Noch nie wurden die Menschen in unseren Breiten so alt wie heute. Wer derzeit in Deutschland geboren wird, darf auf ein Leben hoffen, das mehr als 80 Jahre dauert. Der Wunsch, so alt wie nur möglich zu werden, besteht nach wie vor. Neidisch schaut man etwa nach Japan, wo fast 48 000 Menschen 100 Jahre oder älter sind, und fragt sich, wie man eine ähnliche Lebensspanne erreichen kann.
Neben den Genen, die den groben Rahmen für die Lebenserwartung stecken, werden auch zahlreiche Lebensstilfaktoren diskutiert, die angeblich den Tod hinauszögern können.
Wie etwa eine kalorien- und fleischarme Ernährung, Sport, Heirat und eine religiöse Einstellung, doch die Datenlage zu ihnen ist widersprüchlich und lückenhaft. Außerdem funktionieren sie nur, wenn sie von Selbstdisziplin, Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Beharrlichkeit und anderen sogenannten Sekundärtugenden angetrieben werden - und tatsächlich sind sie es, die am effektivsten für ein langes Leben sorgen können.
Sparsam und Beharrlich sein
Ein Forscherteam um den amerikanischen Psychologen Howard Friedman verglich die Persönlichkeitsmerkmale von 1500 Männern und Frauen mit deren Lebenserwartung, und das Resümee lautet: "Wer sparsam, beharrlich, detailorientiert und verantwortungsvoll ist, lebt am längsten." Und: "Gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren 70 Prozent unserer männlichen und 51 Prozent unserer weiblichen Probanden gestorben - und es waren vor allem die Undisziplinierten, die das Zeitliche gesegnet hatten." Das klingt wenig tröstlich für die unsteten Chaoten, während pflichtbewusste Pedanten auf ein langes Leben hoffen dürfen.
Andere Forscher liefern Bestätigungen und Ergänzungen zu dieser These. In einer schottischen Studie an knapp 70 000 Menschen zeigten sich nicht etwa Originalität und Selbstsicherheit als lebensverlängernde Faktoren, sondern Intelligenz und Zuverlässigkeit. Wer diese beiden Faktoren auf sich vereinen konnte, hatte im Beobachtungszeitraum von 1968 bis 2003 eine Sterbequote von 9,9 Prozent, während die Probanden mit niedrigen IQ- und Zuverlässigkeitswerten auf 24,4 Prozent kamen. Neben Zuverlässigkeit und Disziplin stellten sich in weiteren Studien auch Ordnungsliebe, Zielstrebigkeit und Vorsicht als lebensverlängernd heraus.
Doch warum ist das so? Der erste und vielleicht offensichtlichste Grund ist, dass Menschen mit diesen Eigenschaften mehr für den Erhalt ihrer Gesundheit tun und weniger riskante Dinge unternehmen. Beispielsweise trinken und rauchen sie weniger, und auch beim Autofahren finden sie eher das Brems- als das Gaspedal.
Sie sind aber auch in der Regel psychosomatisch robust. "Personen mit geringen Disziplinwerten neigen öfter zu klinischer Depression und Angst", erklärt die amerikanische Altersforscherin Renee Goodwin. "Sie leiden öfter unter Ischias und Gelenkschmerzen. Zudem erkranken sie öfter an Tuberkulose, Diabetes und Schlaganfällen."
Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber einer der wichtigsten ist sicherlich, dass undisziplinierte Menschen sich eher erschöpfen und dadurch anfälliger für Krankheiten werden.
Denn wer alles anfängt und nie zu Ende bringt, wer ständig zu spät zu Terminen kommt, sich beim Üben fürs Examen ablenken und beim Gang durch den Supermarkt von Impulskäufen leiten lässt, verschwendet nicht nur Zeit und Geld, sondern auch seine körperlichen und psychischen Reserven.
Gründe genug also, auf dem Weg zum langen Leben vor allem auf die Sekundärtugenden zu setzen. Doch die haben derzeit ein schlechtes Image, denn sonst hießen sie Primärtugenden.
Disziplin, Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Vorsicht passen nicht zu einer Gesellschaft, in der die freie Entfaltung des Individuums an vorderster Stelle steht. Sie gelten schlichtweg als langweilig - und damit will niemand etwas zu tun haben.
Tatsache ist freilich, dass ein langlebiger Langweiler vielleicht auf andere Menschen langweilig wirken mag, sich selbst aber überhaupt nicht langweilt. Denn dadurch, dass er mit seinen Sekundärtugenden seine Kräfte bündelt, bringt er enorm viel zustande - und das macht in der Regel mehr Spaß, als wenn man wenig bis nichts zustande bringt.
Geistreich bis ins hohe Alter
Wie man als - äußerlich betrachtet - langweiliger Mensch dem Tod lange Zeit ein Schnippchen schlagen kann, zeigt das Beispiel des ältesten Menschen aller Zeiten: die Französin Jeanne Clement. Sie starb am 4. August 1997 - im Alter von 122 Jahren und 164 Tagen.
Über sie wurde eigentlich erst berichtet, nachdem sie 120 Jahre alt geworden war. Aber selbst da reichte es nicht für eine Biografie, die ergiebig genug für einen Hollywood-Film gewesen wäre. Denn in ihrem Leben passierte nicht gerade viel, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie wir landläufig ein ereignisreiches Leben verstehen würden. Aber dafür hatte die Französin, die übrigens bis ins hohe Alter genussvoll Zigaretten rauchte, etwas anderes zu bieten, das man neben den preußischen Tugenden auch nicht vernachlässigen sollte, wenn man alt werden will: Humor.
Als ihre Heimatstadt zu einem ihrer späten Geburtstage eine Feier ausrichtete, verabschiedete sich einer der Gäste mit der wenig galanten Floskel: "Bis nächstes Jahr, vielleicht." Worauf Madame Clement trocken konterte: "Warum nicht? Du siehst doch gar nicht so schlecht aus."
Unser Autor hat zum Thema ein Buch verfasst: "Langweiler leben länger. Über die wahren Ursachen eines langen Lebens" (Gütersloher Verlag).
