Die Chance, es zumindest mal zu versuchen: Die Adventszeit. Die Weihnachtslieder sind bekannt, die Familie kommt zusammen - und auch sonst werden Traditionen gepflegt, die fast vergessen scheinen.
So wie die Tradition des gemeinsamen Singens: Sie ist in Deutschland so gut wie ausgestorben. "Diese Exklusivität des Singens blockieren viele. In Spanien zum Beispiel ist es noch selbstverständlich, zusammen zu singen und zu tanzen, die Menschen gehen da viel unbedarfter heran", sagt Saskia Buggert, Sängerin und Gesangslehrerin aus Köln: In Deutschland sei man ob der hohen Leistungsorientierung leider sehr angespannt, "und angespannt singt es sich nicht gut".
"Man zeigt viel von sich beim Singen"
Vor allem deshalb, weil man es dabei nicht verbergen kann: "Man zeigt viel von sich beim Singen", sagt Buggert. Stimme und Stimmung liegen eben nicht nur vom Wortstamm her nah beieinander. "Für Leute, die Angst haben, ist das oft der Knackpunkt: Sie trauen sich nicht, das zu zeigen", sagt Buggert. Zumal fast jeder irgendeine gehässige Bemerkung über sein angeblich mangelndes Gesangstalent im Ohr hat: "Alle Sprüche, die wir mal gehört haben, kommen dann wieder hoch und verhindern den ursprünglichen Zugang", sagt Klaus K. Weigele, Leiter der Landesakademie für die Musizierende Jugend Baden-Württemberg.
Dem gemeinsamen Singen zu einem Revival zu verhelfen ist das Ziel des "Liederprojektes", das Konzert- und Opernsänger Cornelius Hauptmann 2009 initiiert hat. Damals hat sich Hauptmann, in einer Musikerfamilie aufgewachsen, in der Kinderlieder gerne mal fünfstimmig intoniert wurden, "tierisch aufgeregt" darüber, dass Schülern traditionelles Liedgut fast gar nicht mehr bekannt war - und sie erst recht nicht singen wollten. Dabei sei Musikmachen für Kinder enorm wichtig, echauffiert sich Hauptmann bis heute, für die Selbstwahrnehmung, die Sprachentwicklung, die Sozialisation: "Beim Singen muss man sich einigen - auf das Lied, die Tonlage, man muss zusammen anfangen."
Frühes Singen fördert die Gehirnentwicklung
Sogar medizinische Gründe kann Hauptmann anführen, der für sein Projekt prominente Mitstreiter gefunden hat. Für Vorworte zu Liederbüchern hat er die Hirnforscher Manfred Spitzer und Gerald Hüther gewonnen, denn frühes Singen beeinflusst die Entwicklung des Gehirns: Es stärkt das Corpus callosum, sozusagen das Verbindungskabel zwischen linker und rechter Hirnhälfte, das für die Verknüpfung von Denken und Fühlen sorgt.
Mit einer Sammlung von Weihnachtsliedern schlägt das Liederprojekt nach Wiegen-, Kinder- und Volksliedern nun das vierte Kapitel auf. "Wenn noch gesungen wird, dann an Weihnachten", sagt Klaus K. Weigele, Mitherausgeber des dazugehörigen Liederbuchs. Er selbst denkt gern an die Adventssonntage seiner Kindheit zurück: "Da wurde das Spekulatius ausgepackt, eine Kerze angezündet, und wir haben zwei, drei Lieder gesungen." Der Alltag war weit weg, der Zusammenhalt der Familie dafür greifbar.
Für Eltern sei das eine Gelegenheit, andere Seiten von sich zuzulassen, als die des sich beherrschenden Erwachsenen, der in den Arbeitsrhythmus eingeklemmt sei. An Weihnachten, so Weigeles Erfahrung, "ist die Bereitschaft, diese andere Seite zu erfahren, am größten - man kommt zur Ruhe und kann Gefühle zulassen."
Gerade Weihnachtslieder könnten in der Familie als verbindendes Element zwischen den Generationen funktionieren, erklärt Cornelius Hauptmann: "Die kann der Enkel mit dem 80-jährigen Opa singen." Das hat auch ganz praktische Relevanz: "Es ist viel einfacher, etwas zu singen, das man kennt", sagt Saskia Buggert.
