Der Neue braucht keine fünf Minuten, um an seiner neuen Dienststelle beim LKA in Hamburg seine Visitenkarte abzugeben - was drei finstere Herren des Astan-Clans das Leben kostet. Ex-SEK-Mann Nick Tschiller ist schneller und brutaler als die Zuhälter. James Bond an der Alster. Die hektische Handkamera kommt kaum nach. Auch Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim) nicht, der bald angeschossen in der Ecke liegt. Nick, der nach Sekunden den ersten Kratzer auf der Sorgenstirn hat, sagt sein erstes Wort: "Fuck". Noch nie hat sich ein "Tatort"-Kommissar so drastisch vorgestellt wie Til Schweiger alias Nick Tschiller.
Es geht rund von Anfang an. Ein purer Action-Thriller. "Gutes Popcorn-TV" nennt NDR-Fernsehspielchef Christian Ganderath das, Kino im Fernsehen. Regisseur Christian Alvart beherrscht das, und Til Schweiger verkörpert den Turbo-Cop sehr glaubwürdig. Die Mimik bleibt wie eingefroren - 90 Minuten lang. Eher beiläufig, eine Spur zu routiniert vielleicht, streut die Regie biografische Details und Krimi-Klischees ein, so dass sich nach einer Viertelstunde jeder ein Bild von dem Polizei-Rambo mit dem Dackelblick machen kann: Er war Ermittler beim LKA in Frankfurt, Mitglied eines SEK, war mit der schönen Isabella (Stefanie Stappenbeck) verheiratet, mit der er die schöne 15-jährige Tochter Lenny (Schweigers Tochter Luna) hat, um die er sich ganz lieb kümmert, wird von der schönen Staatsanwältin Hanna Lennerz (Edita Malovcic) bedrängt, die Tschillers Todesschüsse untersucht, ihm ansonsten wohlwollend auf den Hintern schaut. Der Cop als Sexobjekt. Alles ist auf Schweiger zugeschnitten. Der Plot des Films ist schnell erzählt. Der Astan-Clan treibt im großen Stil Mädchenhandel. Mit der Hamburger Polizei herrscht Kiezfrieden - bis der Neue im Revier, Tschiller, ein Mädchennest des Clans aushebt, dabei drei Zuhälter erschießt. Am "Tatort" trifft Tschiller einen alten Freund, den Ex-Kollegen Max Brenner (Mark Waschke), bald auch eine Freundin aus Frankfurter Zeiten, Sandra (Marvie Hörbiger). Tschillers Aufmerksamkeit richtet sich aber auf die junge Prostituierte Tereza (Nicole Mercedes Müller), die er aus den Fängen des Clans befreit hat und nun als einzige Zeugin schützen muss.
Der kriminalistisch mitdenkende Zuschauer schüttelt den Kopf über Tschillers selbstmörderische Alleingänge. Ein erfahrener SEK-Mann müsste wissen, dass sich so etwas nicht gehört. Dass er irgendwann deswegen von seinem kantigen Chef (Tim Wilde) suspendiert wird, aber gleich anschließend ein SEK beim Sturm auf ein Haus anführt, gehört ebenso zu den Ungereimtheiten von "Willkommen in Hamburg" wie der Moment, als sich die flüchtende Tereza ganz, ganz zufällig auf die Baustelle der Elbphilharmonie verirrt und blutend auf dem Dach des unvollendeten Konzerthauses zusammenbricht. Tschiller findet sie: Zwei Gestrandete kauern zwischen Kränen auf der Mondlandschaft der Elbphilharmonie. Tolles Bild. Völlig unmotiviert. Na und? Regisseur Alvart liefert solide aufgebaute, exzellent gefilmte Action, gute Schauspieler und eine klar strukturierte, geradlinige Kriminalgeschichte. Der Hamburger "Tatort" serviert neben Action betörende Schauwerte, Momente Schweigerschen Familienkuschelns. Alvart sagte, sein Film sei eine Art "Lethal Weapon an der Waterkant, ein temporeicher, testosterongesteuerter 'Tatort', bei dem es kracht, brennt und raucht". Schweiger als Tschiller ist eine Action-Figur von internationalem Zuschnitt, ein Bruce Willis - allerdings für Arme, denn der Kawummfaktor in Hollywood ist deutlich höher.
Lokalkolorit spielt beim Hamburger "Tatort" keine Rolle. Tschiller könnte überall sein Revier haben. Und sein "Tatort" beginnt nicht mit einem Mord, woran sich Ermittlungen anschließen. Hier ist der Mörder - überspitzt ausgedrückt - der Kommissar. Die Entscheidung für Schweiger, der auf den brillanten, aber mit lausigen Quoten abgestraften Hamburger Kollegen Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) folgt, wurde heftig diskutiert. Auf Facebook gründete sich die Gruppe "Til Schweiger darf nicht 'Tatort'-Kommissar werden", die mit 500 "Likes" weit abgeschlagen hinter der offiziellen Schweiger-Seite liegt. Die finden fast 400 000 Menschen gut. Schweiger machte es der "Tatort"-Gemeinde aber auch nicht leicht. Erst krittelte er an der sakrosankten Eingangssequenz des "Tatorts" herum, meinte, der Vorspann ließe sich modernisieren. Dann maulte er über das "Tatort"-Budget. Dabei liegt der Etat von "Willkommen in Hamburg" angeblich bei satten zwei Millionen Euro. Eine Folge "Tatort" liegt gewöhnlich bei 1,3 bis 1,5 Millionen Euro. Tatort: Willkommen in Hamburg, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD Baller-Mann: Nick Tschiller (Til Schweiger) räumt in Hamburg mit Waffengewalt auf.
