Der Opel Admiral ist längst verschrottet. Jahrelang ist Manfred Gold darin zu Hause vorgefahren, hat die Garage geöffnet und den Wagen sorgsam geparkt. Heute stehen an genau dieser Stelle sein Bett und ein weißer Kleiderschrank. Die Garage ist zum Wohnraum des 78-Jährigen geworden.
Mit Sohn Marcus und dessen Familie mit vier Enkeln wohnt der Pensionär am Rand von Rodenkirchen. Drei Generationen unter einem Dach – besser unter mehreren. Denn die Familienzusammenführung hat eine Reihe von Umbauten notwendig gemacht. Blickfang vom rückwärtigen Teil des Hauses ist die Weiß gehaltene Garagenerweiterung. Hier lebt Manfred Gold in einem knapp 50 Quadratmeter großen Appartement. Zwei Schiebetüren zum Garten lassen viel Licht einfließen, im Dach sind Oberlichter eingelassen. Wenn er Ruhe haben will, schließt er einfach die Tür zum Altbau. Das wird respektiert. Auch von den vier Enkelsöhnen, den „Goldjungs“ im Alter von drei bis acht.
„Mir war es wichtig, mich auch zurückziehen zu können“, sagt der Senior der Familie, der wie sein Sohn heute lange als Architekt tätig war. Gleichzeitig ist er mittendrin im prallen Familienleben – wenige Meter von seiner Tür entfernt stehen Bobby-Car und Roller im Garten.
Anfang der 60er Jahre war Gold in das Häuschen nach Rodenkirchen gezogen. Die Wohnfläche betrug 110 Quadratmeter damals, er lebte mit seiner Frau zur Miete. Dann ergab sich die Gelegenheit zum Kauf, drei Kinder kamen. In den 70er Jahren baute die Familie zum ersten Mal an. Die Kinder wurden erwachsen, zogen wieder aus.
Sohn Marcus machte sich als Architekt selbstständig – was die nächste Erweiterung notwendig machte: ein schlichter Holzanbau zur Straßenseite, das Architekturbüro. Auch seine Frau, die Innenarchitektin ist, arbeitet hier, sofern es die Familie zulässt. Und dann kam die Idee mit der Garage. Marcus Gold lebte mit Frau und vier Kindern in der City, wo es irgendwann zu eng wurde. Gleichzeitig wohnte der Vater im Haus in Rodenkirchen allein in großzügigen Verhältnissen, was das Projekt maßgeblich beförderte. „Die Idee lag in der Luft“, sagt Manfred Gold. Sie mussten nur zugreifen.
Bei der Umsetzung gab es zwei Hindernisse: Zum einen steht die Garage auf der Grundstücksgrenze, was problematisch ist, weil dieser Raum nicht ohne weiteres bewohnt werden darf. Glücklicherweise gab es genügend Fälle in der Siedlung, in denen Nachbarn in anderer Form „erweitert“ hatten. Zum anderen mussten der Boden ebenso wie das Dach höher gesetzt werden. Heute sind die Räume 2,40 Meter hoch, deutlich mehr als üblicherweise in der Heimwerkergarage. Der Vater hat viel aus dem Haupthaus herübergeholt, sich aber auch von manchem trennen müssen (siehe „Stilfragen“). Seine neues Zuhause hat eine Sitzecke, eine offene Küche und einen mit Sichtschutz abgetrennten Schlafbereich. Im Zentrum steht ein in den 70er Jahren vor Ort verschalter Kamin, der in Sichtbeton gehalten ist. „Aus meiner kubistischen Phase“, sagt der Großvater schmunzelnd. Für den ersten Erweiterungsbau hatte er eine tragende Funktion, mit dem Garagenumbau wurde er zum Mittelpunkt.
Auf 220 Quadratmetern lebt die Familie nun zusammen. Das Haupthaus ist fest in der Hand der Nachkommen, mit Kinderbildern an der Wand, einem großen Esstisch und ausreichend Platz für die unterschiedlichen Bedürfnisse. „Wir sind aber auch froh, dass wir mit meinem Vater hier zusammenleben können“, sagt Marcus Gold. Dass er nun einen ebenerdigen Eingang hat und kurze Wege. Sie haben dieses Mehrgenerationenhaus nie so geplant. Es ist eher zu ihnen gekommen. So genau wissen Vater und Sohn auch gar nicht mehr, wer die Idee für den Garagen
umbau hatte. Nur dass sie sehr zufrieden mit der Lösung sind, das wissen beide.
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