Der Kölner Verein „Über den Berg“ verbessert mit Bewegung und Sport die Lebensqualität von Krebspatienten. Susanne M. ist mit dem Verein 912 Kilometer den Jakobsweg gepilgert - und verändert zurückgekehrt.
Auf dem JakobswegWie eine Kölner Krebspatientin ihre Lebenskraft zurückeroberte

Der Camino Francés führt durch die Pyrenäen.
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„Ich hatte wieder Lebensfreude, ich habe mir und auch meinem Körper wieder etwas zugetraut. Ich war wie ausgewechselt.“ Das erzählt Susanne M. über den Effekt, den der Jakobsweg auf sie hatte. 912 Kilometer ist ihn die Kölnerin gegangen, damals 2014 nach ihrer Krebserkrankung. Unterstützt hat sie dabei der Verein „Über den Berg“.
„Ich war doch sehr niedergeschlagen damals“, erinnert sich Susanne M. an ihre Verfassung vor acht Jahren. Die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte die jener Zeits 52-Jährige „von einem Tag auf den anderen“ aus ihrem Leben als Lehrerin gerissen. Hinter ihr lagen zwei schwierige Operationen, bei denen ein Teil der Bauchspeicheldrüse und der Zwölffingerdarm entfernt wurden. Danach eine anstrengende Chemotherapie über ein halbes Jahr mit Folgen wie Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, 13 Kilo Gewichtsverlust. „Ich war außer Gefecht gesetzt. Das war eine harte Zeit.“
„Wie es weitergeht, war völlig offen“
Langsam arbeitete sie sich auch mithilfe von onkologischen Bewegungsangeboten zurück zu etwas mehr Leistungsfähigkeit. „Die Unsicherheit ist furchtbar. Das Vertrauen in den Körper war weg“, sagt sie leise.
Als Susanne M. erfährt, dass der Verein „Über den Berg“ Pilgern auf dem Jakobsweg für Krebspatienten anbietet, ist sie an einem Scheidepunkt in ihrem Leben. „Es war klar, dass ich nicht mehr in den Schuldienst zurückkehre. Wie es weitergehen sollte, war völlig offen.“
Sie entscheidet sich, zu pilgern. Dafür trainiert sie mit dem Verein Wanderungen in der Gruppe, erhält eine Beratung, wie und was man am besten packt für den Weg. „Die Vorbereitungen haben mich schon so mit Freude erfüllt. Da war ein Ziel, ein Abenteuer.“ Natürlich habe sie überlegt, ob sie den Weg schaffe. „Ich hatte Respekt vor den Pyrenäen, auch vor den vollen Herbergen“, gibt sie zu. Eine Patin regelte vieles wie Flugbuchung und Pilgerpass. Zu fünft und mit einer Studentin als Patin startete Susanne M. am 17. April 2014 ihren fast sechswöchigen Fußmarsch.
Viele fantastische Gespräche
„Erst einmal geht es tagelang bergauf. Aber ich habe die Anstrengung oft nicht gefühlt, weil alles drum herum so schön war.“ Die Bedenken wegen der vielen Menschen in den Schlafsälen der Herbergen verflüchtigen sich schnell. „In den Herbergen ist eine Gemeinschaft. Aus der ganzen Welt sind dort Menschen und alle sind sehr aufgeschlossen und offen“, schwärmt Susanne M.. Viele fantastische Gespräche habe sie geführt. Offen, vertrauensvoll und tiefgründig. „Einer hatte sein Kind verloren, eine ganze Reihe hatte eine Krankheit hinter sich, eine Trennung oder einen Verlust.“
Nach etwa zehn Tagen trennt sich die kleine Kölner Pilgergruppe. Erst hat Susanne Respekt davor, alleine unterwegs zu sein. Je länger sie pilgert, desto mehr genießt sie es. „Es ist so ein tolles Erlebnis in der Natur. Der Blick verändert sich. Da war ein bizarrer Wald, oder ein Vögelchen auf einem Baum, ein Kuckuck, der immer wieder rief“, zählt sie ihre Eindrücke auf. Das Laufen empfindet sie als meditativ. „Man hat Zeit zum Nachdenken und man nutzt sie ohne Stress.“ Sie macht die Erfahrung: Probleme lösen sich oft von alleine, wenn man geht. „Meine Gelassenheit ist von Tag zu Tag gewachsen.“
Das leichte Gepäck, mit dem sie unterwegs ist, empfindet sie als wohltuend. „Ich habe gelernt, dass man mit so wenig glücklich sein kann − und für so vieles dankbar.“ Im Pilgergottesdienst am Ziel Santiago de Compostela kommen ihr Tränen der Rührung. Danach geht sie weiter nach Finisterre ans Meer. „Ein bisschen traurig“ sei sie gewesen, als der Weg zu Ende war. Aber vor allem glücklich, stolz und eine andere als die Frau, die gestartet war. „Der Weg hat wahnsinnige Kräfte freigesetzt“, resümiert sie. Seitdem ist sie jedes Jahr im April als Patin den Jakobsweg mitgegangen, außer während der Pandemie. Auch in diesem Jahr ist sie dabei.
Der Verein „Über den Berg“ aus Köln hat es sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität von Krebspatienten durch Bewegung und Sport zu verbessern. Das Pilgern auf dem Jakobsweg ist ein besonderes unter vielfältigen Angeboten. Offene Fragen können beim Infoabend geklärt werden. Er findet am Freitag, 20. Januar, um 18 Uhr im Seminarraum 60 der Deutschen Sporthochschule statt.