Zeitverschwendung„Statt Minuten werden Punkte addiert“
Frau von Stösser, die „Minutenpflege“ soll bald Geschichte sein – freut Sie das?
Jetzt werden eben Punkte statt Minuten addiert. Aufwand und Nutzen stehen dabei in keinem Verhältnis: Alle Fragen des neuen Systems ernsthaft durchzugehen, würde Stunden dauern. Und das Ganze dient keinem anderen Zweck, als den Grad der Unselbstständigkeit festzustellen, um zu sehen, wie viel Geld jemand bekommt. Man sollte sich hier nichts vormachen lassen, nur weil das Kind einen anderen Namen hat.
Viele Angehörige kritisieren das Gutachter-Verfahren an sich.
Das neue Verfahren dürfte ihnen noch mehr Grund dazu bieten, wenn ich mir einzelne Fragen anschaue: Menschen mit Einschränkungen können die kaum klar beantworten. Gerade Demenzkranke zeigen sich oft kurzzeitig klar – dieses Problem wird nicht gelöst.
Lässt sich das nicht lösen, in dem man die Pflegenden fragt?
Heime und Angehörige wollen eine hohe Pflegestufe – oder Pflegegrad –, weil es dann mehr Geld gibt. Der MDK will schauen, was jemand noch kann – und niedrig einstufen. Wie soll der Gutachter feststellen, was stimmt – sein Eindruck oder das, was Angehörige sagen? Das neue Verfahren dürfte noch mehr Streitpunkte bieten.
Sie lehnen die Pflegestufen grundsätzlich ab – warum?
Einmal, weil sie den falschen Anreiz setzten, nämlich möglichst hohe Einstufungen zu erreichen. Zum anderen, weil sie eine Entwürdigung darstellen. Zudem ist die Einstufung aufwändig, teuer – und kann nicht gerecht sein. Für Menschen zu Hause sollte man individuelle Lösungen finden: Ein Sachverständiger könnte beraten, welche Hilfen sinnvoll sind und mit der Familie einen Pflegeplan erstellen. Die Kosten könnte die Kasse zu einem bestimmten Prozentsatz übernehmen. Heime sollten Pauschalbeträge für jeden Bewohner bekommen. Das wäre der Anreiz, für jeden die gleiche Leistung zu bringen und nicht um hohe Pflegestufen kämpfen zu müssen.
