Können Sie das Wort Zukunft noch hören?
Ehrlich gesagt: Manchmal nicht. Weil das immer mit einem Haufen Irrtümern, Fehlprojektionen und Unterstellungen verbunden ist. Man kann eigentlich gar nicht über Zukunft sprechen. Wenn man über Zukunft sprechen möchte, kommentiert man eigentlich immer die Gegenwart. Wir kommen immer im Heute heraus, auch wenn wir uns Zukunftsforscher nennen.
Das überrascht: Der Zukunftsforscher redet nicht über Zukunft...
Es gibt jede Menge neuer Erkenntnisse aus der Kognitions-Psychologie. Beispielsweise die, dass Gedanken an die Zukunft projizierte Erinnerungen sind. Wenn wir an Zukunft denken, rufen wir unsere Gedächtnisspeicher ab. Wie es war in der Kindheit, oder als es schön war, oder als die neue Carrera-Bahn kam. Und dann bauen wir uns entweder ein Horrorgemälde oder eine zuckersüsse Vision. Nur eines ist sicher an der Zukunft: Sie wird nicht das, was wir heute von ihr erwarten.
Warum ist die Zukunft weiblich?
Wir beobachten seit bald 100 Jahren, dass sich die Rollen von Männern und Frauen massiv verändern. Das ist einer der konstantesten und stärksten Megatrends, den wir verfolgen können. Die Machtpositionen der Männer werden langsam brüchig. Die Bankenkrise ist da ein gutes Beispiel. Das war eine Jungskrise. Jedes Mal, wenn so eine Krise aufkommt, wächst der Einfluss der Frauen ein Stück. In Deutschland stehen wir gerade vor dem Durchbruch, wir werden eine Quote bekommen, weil es anders nicht geht, und dadurch werden gesellschaftliche Machtverhältnisse umkippen. Endlich
Sie beschäftigen sich gerade besonders intensiv mit diesen Megatrends. Ist die Klimakatastrophe einer?
Nein, das ist ein großes Phänomen, aber kein Megatrend. Megatrends sind Prozesse, die ihre Wurzeln im Gesellschaftlichen oder Ökonomischen haben und die ganze Gesellschaft verändern, wie Individualisierung, Alterung, Globalisierung oder die Vernetzung durch das Internet.
Welcher Megatrend ist aus Ihrer Sicht als Megamegatrend auszumachen?
Das kann man so nicht sagen. Es gibt keine Hierarchie der Veränderungsprozesse. Man kann vielleicht sagen, welcher Trend momentan am aktivsten ist.
Welcher?
Sicher der Megatrend Frauen, sicher die Vernetzung der Welt durch das Internet, auch die Globalisierung macht derzeit einen Sprung. Da entsteht eine völlig neue Weltordnung, mit den Industrie-Supermächten Indien und China.
Läutet der Trend zur Vernetzung auch das Ende von Hierarchien ein?
Das muss nicht so sein. Es gibt in Vernetzungssystemen ja auch massive Rückschläge. Da werden zum Teil sogar autoritärere Strukturen wieder hergestellt. Nehmen Sie die Meinungsbildung: Da ist ein vernetztes System oft viel unkritischer. Man kann das Internet nutzen im Sinne eines Shitstorms, in dem jede abweichende Meinung niedergemacht wird. Oder man nutzt es als Partizipationssystem. Wir brauchen da also neue Kulturtechniken der sinnvollen Nutzung dieser Systeme. Das müssen wir als Gesellschaft erst lernen. Die Entscheidung, in welche Richtung es geht, ist noch nicht getroffen.
Im ablaufenden Jahr waren zentrale Begriffe eher Schuldenkrise, Bildungsnotstand oder eben Klimakatastrophe. Machen Ihnen diese Begriffe Angst oder ist das alles übertrieben?
Das sind mediale Konstruktionen, Untergangsszenarien. Dafür ist die deutsche Sprache prädestiniert. Das kennen wir seit vielen Jahren. Denken Sie an das Waldsterben, das haben wir exportiert. Hoffentlich exportieren wir jetzt auch die Energiewende. Die ist in USA und Großbritannien auch schon als deutsches Wort angekommen.
Ist doch schön...
Ja, aber meistens sind es die negativen Übertreibungen, die Angst-Worte, hinter denen massive Aufmerksamkeitsinteressen stecken. Dadurch werden alle Veränderungen, die es gibt, katastrophisch umgeschrieben. Angst öffnet halt den Aufmerksamkeitskanal. Und damit auch das Portemonnaie.
Beispiel?
Ein Buch mit dem Titel "Den Wandel gestalten" würde halt keiner lesen. Aber wenn der Titel lautet: "Die Welt geht unter. Und Du bist schuld!", dann klingelt die Kasse. Eine gefährliche Tendenz. Weil wir uns um die vorhandenen Lösungsmöglichkeiten irgendwann einen Teufel scheren. Die Hysterisierung der Gesellschaft ist die eigentliche Gefahr - alle rennen und schnattern vor Angst wie die Hühner durcheinander, aber das, was man tun kann, wird nicht getan.
Ein Buch-Titel "Alles wird gut", ließe sich der verkaufen?
Das wär genauso bescheuert. Es gibt ja diese klassischen naiven Optimismusbücher, die man sich jetzt gerade wieder zu Weihnachten geschenkt hat. Pessimismus und Optimismus sind beides "Ismen", also Ideologien. Es geht tatsächlich um die Frage, ob eine Gesellschaft noch in der Lage ist, rational über ihre Wandlungsprozesse nachzudenken.
