Der pensionierte Schulleiter feiert am heutigen Donnerstag seinen 100. Geburtstag in Rodenkirchen. Mit seiner verstorbenen Frau bereiste er die Welt.
„Zu fit für sein Alter“100-jähriger Kölner macht noch Klimmzüge – Er traf Nelson Mandela

Achim von Dombois feiert am 30.April seinen 100. Geburtstag und schaut auf ein bewegtes Leben zurück. Er lebt in Rodenkirchen in einem Seniorenzentrum.
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Jeden Morgen macht Achim von Dombois erst einmal seine Kniebeugen. Jeden zweiten Tag kommen Klimmzüge hinzu. „Ein bisschen hängen, das halte ich für sehr wichtig“, so der Rentner. Lange, ausgedehnte Spaziergänge zum Rhein – „ich beobachte die Schiffe“ – und geistige Aktivität sind für von Dombois ein Muss. Täglich liest er Zeitung, auch online, und informiert sich über die Weltlage. An diesem Donnerstag wird Achim von Dombois 100 Jahre alt. Dabei ist er fitter als so mancher 80-Jähriger.
Im Seniorenzentrum Maternus an der Hauptstraße in Rodenkirchen empfängt der pensionierte Lehrer Familie, enge Freunde und seine allerersten Schüler aus Remscheid. Als Achim von Dombois – ein hochgewachsener Mann mit nahezu aufrechter Körperhaltung, gepflegtem Kinnbart, mit grauem Sakko und Halstuch – die Reporterin in sein kleines Appartement hereinbittet, führt er erst einmal die Aussicht von seinem Balkon auf der fünften Etage vor.
Achim von Dombois studierte in der Nachkriegszeit auf Lehramt
„Rechts von uns ist Köln im Norden, links Bonn im Süden und dem Himmel bin ich hier ganz nah“, so von Dombois. Seine Blumenkästen sind frisch und bunt bepflanzt. Arrangiert hat das Treffen sein Enkel Sebastian von Dombois, ein Porträt in der Zeitung zum 100. Geburtstag als Geschenk. Ob sein Großvater denn fit genug sei? „Er ist etwas zu fit für sein Alter“, sagte der 30-Jährige mit einem Schmunzeln.

Achim von Dombois wird an diesem Donnerstag, 30. April, 100 Jahre alt. Um fit zu bleiben, macht er täglich Morgengymnastik und regelmäßig Klimmzüge.
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Mit 98 ist sein Großvater noch Auto gefahren – den Smart hat jetzt der Enkel. Er hat einen Laptop, verschickt Emails, sendet Sprachnachrichten mit dem Smartphone, kommt zur Generalprobe einer Rapperin, die der Enkel managt, wundert sich bisweilen über den kuriosen Sprechgesang. Sein Haus im Malerviertel in Rodenkirchen hat der 100-Jährige 2023 noch in Eigenregie verkauft.
„Ein römischer Schriftsteller hat mal gesagt: Mens sana in corpore sano. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Das Motto hat mich mein Leben lang begleitet“, sagt von Dombois und leitet so die Erzählung über sein Leben ein, wie einer, der Lebensrückblicke gewohnt ist, ohne jedoch eine Dosis Bescheidenheit vermissen zu lassen. Seine Erzählung ist kohärent, chronologisch, er spricht bedächtig, ohne zu stocken, es gibt keinerlei Spuren von Verwirrung.
Dass der erfolgreiche Weg Deutschlands, der den Frieden zur Voraussetzung machte, nun durch Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten gefährdet ist, ist eine Enttäuschung am Ende meines Lebens.
Als ältestes von drei Kindern wuchs Achim von Dombois in Stolp in Pommern auf. Der Vater war Forstmeister. „Ich war auf dem Gymnasium, dann kam der Krieg, wir wurden alle Soldat und das Ende war schlimm.“ Der Vater starb, die Mutter floh mit den Kindern nach Fulda, in Hessen. „Dann begann die schwierige Besatzungszeit.“ Die Mutter war alleinerziehend, die Lebensmittel waren knapp, „ab und zu froren wir im Winter“. In der amerikanischen Besatzungszone sei es noch relativ tolerant zugegangen. Von Amerika hatte er damals noch ein ungebrochen positives Bild. Bergauf ging es für ihn, als er in Marburg Englisch, Sport und Erdkunde auf Lehramt studieren durfte. Als Stipendiat reiste er für ein Jahr in die USA. „Es war das Land der Zukunft, das Siegerland, das Land, das die Vereinten Nationen gegründet hatte. Jeder glaubte, jetzt beginnt ein neues Zeitalter. Die Motivation im Englischunterricht an meiner ersten Schule in Remscheid war prima“, sagt von Dombois.
Seine zukünftige Frau Gabriele, ebenfalls Lehrerin, wohnte dort. Das Ehepaar verband der Mut und die Freude, Fremdes und Neues zu entdecken. So zogen sie Anfang der 60er-Jahre mit ihren ersten beiden Kindern nach Kairo. Von Dombois betreute deutsche Lehrer am Goethe-Institut. Nach sechs Jahren brachen sie nach Südafrika auf, wo von Dombois ab 1968 sieben Jahre lang eine deutsche Schule leiten sollte.
So geht Longevity: Mit dem VW-Bus durch das südliche Afrika
Das Land bereiste die Familie im VW-Bus und fühlten sich auch von der evangelischen Gemeinde vor Ort gut aufgenommen. „Das, was dort politisch drückte und uns belastete, war die Apartheid.“ Sie kehrten nach Deutschland zurück, kauften 1975 ein Haus im Malerviertel in Rodenkirchen und er wurde Schulleiter des Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bonn. Doch er reiste immer wieder nach Südafrika und blieb der Schule ein Leben lang verbunden.
Und vor allem begleitete er, bereits im Ruhestand, als Wahlbeobachter der EU die ersten demokratischen Wahlen in Port Elizabeth. Ein Höhepunkt war die Begegnung mit Nelson Mandela, den er viele Jahre später bei einem Staatsbesuch in Bonn erneut traf. Stolz erzählt Achim von Dombois, wie er Mandela die Hand schüttelte und sich das Foto signieren ließ.
Das signierte Bild hängt heute an einer Wand im Maternus Seniorenheim. „Für uns Enkel ist das wirklich ein ikonisches Bild mit Mandela“, sagt Sebastian von Dombois. Als Wahlbeobachter reiste von Dombois auch 1995/96 in die palästinensischen Autonomiegebiete, ein Jahr später nach Mostar in Bosnien. Mit 80 war dann mit der Weltenbummelei Schluss. „Mit 81 hat er Blasenkrebs bekommen und diesen besiegt“, erzählt der Enkel.

