Abo

Wertvoller RohstoffAllmählich wird der Sand knapp

6 min
Sand

Wie Sand am Meer - auch dieser Rohstoff ist endlich.

Bei wertvollen Rohstoffen denken die meisten wohl an Öl, Gas oder diverse Metalle. Selbst das hierzulande für selbstverständlich gehaltene Wasser wird an vielen Orten der Welt als Kostbarkeit wertgeschätzt. Doch einer der wichtigsten Rohstoffe fristet immer noch ein Schattendasein im Bewusstsein der meisten Menschen. Die Rede ist vom Sand. Der britische Geologe Michael Welland bezeichnet ihn als den stillen Helden unserer Zeit. Sand ist unverzichtbar als Baumaterial, als Bestandteil vieler Kosmetika, zum Schutz der Küsten und als Grundstoff für Mikrochips, die unser hochtechnisiertes Leben ermöglichen.

USA investieren Milliarden

Doch dieser stille Held befindet sich auf dem Rückzug. Langsam aber sicher, von den meisten unbemerkt, wird der Sand auf der Welt weniger. In Marokko verschwinden ganze Strände, die USA geben Milliarden Dollar aus, um ihre Küsten zu retten, und in Indonesien versinken sogar Inseln in den Fluten des Ozeans. Wie Sand am Meer - es wirkt wie Ironie, dass dieses Sprichwort für grenzenlosen Überfluss steht. Dass sich sein Sinn zurzeit ins Gegenteil verkehrt, weil sogar am Meer der Sand knapp wird, hat verschiedene Ursachen. Doch immer ist der Mensch daran beteiligt. Ein Grund für den Rückgang des Sandes ist der Bauboom, der seit mehr als 100 Jahren anhält. Wolkenkratzer, Krankenhäuser, Einkaufszentren, Wohnungen - überall werden Unmengen an Beton gebraucht. Dieser wiederum besteht in wesentlichen Teilen aus Sand und Kies. Pro Jahr werden einem UN-Bericht zufolge unglaubliche 30 Milliarden Tonnen dieser Baumineralien gebraucht. Damit gehören Sand und Kies zu den am meisten verwendeten Rohstoffen auf der Welt. Nur Wasser wird in noch größeren Mengen verbraucht.

Nachschub aus dem Meer muss her

Da die Vorräte an geeignetem Sand auf dem Land immer mehr zur Neige gehen, muss Nachschub aus dem Meer her. Um an diesen heranzukommen, fahren speziell ausgerüstete Schiffe in Küstennähe auf und ab, um den Sand vom Meeresgrund mittels riesiger Sauger abzutragen. Für die Biosphäre kann dieses Vorgehen zur Katastrophe werden, sagt Martin Wahl, Professor für Meeresbiologe am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar in Kiel. Wenn Sand in relativ schmalen Streifen abgesaugt werde, mit genügend Raum dazwischen, sei der Abbau noch kein Problem. Würden aber flächendeckend mehrere Quadratkilometer in Mitleidenschaft gezogen, seien die Folgen verheerend. "Zum einem sterben natürlich alle am und im Meeresboden lebenden Tiere, die mit eingesaugt werden", sagt Wahl. Zum anderen lege sich eine Staubwolke auf den Meeresgrund, ein Nebel aus Sand - auch in Bereichen, in denen gar nicht gesaugt wurde. Der Sand ersticke viele am Boden lebende Tiere. Pflanzen bekommen kein Sonnenlicht mehr ab.

Nie endende Sisyphus-Arbeit

Die zweite Hauptursache, warum Strände oder sogar ganze Inseln verschwinden, sind ausgerechnet Maßnahmen, die die Küsten dieser Welt eigentlich schützen oder sogar erweitern sollen. Es geht um sogenannte Küstenvorspülungen. Dabei werden Strände, die durch Wind, Strömungen und Wellen abgetragen wurden, durch frischen Meeressand wiederhergestellt - eine teure und nie endende Sisyphus-Arbeit. Denn der neue Sand wird ebenfalls kontinuierlich abgetragen.

