Wolfgang Niedecken feierte sein 75. Lebensjahr mit einem melancholischen Konzert in der ausverkauften Kölner Philharmonie.
Wolfgang NiedeckenSo melancholisch war das Geburtstagskonzert in der Philharmonie

Wolfgang Niedecken beim Auftritt in der Philharmonie
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Musiker, Poet, Geschichtenerzähler: Wolfgang Niedecken ist all das und mehr. Er ist eine der guten Seelen Kölns, dessen Erinnerungen das kollektive Gedächtnis einer ganzen Stadt prägen. Selten wurde dies deutlicher als an seinem 75. Geburtstag, den der BAP-Frontmann nicht etwa im Kreis seiner Familie, sondern stilecht mit einem Konzert in der ausverkauften Philharmonie feierte.
Im Rahmen seiner „Zwischen Start und Ziel“-Tour beleuchtete er die Genese so mancher Klassiker, die – abgesehen von der ein oder anderen künstlerischen Verfremdung – einen starken biografischen Charakter haben. Nur begleitet von Mike Herting blickte Niedecken auf Szenen aus seinem Leben zurück, die sich irgendwie in sein Gedächtnis eingebrannt haben und die so manches Lied in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen.
Nostalgische Momentaufnahmen
So manches Erinnerungsstück tauchte an diesem Abend wieder aus der Versenkung auf: Der Chippendale-Tisch seiner Mutter zum Beispiel, der auf dem Cover von „Salzjebäck un Bier“ zu sehen ist und dem er später ein eigenes Lied gewidmet hat; oder ein Kuhschädel, den eine wilde Truppe aus Dortmund einst auf dem Weg nach Olympos aufgesammelt hatte und die Niedecken in „Maat et joot“ verewigte.
Andere BAP-Songs sind nostalgische Momentaufnahmen – „Nix wie bessher“ sowie das von einem Böll-Text inspirierte „Unger Krahnebäume“ gehören in diese Kategorie – oder Charakterporträts („Jupp“); alle drei Titel spielte das Duo in herrlich reduzierten Arrangements. Und natürlich wurde es zwischendrin auch politisch, vor allem als Niedecken die Entstehung von „Absurdistan“ und „Arsch huh, Zäng ussenander“ schilderte. Letzteres wirkte übrigens immer noch: Bei diesem Lied blieb keiner sitzen.
Mit seinen Storys und Anekdoten gab Niedecken seinen Songs mitunter sogar einen neuen Kontext. Mit ganz unerwarteten Auswirkungen: Ausgerechnet bei „Verdamp lang her“ hielt sich das Publikum auffällig zurück, anstatt lauthals mitzusingen. Vielleicht liegt es am fehlenden Schlagzeug, vielleicht auch an dem immer wieder heruntergefahrenen Licht oder einfach daran, dass Niedecken gesteht, er habe es ein halbes Jahr nach dem Tod seines Vaters aus Gesprächsfetzen und ungesagten Sätzen zusammengebaut. Ein berührendes Bekenntnis, das dem Stück eine neue Färbung verlieh – und euphorisches Mitsingen fehl am Platze wirken ließ.
Drei Lieder für Tina
Mehr als drei Stunden lang gewährte Niedecken einen Einblick in die eigene Geschichte, an der auch seine Frau Tina erheblichen Anteil hat. Gleich mehrere Lieder hat er ihr geschrieben, seit sie sich bei einem Flug von Köln nach München über den Weg gelaufen sind, darunter „Zosamme alt“. Diese Nummer entstand 2013, zwei Jahre nach Niedeckens Schlaganfall, mit dem sein scheinbar endloser Sommer endete und der Herbst des Lebens begann.
Doch ans Aufhören denkt Niedecken noch lange nicht. Diese Freiheit hat längst nicht jeder. Wenn es nach seinen Fans ginge, dürfte auch dieser Herbst für immer andauern – so wie auch der Applaus, der auf seine Art ein von Herzen kommendes Geburtstagsständchen war.

