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Kommentar

„Glücksgefühle“-Festival
Die Alphaville-Ausladung ist ein Armutszeugnis

3 min
Lukas Podolski und Markus Krampe - die beiden Organisatoren des Glücksgefühle Festivals - bei der Vorstellung des Programms für das Glücksgefühle Festival 2026 im Cinedom.

Fußballer Lukas Podolski und Eventmanager Markus Krampe - die beiden Organisatoren des Glücksgefühle Festivals.

Das von Markus Krampe und Lukas Podolski veranstaltete Festival will unpolitisch sein – und deshalb keine Aussagen gegen die AfD hören. Am Freitagnachmittag ruderte Krampe zurück.

Ich will nicht Politik. Ich will Sachlichkeit, Ordnung, Anstand. Schreibt Thomas Mann anno 1918 in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Keine Politik, das wünscht sich auch Markus Krampe für sein „Glücksgefühle“-Festival, das er seit 2023 zusammen mit dem ehemaligen Fußballnationalspieler und FC-Held Lukas Podolski auf dem Hockenheimring veranstaltet.

Ihre Bühne, so Krampe, sei keine Plattform für politische Äußerungen, das Festival sei „komplett unpolitisch“. Er wolle, teilte der Unternehmer auf Nachfrage dem „Express“ mit, keine negativ behafteten Themen bei solch einem Wochenende: „Good vibes only“ laute schließlich der Claim des Festivals.

Eine Grundsatzrede hat Alphaville-Sänger Marian Gold kaum gehalten

Deswegen habe man auch die Band Alphaville, die dort an diesem Freitag hätte auftreten sollen, wieder ausgeladen. Nun gelten die Synthiepop-Veteranen nicht gerade als politische Agitatoren. Deren Sänger Marian Gold aber hatte sich auf dem ebenfalls von Krampe organisierten Festival „Die 80er Live“ in Hamburg vor seinem Song „Carry Your Flag“ in aller Deutlichkeit gegen die AfD ausgesprochen. In zwei kurzen Sätzen. Eine „Grundsatzrede“ (so Krampe) kann man das kaum nennen. Trotzdem forderte der Veranstalter die Band auf, beim „Glücksgefühle“-Festival politische Äußerungen auf der Bühne zu unterlassen. Die ging darauf nicht ein, wurde prompt ausgeladen – und wandte sich an die Öffentlichkeit. Marian Gold sprach von einem „Maulkorberlass – uns allen bestens bekannt aus Diktaturen“. Krampe fühlte sich in die rechte Ecke gestellt und schaltete seine Anwälte ein.

Der Wunsch nach positiven Vibrationen, nach einem Rückzugsraum vom Lärm der schlechten Nachrichten und dem zunehmend verbittert geführten politischen Streit, ist mehr als verständlich. Aber leider eine Illusion. Auch das Ausblenden solcher Aspekte unseres Lebens ist ein politischer Akt. Was man ja an dem Streit erkennt, der jetzt um das „Glücksgefühle“-Festival ausgebrochen ist.

27.08.2024, Berlin: Der Sänger Marian Gold von Alphaville bei einem Interview mit der dpa.

Alphaville-Sänger Marian Gold

In seinen „Betrachtungen“ spricht sich Thomas Mann in seinem Bemühen, Kultur und Geistesleben vom Politischen zu trennen, unter anderem für den Obrigkeitsstaat aus und bekennt sich zu Verschwörungsmythen, wie sie noch heute durch verwirrte Köpfe geistern. Später widerrief der Literaturnobelpreisträger seine Aussagen unter dem Eindruck der Nazi-Diktatur radikal: Gerade die politische Passivität des Bürgertums habe den Aufstieg des Totalitarismus begünstigt.

Das gilt heute noch ganz genauso. Auch Glücksgefühle müssen ein Mindestmaß an Haltung ertragen. Niemand wirft den Festivalmachern eine ideologische Nähe zu rechtsextremem Gedankengut vor. Womöglich denken sie einfach nur wirtschaftlich, schauen auf die Wahl-Umfragen, wissen, dass rein statistisch gesehen ein gewisser Teil seines Festival-Publikums der AfD nahesteht. Und haben sich, weil sie diese zahlende Kundschaft nicht verlieren wollen, für den „Don’t ask, don’t tell“-Kompromiss entschieden (wie so viele andere Veranstalter auch).

Doch wenn dieses unternehmerische Kalkül dazu führt, dass man seinen Künstlern selbst grundlegendste, quasi selbstverständliche Aussagen gegen antidemokratische Kräfte untersagt, wird es zu einer Frage des Anstands. Wird es Zeit, Flagge zu zeigen. Das kann durchaus auch Glücksgefühle auslösen. 

Am Donnerstagnachmittag erkannte Markus Krampe seinen Irrtum, und widerrief – im Geiste Thomas Manns – seine Absage und lud Alphaville wieder ein, Teil des Festivals zu sein: „Nicht als Zeichen eines Nachgebens, sondern als bewusste Entscheidung für das, was uns verbindet.“ „Wie wir gehandelt haben“, bekannte der reuige Veranstalter gegenüber der „Bild“-Zeitung, „war in der Tat ein Fehler.“ Die Meinungsfreiheit sei das höchste Gut, das wir in Deutschland haben. Ein Glück, dass wir das auf den letzten Metern noch geklärt haben.