Tun wir doch laufend, zum Beispiel in Talkshows.
Nein, tun wir nicht. Nehmen Sie mal die Alterung, die gestiegene Lebenserwartung. Das ist doch eigentlich positiv. Bei uns wird daraus aber gleich "Überalterung" und "Vergreisung". Und "demografische Katastrophe". Solche Begriffsbildungen erzeugen in den Köpfen sofort einen negativen Tunnel. Und damit ist die Debatte eigentlich zu Ende. Da können Sie dann nur noch in den Talkshows mit Schlagwörtern aufeinander einprügeln.
Ihnen ist das alles zu negativ, Sie betonen lieber die Chancen?
Ich stell mich nicht auf den Marktplatz und sage: Seid bitte alle optimistisch. Das ist eine hilflose Haltung. Aber als Zukunftsforscher sieht man natürlich auch die Möglichkeiten, die so eine Entwicklung hat, wenn man sich an die anpasst. Ein längeres Leben kann viel erfüllter und "reicher" in vieler Hinsicht sein. Aber man muss es gestalten. Eine Gesellschaft mit weniger Menschen muss nicht verarmen. Das sind alles falsche, negative Modelle, die sich aber im kollektiven Bewusstsein tief eingegraben haben. Die Alarm-Lobby hat ihr Geschäft gründlich betrieben.
Ist eigentlich so viel Wandel, wie es den Anschein hat?
Nein. Immer wenn sich etwas verändert, bleibt auch eine ganze Menge gleich. Wissen Sie, was das Verkehrsmittel mit der stärksten Zuwachsrate derzeit ist? Das Fahrrad. Nehmen Sie mal die Anzahl technologischer Durchbrüche in den vergangenen 200 Jahren. Dann ahnen Sie, dass das Gerücht, es werde immer alles schneller und sensationeller, ein ziemlicher Unsinn ist. Die einzige beschleunigte Entwicklung, die es noch gibt, ist der Computer. Aber denken Sie mal an ganz andere Erfindungen, die das Leben der Menschen wirklich radikal verändert haben: Wasserspülung, das Gewehr, das Penizillin. Viele entscheidende Durchbrüche sind 100 Jahre alt. Wir arbeiten heute eher an den Verfeinerungen. Technologische Durchbrüche haben nicht mehr die entscheidende Wirkung.
Sondern?
Heute geht es mehr um soziale Techniken und Innovationen. Da entscheidet sich Zukunft. Sind wir in der Lage einen effektiveren Sozialstaat zu bauen, der sich nicht selbst ruiniert? Neue Altersversorgungssysteme? Ein Gesundheitssystem, das die Menschen tatsächlich gesünder macht?
Sie haben mal eine Regel aufgestellt, nach der sich alles jedes Jahr um ein Prozent ändert...
Das gilt für die Megatrends. Ein Prozent steigert sich das Bildungsniveau, das Einkommen der Frauen, ein Prozent mehr Container auf den Weltmeeren, ein Prozent mehr Flugpassagiere. Das schwankt, aber das sind die großen strukturellen Daten. Das ist eine Veränderungsgeschwindigkeit, an die man sich halten kann. Viele Veränderungen brauchen eben Zeit.
Schönes Stichwort. Die Generation der 68er geht in Rente. Was bedeutet das?
Wenn das mal stimmt, dass die in Rente gehen. Ich bin ja so ein Nach-68er. Gehöre aber auch zu dieser rebellischen Generation. Die gehen nicht in Ruhestand, die kommen in ganz neue Unruhezustände. Die tun viel dagegen zu altern. Die sind sehr mobil. Es gibt, hab ich den Eindruck, ziemlich viele frühverrentete oder frühvergreiste Jugendliche und eine Menge sehr umtriebiger Älterer. Das ist die neue Altersunordnung in unserer Gesellschaft. Schauen Sie sich mal an, welche Politiker von sich reden machen, welchen man vertraut. Die sind oft ziemlich alt.
Sie behaupten trotz dieser Alterung, ab 2060 sinke die Weltbevölkerung...
Wahrscheinlich noch ein bisschen früher. Das können wir heute sehr gut ausrechnen. Wir können heute viel bessere Modelle bauen als etwa der "Club of Rome" mit seinen apokalyptischen Bildern. Bei 8,9 bis 9,3 Milliarden Menschen wird der Höhepunkt der Weltbevölkerung erreicht. Diese Anzahl kann unser Planet durchaus ernähren.
Überbevölkerung ist also kein Thema?
Nein, aber mit diesen Ängsten und mit unsinnigen Übertreibungen kann man natürlich Politik machen: Hunger, Wassermangel, Untergangsszenarien.
Der Weltuntergang vor Weihnachten ist ja ausgeblieben...
Der Weltuntergang ist eine Konstante, den gab es in der menschlichen Kultur schon immer. Man könnte das auch als einen umgekehrten Grössenwahn bezeichnen: Wenn ich an den Weltuntergang glaube, kann ich mein eigenes Altern und Sterben in eine größere Geschichte verpacken. Also: Warum soll es der Welt anders gehen als mir? Diese Art von Miesepetrigkeit und Missgönnen von Zukunft ist in Deutschland ungeheuer weit verbreitet.
