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TierweltErdmännchen sind sehr geduldige Lehrer

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Ein Erdmännchen sitzt aufrecht beim Sonnenbad. hr Wärme leitendes Fell ermöglicht es ihnen, Hitze abzugeben, ohne zugleich Wasser zu verlieren.

Ein kleiner Trost für alle, die sich nicht so gerne an die Schulzeit erinnern: Anstrengende Lektionen und endlose Wiederholungen gehören auch bei manchen Tieren zum Alltag - und zahlen sich aus. Verhaltensforscher kennen inzwischen etliche Arten, die ihren Nachwuchs fürs Leben schulen. Und es gibt auch Tiere, die eine Art Fortbildung für ihre Arbeitskollegen anbieten.

Dabei hätte die Vorstellung von einem tierischen Schulwesen noch vor kurzem skeptisches Kopfschütteln ausgelöst. Es war zwar bekannt, dass Tiere von ihren Artgenossen lernen können, wie man an Futter kommt und Feinden aus dem Weg geht. Aber Lehrer, die das Verhalten ihrer Schüler beeinflussen und ihnen das Lernen leichter machen? Das schien eher eine menschliche Erfindung zu sein. Zumal viele Forscher die Messlatte für eine solche Tätigkeit sehr hoch legten: Ein echter Lehrer müsse sich in andere hineinversetzen und deren Wissensstand einschätzen können - eine anspruchsvolle geistige Leistung.

Lernen, einen Skorpion zu erbeuten

Prägung: Vogelküken prägen sich schon vor dem Schlüpfen die Rufe und später auch das Aussehen ihrer Eltern ein. Für diese Form des Lernens sind sie nur während einer begrenzten Phase in ihrer Jugend empfänglich. Wenn sie in dieser Zeit mit Menschen statt mit Artgenossen zu tun haben, können sie auch auf diese Weise geprägt werden. Klassische Konditionierung: Das bekannteste Tier, das auf diese Weise etwas gelernt hat, war der Pawlow'sche Hund. Der machte die Erfahrung, dass er beim Läuten einer Glocke Futter bekam. Nach einiger Zeit genügte schon das Geräusch allein, damit ihm der Speichel im Maul zusammenfloss. Diese Form der Konditionierung wurde damit erstmals nachgewiesen. Operante Konditionierung: Sehr häufig lernen Tiere, dass sie durch ein bestimmtes Verhalten ein gewünschtes Ziel erreichen können. Beispielsweise kann man einem Hund problemlos beibringen, auf Befehle zu reagieren. Wichtig für das Tier ist dabei die Belohnung. So lernt der Hund eine bestimmte Verhaltensweise, weil sie positive Folgen hat.

"Selbst beim Menschen funktioniert das Unterrichten allerdings oft auch auf einfacheren Wegen", sagt Alex Thornton von der University of Cambridge. Wer einem Kind das Laufen beibringen will, muss die Welt ja nicht unbedingt aus dessen Perspektive sehen. Es genügt, den Nachwuchsläufer zu unterstützen und auf sein Verhalten zu reagieren. Und zu dieser Form von pädagogischem Einsatz sind Tiere offenbar in der Lage. Dabei sind es erstaunlicherweise nicht die üblichen Verdächtigen aus der Menschenaffen-Verwandtschaft, die durch ihre Bemühungen auffallen.

So haben Alex Thornton und seine Kollegen jahrelang das Sozialverhalten von Erdmännchen in Südafrika beobachtet. Diese geselligen kleinen Raubtiere leben in Gruppen mit bis zu 40 Mitgliedern zusammen, die sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern.

Potenzielle Lehrer gibt es also genug - und die sind auch dringend nötig. Auf dem Speiseplan der Tiere stehen zwar Pflanzen und Pilze. Die Hälfte ihrer Nahrung aber besteht aus Insekten und Kleintieren, die mitunter nicht nur flink, sondern auch wehrhaft sind. Einen giftigen Skorpion zum Beispiel muss man erstmal zur Strecke bringen, ohne selbst zu Schaden zu kommen. Das lernen die Tiere nicht durch bloßes Zuschauen, sondern durch Übung. Also bringen die erwachsenen Profis ihren Schülern erst einmal einen toten Skorpion mit. Als nächstes setzen sie ihnen ein lebendes Exemplar vor, dem sie sicherheitshalber den Giftstachel ausgerissen haben.

Dabei bleiben die Trainer immer an der Seite ihrer Schützlinge und beobachten, wie sie zurechtkommen. Wenn diese sich keinen Angriff zutrauen, geben sie ihnen auch mal einen ermutigenden Schubs. "Wenn nötig, fangen sie entkommene Beute auch wieder ein und verstümmeln sie zusätzlich", berichtet Alex Thornton. So werden die Nachwuchsjäger mit der Zeit sicherer. Und irgendwann steht dann auch ein lebendes Beutetier auf dem Programm.

