Herr Schneider, der Mensch ist in der Lage, Staub auf dem Mars zu sammeln, aber dem Staub auf dem eigenen Bücherregal ist er nicht gewachsen. Halten Sie es für möglich, dass der Kampf gegen den Hausstaub eines Tages zu gewinnen ist?
Nein.
Das ist keine gute Nachricht.
Jeder Mensch, wenn er gesund ist, dünstet im Schlaf bis zu einen Liter Wasser aus. Ein Großteil davon wird an die Luft abgegeben. Die Luft verbraucht sich. Sie muss erneuert werden. Ein offenes Fenster ist eine potenzielle Staubquelle.
Woraus besteht Staub überhaupt?
Das ist eine Mischung aus Pollen, Blatt- und Blütenpartikeln, Samen, Textilfasern, Haaren, Straßenabrieb und abgestorbenen Hautzellen. Mit der warmen Luft steigt der Staub nach oben, und mit der kühleren Strömung in Wandnähe sinkt er wieder zu Boden. Deshalb sind Bücherregale, Bilderrahmen und Scheuerleisten in der Regel staubiger als Möbel in der Mitte des Raumes.
Auf der Website Hauswirtschaft.org ist zu lesen: "Das Führen eines ordentlichen Haushaltes ist eine verantwortungsvolle und sehr arbeitsintensive Aufgabe." Was bedeutet "sehr arbeitsintensiv" in Stunden gezählt?
Die Führung eines modernen Haushaltes ist möglich, indem man pro Person und Tag eine halbe bis dreiviertel Stunde aufwendet. Darin ist nicht die Beschäftigung mit den Kindern enthalten oder auch mit dem Partner. Der eine benötigt mehr emotionale Zuwendung, der andere weniger. Aber sonst ist alles genau ausgerechnet und statistisch sehr schön erfasst. Im Durchschnitt werden in Deutschland anderthalb Stunden täglich pro Person für die Hausarbeit aufgewendet. Mit dem Minimum klappt es nur, wenn der Haushalt absolut rational geführt wird. Mit optimaler Arbeitsorganisation, sehr bewusst gesteuert.
Die bewusste Steuerung der Hausarbeit ist oft noch etwas unterentwickelt. Da wird hier mal geputzt, dort gewischt...
Wenn man Reinigungsarbeiten macht, dann sollte man nicht dauernd die Geräte wechseln. Oft ist es doch so: Man saugt das Wohnzimmer, dann nimmt man den Wassereimer und wischt die Küche, danach geht´s mit dem Staubtuch ins Schlafzimmer. Sinnvoller ist es, mit demselben Gerät die gleichen Arbeiten hintereinander zu erledigen. Das ist Arbeitsorganisation.
Ich könnte natürlich auch meine Partnerin oder meinen Partner organisatorisch mit einbeziehen.
Unbedingt. Wie lange ich am Tag im Haushalt beschäftigt bin, hängt wesentlich davon ab, welche Unterstützung ich bekomme. Arbeitsteilung ist ganz wichtig.
Soweit die Theorie. Und wie sieht die Praxis aus?
Bei Untersuchungen mit meinen Studenten sind wir darauf gekommen, dass es Haushalte gibt, in denen vier Stunden täglich pro Person aufgewendet wurden. Diese Frauen waren eigentlich reif für die Klinik. Die haben, wenn Kinder im Haus waren, zwölf bis sechzehn Stunden am Tag gearbeitet. Im Grunde haben sie ihren viel zu hohen Ansprüchen hinterhergeputzt.
Nun ist es aber so, dass so gut wie nie zwei Menschen zusammenleben, die denselben Normen folgen. Wie soll man sich einigen?
Man muss es aushandeln. Am schönsten wäre es, wenn einer etwas übernimmt, was nicht der eigenen Norm entspricht, von dem er aber weiß, dass es dem anderen ein Herzensanliegen ist.
Klingt vernünftig, klappt aber selten.
Ich weiß. Man hat es leichter, wenn beide Partner emanzipiert sind, ich sage bewusst: beide Partner. Die Männer sind ja nicht uneinsichtig, sie sind nur bequem.
Es gibt inzwischen auch putzende Männer.
Die Hauptarbeit wird aber nach wie vor von Frauen geleistet. Neuere Untersuchungen besagen, dass das Geschlechterverhältnis in der Hausarbeit bei 1 zu 1,6 liegt. Der Mann leistet den Faktor 1, die Frau 1,6. In den Siebzigerjahren lag es noch ungefähr bei 1 zu 2,5.
Sind Männer aufgrund ihrer genetischen Disposition weniger für die Hausarbeit geeignet? Oder gibt es zumindest eine sozialpsychologische Entschuldigung für sie?
Männer haben im Allgemeinen einen weniger hohen Sauberkeitsstandard als Frauen. Es gibt eine Studie, wie oft die Deutschen ihre Unterwäsche wechseln. Da tauchen sehr deutliche Unterschiede zwischen Mann und Frau auf. Im europäischen Maßstab rangieren wir übrigens insgesamt im schwachen Mittelfeld, was die Hygiene des Unterwäschewechsels anbetrifft.
Irgendeinen positiven Befund gibt es nicht?
Männer kümmern sich eher um technische Dinge, Reparaturen.
Also die alte Rollenverteilung.
