Osterferien vor fünf Jahren. Die Erinnerung daran tut Laura Melzer bis heute weh. Sie war damals 17. "Wir hatten eine Familienfeier und alles war sehr schön", erzählt sie. Doch am nächsten Morgen war in ihrem Leben schlagartig nichts mehr so wie zuvor. "Wir müssen jetzt stark sein", erinnert sich Laura Melzer noch genau an die Worte ihrer Mutter, als diese ihr sagte, sie habe ihren Vater tot im Bett aufgefunden. Mit 62, gestorben an einem Herzinfarkt.
"Ich war im ersten Moment in einem Schockzustand und habe gar nichts mehr wahrgenommen", erzählt die heute 22-jährige Psychologie-Studentin. Doch nach dem allerersten Schock habe sie einfach weitergemacht. "Ich war damals kurz vor dem Abi, außerdem habe ich den Führerschein gemacht", sagt sie. Die richtige Trauer sei erst viel später gekommen, als in ihrem Leben wieder etwas Ruhe eingekehrt war. "Auf einmal waren da Gefühle, die ich vorher noch nie hatte", erzählt Laura Melzer. Da sei eine große Traurigkeit gewesen, aber zwischendurch auch Freude. "Das war ein riesiges Gefühlschaos, in einem Alter, in dem junge Menschen doch eigentlich locker und fröhlich drauf sind."
Gezielt nach Trauerbegleitung gesucht
In dieser Situation habe sie für sich und ihre drei Jahre jüngere Schwester gezielt nach einer Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche gesucht - nach einem Austausch mit jungen Menschen, die einen ähnlichen Verlust erlitten hatten. Denen man nicht erklären muss, wie es einem geht. Die nachempfinden können, wie man fühlt. Für die es okay ist, wenn man einmal vor Wut eine Türe knallt . Und die keine Berührungsängste haben zu fragen: Erzähl mal was von deinem Papa!
Gefunden hat Laura Melzer dies in einer Gruppe von "Domino", einem Trauerverein für Kinder und Jugendliche in Bergisch Gladbach und Leverkusen, der vor vier Jahren auch eine Gruppe in Köln betreute - damals die einzige in der Stadt. Die Nachfragen überstiegen bei weitem die Möglichkeiten des Gladbacher Vereins. Vor vier Jahren gründete sich deshalb auf Initiative von "Domino" und dem Deutschen Kinderhospizverband mit dem Verein "TrauBe" auch in Köln eine ehrenamtliche Initiative zur Begleitung trauernder junger Menschen. "Anfangs hatten wir gar keine eigenen Räumlichkeiten. Da haben wir Jugendliche nachts am Bahnhof beraten oder uns mit Eltern im Café getroffen", erinnert sich Nicole Nolden, die pädagogische Leiterin des Vereins , an die erste Zeit.
Seit nunmehr zwei Jahren hat der Verein in einer großen, lichtdurchfluteten Wohnung an der Aachener Straße ein Zuhause gefunden. Die Zahl der ehrenamtlichen Helfer ist inzwischen auf 65 angewachsen. Aus anfangs einer Gruppe sind inzwischen vier Kindergruppen geworden - darunter eine pferdegestützte Kindertrauergruppe auf einem Reiterhof und eine Trauergruppe speziell für Verlust durch Suizid - und je zwei Gruppen für Jugendliche und junge Erwachsene. Zudem bietet der Verein alle sechs Wochen jungen Erwachsenen und Jugendlichen einen offenen Trauerbrunch. "Pro Jahr begleiten wir etwa 180 Trauernde in unseren Gruppen. Hinzu kommen etwa 500 Erstkontakte und Beratungen." Für Nicole Nolden zeigen diese Zahlen, wie hoch die Unsicherheit mit diesem Thema und der Unterstützungsbedarf für trauernde Familien und Einrichtungen in Köln sind.
Kinder trauern anders als Erwachsene - mehr auf der nächsten Seite
Dabei wollen Eltern unbedingt etwas für ihre trauernden Kinder tun und ihnen in ihrem Schmerz helfen. "Aber Kinder trauern anders als Erwachsene", weiß Nicole Nolden. Sie hüpften sozusagen in Trauerpfützen. Manchmal seien sie, ehe man sich versieht, mitten drin in einem Meer der Traurigkeit. Genauso schnell aber wie sie hineingesprungen sind, sprängen sie aus der Trauerpfütze auch wieder heraus - und blockten eine weitere Beschäftigung mit dem Thema ab.
