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Azubi mit Beeinträchtigung in Köln„Hier bin ich richtig, wie ich bin“

6 min
Das ist sein Ding: Raphael K. mag es, an verschiedene Orten zu arbeiten und immer neue Aufgaben zu bewältigen.

Das ist sein Ding: Raphael K. mag es, an verschiedene Orten zu arbeiten und immer neue Aufgaben zu bewältigen. 

Raphael hat einen Grad der Behinderung von 80 Prozent. Und damit statistisch nur eine sehr geringe Chance auf einen Ausbildungsplatz. Doch er traf auf die richtigen Menschen.

„Der Tag ist anstrengend, wir schleppen schwere Maschinen, alles macht mir Spaß, und abends merke ich, du hast heute wirklich was gemacht. Du spürst das“, sagt Raphael K. Er ist Azubi bei einem Betrieb für Sanitär-, Heizungs- und Elektroinstallationen, einem kleinen Familienunternehmen, das Fachkräfte braucht. 16 Jahre, im ersten Lehrjahr, er wirkt älter als er ist. Klingt perfekt, und ist doch eine große Ausnahme. Denn Raphael hat einen Grad der Behinderung von 80 Prozent. Und damit statistisch nur eine sehr geringe Chance auf einen Ausbildungsplatz.

Weil seine Mutter in der Schwangerschaft getrunken und Drogen genommen hat, hat er das fetale Alkoholsyndrom. Es fällt ihm schwer, sich lange auf eine Sache zu konzentrieren, er steht immer unter Strom. Als er fünf war, nahm das Jugendamt ihn aus seiner Familie heraus, weil die Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmerten. „Sie haben sich lieber Tiere gekauft, und Essen für die Tiere. Ich hatte mit drei ein eigenes Pferd und mit zwei meinen ersten Hund“, sagt er. Neben ihm sitzt sein Ausbilder Marco Sell, im Büro des Familienbetriebs sind Arbeitsmaterialien und Ersatzteile in Kisten gestapelt. An der Wand hängt ein Foto von einer roten Ducati.

Wir sind kein großes Unternehmen, bei uns kommt es auf jeden Einzelnen an.
Marco Sell, Marco Sell Handwerksmeister

„Wir haben Raphael nicht kennengelernt als Raphael mit einem Grad der Behinderung von 80 Prozent. Wir haben ihn lieben und schätzen gelernt, weil er eine gute Selbstreflexion hat, und eine hohe Eigenmotivation“, sagt Christin Sell. Sie organisiert den täglichen Betrieb und die Abrechnungen, ihr Mann hat zwei Meistertitel und bietet seinen Kunden einen Komplettservice. Seit 2001 ist er in Köln, vorher hatte er einen Betrieb mit 14 Mitarbeitenden in Magdeburg. „Da gab’s irgendwann keine Arbeit mehr“, erinnert er sich. Hier dagegen gibt es jede Menge davon – und er braucht dringend Auszubildende. „15 haben wir in den Jahren schon gehabt, keiner hat durchgehalten“, sagt Marco Sell. Jetzt sieht es zum ersten Mal besser aus. Der Lehrling im zweiten Jahr wird es schaffen. Und Raphael auch.

Auszubildender Rafael K. mit Handwerksmeister Marco Sell

Auszubildender Rafael K. mit Handwerksmeister Marco Sell

„Der sitzt ja schon ein halbe Stunde früher auf dem Spielplatz und raucht sich eine“, sagt Sell. Das klingt rau. Und wie Anerkennung. „Dabei hatten wir dich eigentlich schon aufgegeben“, sagt er dann noch.

Das war, als der 15-Jährige es bei seinen Pflegeeltern nicht mehr ausgehalten hat. Zehn Jahre, einem Monat und elf Tage – Rafael weiß exakt, wie lange er bei ihnen gelebt hat. Er ist ihnen für vieles sehr dankbar, aber als er älter wurde, seien sie „nicht mehr klargekommen“. Er lebt drei Wochen auf der Straße, dann in der Jugendpsychiatrie, bekommt einen Platz in einer Jugendwohngruppe. Trotz allem macht er seinen Realschulabschluss an der Holweider Gesamtschule mit einem Schnitt von 1,4. „Unglaublich gut hast Du das gemacht“, wirft Christin Sell ein. „Das hab’ ich nur geschafft, weil ich Lehrer hatte, die immer für mich da waren“, sagt der 16-Jährige. „Und die Lehrstelle. Ich wusste, ich hab’ etwas, wo ich hingehen kann.“

Wenn ich merke, es geht ihm nicht so gut, gehen wir in den Hof ein paar Blätter fegen und reden miteinander.
Christin Sell

Als Meister Marco Sell mitbekommen hatte, dass sein zukünftiger Lehrling keine feste Adresse mehr hat, kamen ihm Bedenken. „Wir sind kein großes Unternehmen, bei uns kommt es auf jeden Einzelnen an. Und wir wussten ja nicht, in welche Richtung sich das dreht.“ Sein Einsatz, seine Eigenständigkeit und Zuverlässigkeit in den beiden Praktika, die er im Betrieb gemacht hatte, sprechen für Raphael. Und die Tatsache, dass der Betrieb und er in der Ausbildung von der Fachberatung für Inklusion der EAA werden würde, die auf Handwerksbetriebe spezialisiert ist (siehe Kasten). „Wenn man einen Ansprechpartner hat, ist das eine andere Dimension als wenn wir das in Eigenregie machen“, sind sich Marco und Christin Sell einig.