Ozean wird zum Klassenzimmer

Wann es soweit ist, entscheiden die Lehrer anhand der Bettelrufe ihrer Schüler, die sich im Laufe der Wochen verändern. Mit etwa 90 Tagen können sich die jungen Erdmännchen dann selbst versorgen. "Das ist ein klarer Fall von Unterricht", sagt Thornton. "Der Lehrer bietet seinen Schülern die Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu trainieren."

Auch der Ozean kann zum Klassenzimmer werden. Courtney Bender von der Florida Atlantic University und ihre Kollegen haben das bei weiblichen Zügeldelfinen beobachtet, die am Meeresboden vor den Bahamas nach Fischen stöberten. So verhielten sich die neun beobachteten Delfinmütter im Beisein ihres Nachwuchses anders, als wenn sie allein oder mit erwachsenen Artgenossen unterwegs waren. Sie richteten ihren Körper immer wieder auf ihr angepeiltes Opfer aus - möglicherweise, um die Aufmerksamkeit der Jungtiere in die richtige Richtung zu lenken.

Zudem dauerte jeder Fischzug unter den Augen des Kalbes deutlich länger als sonst: Die Mutter nahm sich Zeit, mit dem Opfer zu spielen, es scheinbar entkommen zu lassen und es dann demonstrativ wieder aus dem Sand zu buddeln. Oft durfte das Jungtier an der Jagd teilnehmen und bekam die Beute. Zwar wurden die Schüler oft noch gestillt und waren daher nicht auf Fischmahlzeiten angewiesen. Doch praktisches Training ist auch für junge Delfine offenbar wichtig.

Doch selbst wer es nur auf leicht zu erlegende Beute abgesehen hat, kann von erfahrenen Lehrern profitieren. Das schließen Jessie Bunkley und Jesse Barber von der Boise State University in den USA aus einem Laborversuch mit Wüstenfledermäusen. Ein Weibchen wusste in diesem Fall bereits, wo die Forscher die schmackhaften Mehlwürmer versteckt hatten - und zögerte nicht, ein noch ahnungsloses Männchen ebenfalls dorthin zu lotsen. Innerhalb von Minuten kam der flatternde Schüler hinter das kulinarische Geheimnis, während seine Artgenossen ohne Lehrerin dafür zwischen vier und zwölf Nächte brauchten.

Ein solches Pfadfinder-Coaching scheint nicht viel Grips zu erfordern. Selbst bei Ameisen, die nicht als geistige Überflieger gelten, gibt es ähnliche Beispiele. So haben Nigel Franks und Tom Richardson von der University of Bristol eine Art namens Temnothorax albipennis beobachtet, bei der sich immer zwei Tiere zu einem Team zusammenschließen: Das eine kennt den Weg zu einer Futterquelle, das andere lässt sich hinführen. Beide koordinieren ihr Tempo und ihre Laufrichtung dabei sehr geschickt. So bleibt die krabbelnde Schülerin immer wieder stehen, um sich Orientierungspunkte einzuprägen. Erst wenn sie ihre Führerin ein paar Mal mit den Fühlern angestupst hat, geht es weiter. Doch es führt zum Erfolg.

Die Gruppe profitiert vom Unterricht

Zwar verliert die führende Ameise viel Zeit, ohne Verfolgerin könnte sie das Ziel viermal so schnell erreichen. Dafür lernt das unwissende Insekt die Route viel rascher als auf eigene Faust und kann dann wiederum andere Artgenossen hinführen. So verbreitet sich die Information schnell durch die ganze Kolonie. Ob sich eine Tierart Lehrer leistet, hängt nach Ansicht der Forscher also eher vom Wert der Information ab: Wie dringend brauchen die Schüler dieses Wissen? Könnten sie es sich auch allein aneignen? Oder würde das länger dauern?

Die Evolution hat offenbar recht strenge Kriterien für die Effizienz von Bildungssystemen. Schließlich muss der tierische Pädagoge seine eigenen Interessen vorübergehend zurückstellen, Zeit und Energie investieren. Das sollte sich dann auch lohnen. Vielleicht kann er durch seinen Einsatz die Phase verkürzen, in der die Jungtiere von ihm abhängig sind. Oder er verschafft seinen Nachkommen und damit auch den eigenen Genen bessere Überlebenschancen.

Bei geselligen Tieren kann die ganze Gruppe von einem guten Unterricht profitieren. "Langfristig müssen solche Vorteile jedenfalls die Kosten für die Lehrer überwiegen", erläutert Alex Thornton. Arten, bei denen das nicht der Fall ist, verzichten lieber auf pädagogische Ambitionen. Für alle anderen gilt: Schule ist lebenswichtig. Und Schwänzen kommt nicht infrage.