Sandkunstwerk

Kunst aus Sand: Auf der Insel Rügen kreiieren Sandkünstler solche Kunstwerke

Eigentlich ein natürlicher Vorgang: "Küsten sind kein stabiles System, sondern hochdynamisch", sagt Klaus Schwarzer, Küstengeologe an der Universität Kiel. "An manchen Stellen verschwindet Sand, an anderen sammelt er sich wieder an." Aber oft genug gibt es Küstenabschnitte wie etwa jene an beliebten Touristenzielen, an denen der Mensch die Strände mit aller Macht im jetzigen Zustand halten will. Das Problem dabei: Künstlich aufgeschütteter Sand hält oft nicht so gut wie jener, der sich natürlich abgesetzt hat. Oft ist der gerettete Küstenabschnitt nach wenigen Jahren oder nur einem Sturm wieder verschwunden. Dabei wird der Sand nicht einfach wieder ins Meer zurücktransportiert, sodass man ihn nur wieder zurückholen müsste. Durch den Transport mit der Strömung sortiert er sich gewissermaßen. Kleinere und damit leichtere Körner treiben länger in der Wassersäule und werden weiter davongespült. Schwere Körner setzen sich dagegen schnell auf dem Boden ab. Das sortierte Material hält nicht mehr so gut wie der Sand, der aus vielen verschiedenen Korngrößen besteht und sich deshalb besser ineinander verkeilt. Die verheerende Folge: Material zur Wiederherstellung des Strands wird nicht mehr direkt vor der eigenen Küste gewonnen, sondern oft von weither herbeigeschafft. Während also manche Strände immer wieder vor dem Verschwinden gerettet werden, gehen viele andere durch den Sandabtrag in Windeseile verloren.

Bei Erweiterung besonders problematisch

Besonders dramatisch geschieht das, wenn Küstenlinien nicht nur gegen die Elemente gehalten, sondern sogar erweitert werden sollen. Der kleine Stadtstaat Singapur etwa hat mittlerweile Routine darin. Durch Küstenvorspülungen konnte die winzige Nation ihr Landgebiet in den vergangenen 40 Jahren um mehr als 20 Prozent vergrößern - das entspricht gut 130 Quadratkilometern. Singapur importierte das Material aus den umliegenden Ländern, vor allem Indonesien. Dort versanken infolge des ungehemmten Abbaus mehr als 20 Inseln im Meer, zum Teil in direkter Nachbarschaft zu Singapur. Dadurch verschoben sich auch die Seegrenzen der beiden Nationen zugunsten des Stadtstaates. Indonesien war alarmiert und stoppte 2007 schließlich den Sandexport ins Nachbarland.

Dubai

Dubai ist für viele deutsche Touristen attraktiv - Projekte wie die künstliche Insel «The Palm Jumeirah» haben das Emirat weltweit als «Übermorgenland» bekannt gemacht.

Auch Dubai wollte seine Küste durch Vorspülungen erweitern. Allerdings ging es hier nicht um ein größeres Territorium, sondern um sündhaft teure Ferienanlagen wie "The Palm" auf einer riesigen künstlich aufgeschütteten Insel. Das Problem: Der Wüstensand ist dafür nicht geeignet. "Bei Versuchen sind die künstlich aufgeschütteten Sandberge abgerutscht, als wären Kugeln aufeinandergestapelt", sagt der Baustoff-Experte Dietmar Stephan, Professor an der Technischen Universität Berlin. Der Grund dafür ist nur unter dem Mikroskop zu erkennen. Die feinen Körner aus der Wüste waren durch die ständigen Winde zu rund und zu glatt geschliffen. Dadurch verkeilten sie nicht ineinander, und fanden auch keinen Halt. Für die künstlichen Inseln saugte man letztlich Sand aus dem Meer ab.

Nachschub aus den Flüssen lässt nach

Auch der Nachschub aus den Flüssen lässt immer stärker nach. Grund sind die vielen Staudämme, die in den vergangenen Jahrzehnten vor allem zur Stromerzeugung gebaut wurden. Durch sie bleibt der Sand auf dem Weg zum Meer einfach stecken. Hinzu kommt noch das regelmäßige Ausbaggern der Flüsse, um das wertvolle Material gleich an Land für die Bauindustrie zu gewinnen. Pro Jahr transportieren die Flüsse der Welt etwa 13 Milliarden Tonnen Sand, sagt Kay Christian Emeis, Professor für Geologie und Institutsleiter am Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung. Doch nur noch etwa 20 Prozent erreichen das Meer.

Selbst wenn die Flüsse wieder freie Bahn hätten, würde dies keinesfalls dazu führen, dass der in den vergangenen Jahrzehnten verbaute Sand einfach durch neuen ersetzt wird. "Sand ist keine Ressource, die sich schnell regeneriert", sagt Stephan von der TU Berlin. "Es braucht Jahrtausende, damit solche Mengen neu entstehen."