Raphael enttäuscht sie nicht. Er hängt sich voll rein. Marco Sell testet seinen Azubi, fordert ihn auf, ihn abends an eine Bestellung zu erinnern. Der Azubi stellt seinen Handywecker, der geht während einer Party los. „Da stand Dosenschrauben“, erzählt er, und muss ein bisschen grinsen. Dann hat er seinen Chef angerufen und ihn an die Schraubenbestellung erinnert. „Hat noch kein Azubi gemacht“, sagt Sell.

Die Aufgaben im Handwerksbetrieb liegen Raphael. Abwechslung ist die Regel. „Mal sind wir zwei Tage auf derselben Baustelle, dann bei fünf Kunden an einem Tag. Wir müssen uns immer wieder auf neue Situationen einstellen“, sagt er. „Hier bin ich richtig, wie ich bin. Auch wenn ich natürlich noch an Vielem arbeiten muss.“ Der Chef lässt ihn eigene Lösungsvorschläge machen, lobt ihn, wenn sie gut sind. Und zeigt dem Azubi, wie es einfacher und besser geht. „Man merkt schon, dass man in manchen Situationen feinfühliger sein muss“, sagt Marco Sell. Er mag es, dass Raphael mit vollem Einsatz dabei ist. „Aber oft will er zuviel auf einmal, statt alles Schritt für Schritt zu lernen.“

Dass sich Raphael mit 16 Jahren komplett allein versorgt, sei eine „riesige Leistung“, finden Christin und Marco Sell. „Und wenn ich merke, es geht ihm mal nicht so gut, gehen wir in den Hof ein paar Blätter fegen und reden. Das hilft“, sagt Christin Sell. „Und falls das mal nicht passt, haben wir ja noch die Integrationsbegleitung.“

Marco Sell und Raphael sind sich sicher, dass er die Ausbildung packt, auch wenn es bestimmt noch Schwierigkeiten zu überwinden gibt. Verblüffende Lösungen sind bei ihm da inbegriffen. Wie vor kurzem. Da war ein Baustrahler in ein tiefes Loch gefallen. „Ich hab’ mich an den Wänden runter- und hochgehangelt und ihn geholt“, sagt Raphael. „Das kann ich, weil ich früher oft ‚Parcours‘ gemacht habe, um mich auszupowern und zur Ruhe zu kommen.“ Eine Sportart, bei der man in rasantem Tempo über Mauern und andere Hindernisse springt. Seit er bei Marco Sell arbeitet, macht er das nur noch am Wochenende.


Alles in einer Hand – Einheitliche Ansprechstellen für Arbeitgeber

Arbeitgeber, die Menschen mit Beeinträchtigung einstellen wollen, können jetzt ein neues Angebot des Landschaftsverbandes Rheinland in Anspruch nehmen. Mit acht „Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber“ (EAA) bekommen sie Fachkräfte zur Seite gestellt, die den gesamten Prozess der Einstellung unterstützen. Sie beraten bei der Arbeitsplatz-Ausstattung oder helfen bei der Beantragung von organisatorischen und finanziellen Unterstützungsleistungen – und das kostenlos. „Der zeitliche Aufwand für Betriebe, die einstellen möchten, wird so deutlich geringer“, sagt Sabine Gnielka, Fachberaterin der EAA in der Handwerkskammer zu Köln. Sie begleitet den Betrieb und seinen Azubi zudem während der gesamten Ausbildung als Lotsin, ist jederzeit ansprechbar und hilft zeitnah bei Schwierigkeiten

1701schwerbehinderte Menschen im Alter von 15 bis unter 25 Jahren waren in NRW im Oktober 2021 arbeitslos. Wer 20 oder mehr Arbeitnehmende beschäftigt, ist verpflichtet, fünf Prozent der Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen oder eine Ausgleichsabgabe von 140 bis 360 Euro monatlich zu zahlen. Eine Übernahmeverpflichtung für den Ausbildungsbetrieb gibt es nicht. Ein Azubi wird auf zwei bis drei Pflichtplätze angerechnet. In Köln erfüllen private Arbeitgeber ihre Quote zu 4,1 Prozent, öffentliche Arbeitgeber zu 7,6 Prozent. Mit einem Schnitt von 4,7 Prozent liegt Köln unter dem NRW-Schnitt von 5,1 Prozent. www.inklusionsamt.lvr.de/eaa