Großvater mit Enkel Sebastian von Dombois, der das Treffen mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ arrangiert hat. Der 30-Jährige managt die Rapper Lugatti&9ine und steht seinem Opa sehr nahe.
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Im Seniorenzentrum Rodenkirchen: Sein Leben in Miniatur
Auch im Ruhestand blieb von Dombois immer aktiv: heilig war ihm die tägliche Gartenarbeit, die Kirchengemeinde, ein großer Freundeskreis, seine Familie. Seine 2020 verstorbene Frau Gabriele, sozial ebenfalls sehr engagiert, war einige Jahre Bezirksbürgermeisterin für die CDU in Rodenkirchen. Im gemeinsamen Haus lebte von Dombois allein, bis er den Hausstand 2023 auflöste. Als Vater sah er sich hier in der Pflicht. „Es ist nicht einfach, wenn man sich nach 45 Jahren von seinem Haus trennt. Wir haben das mit den Kindern einvernehmlich gelöst.“
Das kleine Appartement im Seniorenzentrum spiegelt nun sein Leben in Miniatur wider, die Essenz aus 100 Jahren auf wenigen Quadratmetern. In dunklen Regalen sind Bücher, Ordner und Fotoalben nach Themen und Stationen seines Lebens sortiert: Südafrika, Bonn, Remscheid, Religion. Porträts der Kinder, seiner Frau und Eltern zieren die Wand. Ganz groß: Das Bild seiner Großfamilie, mit Enkeln und Urenkeln, das an seinem 97. Geburtstag entstand. Die Genauigkeit, mit der er Dinge und Erinnerungen ordnet, beeindruckt seinen Enkel. „Zu jedem Enkel führt er einen Zettel, er schreibt immer auf, wenn etwas neues passiert“, sagt der 30-Jährige.
Fast zum Weinen bringe sein Großvater ihn immer dann, wenn er sagt: „Meine Tasche ist gepackt, der Himmel ist da. Da bin ich bald.“ Seinen Opa verehrt er, blickt aber mitunter auch kritisch auf dessen Leben, geht in die Auseinandersetzung mit dieser Kriegsgeneration. Ein Buch über Rassenkunde hat der Enkel bei der Haushaltsauflösung aussortiert – „Warum hattest du das noch?“, habe er seinen Großvater gefragt, der auch bei der Hitlerjugend war. Bisweilen stößt er sich an klischeebeladenen Begriffen, die der Großvater verwendet.
Longevity: Blick auf die Weltlage enttäuscht Achim von Dombois
„Der Inder“, „die Rasseneinteilung in Südafrika“ – Wörter, die die Enkel ablehnen. Vor allem aber zehrt der Enkel von der Liebe und Hingabe seines Opas, von den Reiseberichten, dem Weltwissen und Wissensdurst. Der 100-Jährige blickt derweil mit Sorge auf die Aktualität. „Ich habe den Wiederaufstieg Deutschlands aus den Trümmern voll mitgemacht, war froh und stolz, dass wir uns auf die Wirtschaft konzentriert und das Militärische voll zurückgedrängt haben. Dass dieser erfolgreiche Weg, der den Frieden zur Voraussetzung machte, nun durch Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten bedroht wird, bedrückt mich und ist gegen Ende meines Lebens eine Enttäuschung.“
An seiner früheren Schule in Bonn sei die Friedensbewegung groß gewesen. „Wo sind die jetzt? Die Friedensbewegung ist da, hat aber keinen großen Einfluss“, sagt von Dombois. Auf dem Tisch liegt ein Foto, das Achim von Dombois als 95-Jährigen bei einem Kopfstand abbildet. Wie man es schafft, so lange zu leben? „Die Franzosen – und wir haben französische Vorfahren – sagen gern: beaucoup de travail, viel Arbeit, assez du vin rouge, genügend Rotwein, in meinem Fall aber immer in Maßen, und un peu d’amour, ein bisschen Liebe und Vergnügen.“