Basel/Schweiz – Für Christian Cajochen, Leiter des Zentrums für Chronobiologie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel, sieht es "so aus, als ob der Mondzyklus den menschlichen Schlaf beeinflusst". Vier Jahre lang hat der Forscher mit sich gerungen, ob er seine Ergebnisse überhaupt publizieren sollte. Sich mit solchen Themen zu beschäftigen, ist heute fast ein Tabu. Auch Cajochen will mit Astrologie und Esoterik lieber nichts zu tun haben: "Aber ich muss schon sagen, die Effekte sind da, und man kann sie nicht bestreiten."
33 gesunde Männer und Frauen hatten von Juni 2000 bis Dezember 2003 an Experimenten in einem Schlaflabor teilgenommen. Dabei spielte der Mond ursprünglich gar keine Rolle. Erst viel später, in einer Vollmondnacht, die sie in einer Bar am Rhein verbrachten, kamen die Forscher auf die Idee, die Daten neu auszuwerten und zum Mondkalender in Beziehung zu setzen. Ergebnis: In den Tagen um den Vollmond hatten die Probanden im Durchschnitt fünf Minuten, in Einzelfällen bis zu 14 Minuten länger gebraucht, um einzuschlafen. Sie schliefen 20 Minuten kürzer und hatten 30 Prozent weniger Tiefschlaf.
Zugleich war der Spiegel des "Schlafhormons" Melatonin deutlich reduziert. "Den Probanden wie den Forschern war zu keinem Zeitpunkt bewusst, dass es im Nachhinein um eine Analyse bezogen auf die Mondphase gehen würde", betonen die Schweizer im Fachblatt "Current Biology". Besonders deutlich waren Änderungen der Hirnaktivität im sogenannten Deltabereich, der für den Tiefschlaf typisch ist. "Fünf Minuten länger, um einzuschlafen, scheint nicht viel", sagte Cajochen. "Aber für einen guten Schläfer, der normalerweise fünf Minuten braucht, wie bei uns, ist es das Doppelte - alles ist relativ!"
Der mögliche Wirkmechanismus ist noch rätselhaft. Am Mondlicht kann es nicht gelegen haben, denn das Schlaflabor hat keine Fenster. Die Anziehungskraft des Mondes ("Gravitation") wirkt nur auf größere Körper, wie Physiker den Biologen erklärten. Bleibt die Möglichkeit einer "circalunaren" Uhr, die im Rhythmus des Mondes tickt - vergleichbar mit der "circadianen" Uhr, die den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Eine solche innere Uhr, die sich am Mond orientiert, gibt es bei vielen Tieren, vor allem bei zahlreichen Meereslebewesen wurde sie nachgewiesen. Noch bis Anfang der 1980er Jahre seien der Tag-Nacht- und der Mondrhythmus auch in der Forschung gleichberechtigt gewesen, stellte die Wiener Neurobiologin Kristin Tessmar-Raible fest. Das änderte sich schlagartig nach der Entdeckung des ersten Gens für eine innere Uhr bei Fruchtfliegen: "Alles in der Molekularbiologie schaltete auf Phänomene um, die man in Fruchtfliegen und Mäusen sehen kann. Die haben aber nur circadiane Rhythmen."
Mondrhythmen seien "nicht so augenfällig und darum nicht leicht zu dokumentieren - aber sie existieren", meint Cajochen. "Manche Leute könnten für den Einfluss des Mondes ein besonderes Gespür haben." Jürgen Zulley, prominenter Schlafforscher aus Regensburg, hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Ergebnisse auf einem Zufall beruhen, obwohl auch er einräumt, dass die Beobachtungen statistisch signifikant seien und die Studie ordnungsgemäß durchgeführt wurde. Mit bildgebenden Verfahren und der Messung von Hirnströmen wollen die Forscher nun nach den neuronalen Fundamenten einer mutmaßlichen Mond-Uhr in Menschen suchen. Eines zumindest ist Cajochen schon gelungen: Er hat das Thema - fern jeder Esoterik - wieder hoffähig gemacht.
