sie müssen immer weiter weg fahren, manchmal bis in die Eifel, um diesem rötlich-orangen, milchigen Lichtschein am Himmel zu entkommen, der die Sicht auf die Sterne erschwert. "Diese Lichtverschmutzung wird immer schlimmer", klagt Christian Kiefer. "Die Reklametafeln und die viele Straßenbeleuchtung geben so viel Licht in die Umgebung ab, dass man in den Städten und in der direkten Umgebung nur noch eine Handvoll Sterne beobachten kann." Das Problem sei, dass die Lichtquellen einfach falsch gebaut sind: Sie gäben zu viel Licht nach oben ab. Dabei wäre es mit der richtigen Konstruktion problemlos möglich, mehr Helligkeit auf die Straße zu lenken und weniger in den Himmel. "Wenn die Lichtverschmutzung so weitergeht, brauchen wir tatsächlich Dunkel-Reservate, um überhaupt noch einen Stern erkennen zu können."

Verschmutzung, Reservate - eigentlich Begriffe von Naturschützern. Tatsächlich sieht der Astrotreff den Nachthimmel als Naturgut, das es zu bewahren gilt. Nicht seltene Tierarten, nicht aussterbende Pflanzen, sondern die immer knapper werdende Dunkelheit in den Ballungszentren bereitet den Mitgliedern des KBA Sorgen. Nicht nur, weil es immer schwieriger wird, mit einem Teleskop Galaxien und Sternhaufen zu erkennen. Sondern vor allem, weil Familien und Kinder immer weniger vom Nachthimmel sehen. Und was nicht gesehen wird, für das kann man sich auch nicht interessieren. "Ich habe tatsächlich mal einen Jungen getroffen, der wusste nicht einmal, wie die Mondphasen entstehen", sagt Hobby-Astronom Kiefer. "Das finde ich bedenklich."

Kiefer selbst hat schon seit Jahren nicht mehr das leicht bläuliche Band der Milchstraße von Köln aus gesehen. Dazu muss er mittlerweile nach Palma fliegen, auf die Urlaubsinsel Mallorca. "Dort habe ich so viele Sterne gesehen, dass ich zunächst völlig überfordert war. Ich war verloren. Ich musste mich völlig neu am Nachthimmel orientieren. Aber es war sehr beeindruckend."

Sterne sind mehr als weiße Punkte

Der Köln-Bonner Astrotreff möchte auf dieses Problem aufmerksam machen. Und hat ein sehr wirksames Mittel gegen die Lichtverschmutzung und das Vergessen der Sterne: die Faszination. Die Mitglieder gehen in Schulen und planen Veranstaltungen mit der Bonner Volkssternwarte, um ihre Liebe zu den Sternen zu teilen.

Wie sehr diese Begeisterung ansteckt, weiß Paul Hombach. Er arbeitet schon viele Jahre für die Sternwarte und ist unter den Hobby-Astronomen so etwas wie ein Fernsehstar: Er moderiert die Internetsendung "Sternstunde". "Wenn die Kinder durch das Okular schauen, staunen sie erst einmal. Sie sehen etwa, dass der Mond nicht nur eine weiße Scheibe ist, sondern eine Kugel mit vielen Kratern", sagt Hombach. Und viele von ihnen erkennen zum ersten Mal, dass die Sterne mehr sind als weiße Punkte, die ein bisschen funkeln. Sondern Planeten, Sonnen und ganze Sonnensysteme, die sich am Nachthimmel entlang bewegen. "Wir hoffen, so möglichst viele Menschen für die Sterne zu begeistern", sagt Hombach. "Damit auch sie merken, dass die Sterne ein Teil unserer Natur sind."

Auch die Bornheimer Zaungäste, die anfangs noch zaghaft den Hobby-Astronomen beim Aufbau zugeschaut haben, stehen jetzt mitten unter ihnen und blicken durch die Teleskope. Die Sonne hat sich längst verabschiedet, der Mond beherrscht den Abendhimmel und wird von zahlreichen Augenpaaren bewundert. Es herrscht gespenstische Stille, nur das leise Plätschern des nahen Rheins ist zu hören. Und ab und zu ein leises: "Wow!" Die Nacht scheint neue Schwärmer gefunden zu haben.