Vor allem bei trauernden Jugendlichen litten Eltern darunter, dass sich ihre Kinder oft zurückzögen und den Verlust scheinbar verdrängten. Dabei trauerten sie manchmal einfach nur auf andere Art, zu anderen Zeiten oder an anderen Orten.
Trauer ist sehr individuell, betont Nicole Nolden. Die Maxime der "TrauBe" laute deshalb auch: "Alles darf, nichts muss." Wichtig sei nur, dass die Trauer nicht grundsätzlich verdrängt werde. Denn irgendwann hole die Trauer einen ein - oft viele Jahre nach dem schmerzlichen Verlust des Elternteils. Und das mache den Umgang damit nicht leichter.
Jugendlichen und Kindern will die "TrauBe" deshalb in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit bieten, sich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen. Wichtig sei es, den Kindern zu vermitteln, dass ihre Trauer eine ganz natürliche Reaktion auf einen schmerzhaften Verlust sei und dass Trauer nicht bedeute, dass man auf jeden Fall loslassen müsse. "Uns geht es um das Behaltendürfen", erklärt die "TrauBe"-Leiterin. Ganz bewusst legen die Kinder in den Gruppen deshalb zu Beginn ihrer alle zwei Wochen stattfindenden Treffen auch einen Stern mit dem Bild des verstorbenen Angehörigen in die gestaltete Mitte. Sie sind nicht vergessen, sondern in diesem Moment irgendwie wieder mit dabei. Wer mag, darf auch eine Erinnerungskiste bestücken, mit kleinen, alltäglichen Dingen des geliebten Menschen, den sie verloren haben. Kleine Schätze, die sie an die verstorbene Person erinnern und die den Kindern bleiben, auch wenn Vater oder Mutter, Großeltern oder Geschwister gestorben sind.
Kreative Arbeit mit dem Gefühlschaos
Vor allem sollen die Kinder und Jugendlichen in den "TrauBe"-Gruppen aber über ihre Gefühle reden dürfen. Über eine große Traurigkeit, eine manchmal nicht zu bändigende Wut oder auch eine wahnsinnige Leere, die sie ab und an überkommt. Gerade im Umgang mit diesem Gefühlschaos könne den jungen Trauernden die kreative Arbeit helfen. Nicole Nolden erinnert sich an ein Projekt, bei dem Jugendliche ihre Trauer mit Hilfe einer Tonarbeit ausdrucken konnten. "Ich fühle mich wie in Beton gepresst", erklärte ein Jugendlicher, der eine Kugel formte, aus der nur noch ein Kopf herausschaute. In der Wellenform hingegen fand ein junges Mädchen die beste Form, ihre Stimmungslage auszudrücken: "Ich weiß noch nicht, ob ich oben auf der Welle bleibe oder ob mich die Welle aus Tränen verschlingt." Zu Gesprächen oder Kreativarbeiten gezwungen wird in den Gruppen niemand. Alles darf eben, nichts aber muss. Wem mal nicht nach reden ist, der darf sich auch einfach zurückziehen - in den durch eine LED-Wassersäule in ein stimmungsvolles Licht getauchten und mit weißen Kissen ausgestatteten Entspannungsraum oder auch in den komplett mit Matten abgepolsterten Wutraum, in dem man einfach mal mit heftigen Schlägen gegen einen Boxsack seiner Wut freien Lauf lassen darf. "Wir wollen die Kinder und Jugendlichen in ihrer Trauer ein kleines Stück des Weges begleiten, um sie dann wieder ins Leben zu entlassen", betont Nicole Nolden. Die "TrauBe"-Angebote seien so etwas wie ein Geländer, an dem sie sich in schwierigen Zeiten entlang hangeln können.
Ein Geländer, das Laura Melzer sehr viel Halt gegeben hat. "Die Treffen dort haben mir Sicherheit gegeben", sagt sie. "Zu wissen, dass es andere Jugendliche in der gleiche Lage gibt, oder auch ihre Geschichten zu hören, das gibt einem Stabilität zurück." Die Trauer um ihren Vater habe sie inzwischen so für sich verpacken können, dass sie für sie wertvoll sei, wenn sie mal wieder an ihren Vater denke. "Ich habe heute keine Angst mehr vor der Trauer und ich würde keinen Gedanken an meinen Vater unterdrücken", sagt sie. Ihre Erfahrungen mit der Trauer will die 22-Jährige nun auch an andere junge Trauernde weitergeben. Kürzlich hat sie sich deshalb zur ehrenamtlichen Helferin bei der "TrauBe" qualifizieren lassen.