Hier spielen wieder Traditionen und Normen hinein. Wenn die Mutter ihrem Sohn immer alles nachgeräumt hat, muss sich seine Freundin oder Frau später nicht wundern, dass er ein Chaot ist. Das hat nichts mit Genetik zu tun, das ist persönliches Schicksal. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die ihren studierenden Sohn zum ersten Mal besucht hat und völlig demoralisiert zurückkam. Sie konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn, dieses ästhetisch gebildete Wesen, in einem Saustall hauste.
Das Entsetzen darüber, in den eigenen vier Wänden einen Messie großzuziehen, kennen viele Eltern. Wie kann man Kinder vorsichtig an die Hausarbeit heranführen?
Man sollte auf Vorlieben aufbauen, falls es die gibt. Meine Tochter Corinne hat leidenschaftlich gern gebacken. Mein Sohn Stefan, wenn es schon sein musste, wollte einkaufen. Da würde ich nicht die Tochter zum Staubsaugen zwingen und den Sohn zum Abwaschen. Man kann auch versuchen, seine Kinder für ihr eigenes Zimmer verantwortlich zu machen. Mosern werden sie sowieso.
Angenommen, diese ganze Haushaltsdiplomatie scheitert. Wäre in solchen Fällen eine Putzhilfe geeignet, die Lage zu entspannen?
Ja, deutlich. Man weiß, dass Männer Tätigkeiten nicht sonderlich schätzen, die mit Feuchtigkeit zu tun haben. Also Wischen. Das ist einfach so. Eine Haushaltshilfe, die zum Beispiel das Putzen abnimmt, könnte dafür sorgen, dass schon mal ein Reizthema wegfällt.
Es gibt Leute, die nicht gern zu Hause sind, wenn die Putzfrau kommt. Sie möchten ihr nicht bei der Arbeit zusehen. Muss man ein schlechtes Gewissen haben?
Sie sollten ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie Ihre Putzfrau schwarz arbeiten lassen, wie es millionenfach passiert. Weil es eine Form von Ausbeutung ist. Sie bekommt nur Geld, solange sie arbeitet, und oft auch noch sehr wenig. Sie ist weder im Falle eines Unfalls abgesichert noch bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Und vor allem auch nicht im Alter.
Der technische Fortschritt hat sich erst spät im Haushalt bemerkbar gemacht.
Ich habe als Kind noch erlebt, wie in der Küche acht Stunden am Tag mit der Hand gewaschen und gemangelt wurde, eine tierische Arbeit. Eine hundertprozentige Ausstattung mit Waschmaschinen war in bundesdeutschen Haushalten erst in den Achtzigerjahren erreicht.
Wann wurde der Geschirrspüler erfunden?
1886. Das kann ich Ihnen genau sagen, weil wir kürzlich das 125-jährige Jubiläum hatten. Am 28. Dezember 1886 meldete die Amerikanerin Josephine Cochrane aus Illinois das Patent für die Spülmaschine an.
Der Dame gebührt ewiger Dank.
Richtig, denn durch diese Erfindung sollte sich die Rollenverteilung in der Küche nachhaltig ändern. Der Geschirrspüler wird sehr gern von Männern ein- und ausgeräumt. Dadurch ist auf einmal der Abwasch für sie eine interessante Tätigkeit geworden.
Wie viel Zeit lässt sich durch die Spülmaschine sparen?
Die Zeitersparnis wächst proportional mit der Größe des Haushaltes. In einer vierköpfigen Familie sind es zirka zehn Stunden in der Woche. Das wurde im Labor getestet. Ein fantastisches Gerät.
Die Technik schenkt dem Menschen viel Zeit, die er wieder verliert, wenn sie defekt ist und er zu Hause sitzt, um ewig auf den Monteur zu warten.
Weil wir in Deutschland in einer Dienstleistungswüste leben. Der Kundendienst ist mit dem technischen Standard nicht mitgewachsen. Ganz im Gegenteil. Alles Mögliche wird ausgelagert. Die meisten Leute achten auch nur noch auf den Anschaffungspreis und nicht auf den Kundendienst.
Mit welchen Neuerungen ist im Haushalt in absehbarer Zeit zu rechnen? Stehen noch ein paar Technologiesprünge bevor?
Die Mehrzahl der Sprünge haben wir hinter uns. Denken Sie allein an den Übergang von der Ofenheizung zur Zentralheizung. Da ist der höchstmögliche Standard erreicht. Womit die Industrie liebäugelt, die Bevölkerung aber nicht so richtig mitmacht, ist das intelligente Haus. Wenn Sie die Haustür von außen abschließen wollen, kriegen Sie gemeldet, dass hier noch ein Fenster offen steht, dort das Licht brennt, vielleicht noch eine Herdplatte an ist.
Für schusselige Leute wäre das sehr hilfreich.
Und für ältere Menschen. Denken Sie daran, dass immer mehr Leute, deren Gedächtnis nicht mehr intakt ist, in eigenen Haushalten leben werden. Nur, wie wollen Sie jemanden mit siebzig dazu bringen, diese Technik zu begreifen? Da muss man früh anfangen. Die Lebenszeit verlängert sich, die Zahl der Demenzkranken steigt, wir haben aber so gut wie keine Haushalte, die altersgerecht eingerichtet sind. Wir wissen, dass die meisten Menschen selbstständig leben wollen, bis zum Tod. Aber die wenigsten überlegen sich, was im Alter auf sie zukommen kann.
