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Interview mit Kölner Caritas-Chef„Zahlreiche Träger in Köln werden schließen müssen“

5 min
Ein Caritas-Projekt in Köln-Meschenich

Ein Caritas-Projekt in Köln-Meschenich

Vorgesehene Kürzungen verschärfen auch die Personalnot — Vulnerable Gruppen sind dabei als erste betroffen. Ein Gespräch mit dem Caritas-Chef Peter Krücker.

Caritas-Chef Peter Krücker (64) kritisiert die geplanten Kürzungen im Bundeshaushalt als offenkundige Schädigung des Sozialbereichs. Auch große soziale Träger seien dadurch existenziell bedroht. Gabi Bossler sprach mit ihm.

Der Haushaltsplanentwurf des Bundes weist Kürzungen von 25 Prozent im Sozialbereich aus. Fühlen Sie Ihre Arbeit als sozialer Träger da überhaupt noch gesehen?

Massive Kürzungen explizit zu Lasten der Träger, das ist etwas völlig Neues. Und ein Stoß vor den Kopf der Institutionen, die seit Jahrzehnten zwei Drittel des Sozialsystems sicherstellen.   Wir haben eine fatale Gleichzeitigkeit von drastischen Kürzungen der öffentlichen Hand und einem inflationsbedingten Anstieg der Personalkosten um 10 bis 14 Prozent. Ich bin seit über 30 Jahren im sozialen Bereich präsent, und ich habe mir noch nie so gravierende Sorgen gemacht wie jetzt. Sorgen darüber, ob wir das, was hilfebedürftige Menschen an Versorgung brauchen, noch gewährleisten können. Sicher ist, dass zahlreiche kleinere Träger in Köln Ende 2024 schließen müssen, falls die Kürzungen so kommen.

Auch das Budget für Freiwillige, die für ein Anerkennungshonorar von 438 Euro monatlich arbeiten, wird reduziert. Zugleich müssen soziale Träger Personal über teure Dienstleister rekrutieren. Wie geht das zusammen?

Wir verlieren dadurch 25 Prozent aller Freiwilligen im FSJ und Bundesfreiwilligendienst. Das schädigt den sozialen Bereich massiv und ist vollkommen unverständlich.   Noch dazu haben freiwillige Tätigkeiten eine enorme Bedeutung dafür, dass sich junge Menschen für einen sozialen Beruf entscheiden. Wer ein Jahr in der Pflege, der Integrationsarbeit oder in der Kita arbeitet, entdeckt das womöglich als spannendes und sinnstiftendes Berufsfeld für sich.

Also wird eine geringe finanzielle Ersparnis die Personalnot im sozialen Bereich mittelfristig noch verschärften?

Schon der Wegfall des Zivildienstes hat die sozialen Träger   in Sachen Nachwuchs deutlich geschwächt. Durch den Freiwilligendienst ist das etwas aufgefangen worden, jetzt soll selbst der noch reduziert werden. Das hätte auch direkte Auswirkungen. Die meisten Jugendfreizeiten oder viele Sanitätsdienste sind ohne FSJler nicht möglich.

Auch die Migrationsberatung soll 30 Prozent weniger bekommen.

Das ist ein völlig falsches Signal, das mir die Haare zu Berge stehen lässt. Wir brauchen Beratungen, um mit den Geflüchteten Perspektiven zu entwickeln. Menschen, die fliehen, die diese Tortur heil überstehen, sind starke Menschen mit einem hohen Potenzial. Das nutzen wir gar nicht. Wir dulden sie in einem unsicheren Aufenthaltsstatus, der eine Arbeitsaufnahme nahezu unmöglich macht.

Was müsste sich ändern?

Ganz dringend müssen geflüchtete Menschen schnell einen sicheren Aufenthaltsstatus bekommen, damit sie sich hier ein eigenständiges Leben aufbauen können. Wichtig ist dafür, ihre Ausbildungen anzuerkennen. Wir haben   ein extrem hohes Maß an   Bürokratie und Vorschriften, deren Einhaltung eine Fülle von Menschen kontrollieren.   Das können wir uns nicht weiter leisten.

Inwiefern?

Es ist absurd, was da für Belege angefordert werden. Ich habe erlebt, dass Menschen, die in Afghanistan studiert haben, Zeugnisse ihres mittleren Bildungsabschlusses vorlegen sollten. Die aus Afghanistan zu bekommen, das Jahre. Und es ist für nichts gut.

Gibt es eine Alternative dazu?

Ausbildungsbetriebe könnten über Prüfungen oder Tätigkeitsnachweise feststellen, was ein Mensch kann. Jemand aus Afghanistan hat keine Lehre als Schlosser. Aber er kann drehen und schweißen. Erproben, einsetzen und die Menschen dann mit einem guten Instrumentarium ihren Fähigkeiten entsprechende   Qualifikationen zuordnen – das wäre ein Weg. Auch für Pflegeberufe, in denen es schon jetzt einen Mangel an Arbeitskräften gibt.   Und Zahl der Pflegegbedüftigen wird in Zukunft deutlich steigen.

Was muss passieren, damit sich mehr Menschen für Pflegeberufe entscheiden?

Der Verdienst ist nicht schlecht und angemessen für eine anspruchsvolle Arbeit. Aber es müsste nicht alles von Fachkräften geleistet werden. Wir müssen Menschen mit geringeren Qualifikationen stärker in den Arbeitsmarkt einbinden und deren Potentiale nutzen. Und wir   brauchen   Einwanderung von Arbeitskräften. Aber die Politik,   nur die Einwanderung hochgebildeter Menschen zu fördern und im Flüchtlingsbereich alle Türen zu schließen, ist ethisch nicht vertretbar. Wir müssen auch   Geflüchteten eine berufliche Integration ermöglichen.

Gekürzt werden sollen auch die Zuschüsse zur Pflegeversicherung. Werden sich Menschen Heime nicht mehr leisten können?

Noch ist die stationäre Heimversorgung über Grundsicherung und Pflegewohngeld abgesichert. Ich bin nicht sicher, ob das auf Dauer so gewährleistet wird – auch weil keine neuen   Plätze geschaffen werden. Wir werden wahrscheinlich Einrichtungen erster, zweiter und dritter Klasse bekommen, mit Mehrbettzimmern als Regelfall. Über Jahre pflegebedürftig mit anderen in einem Raum leben zu müssen, dürfen wir Menschen nicht zumuten. Das ist ein Horroszenario.

Driftet die Gesellschaft auseinander?

Das tut sie zunehmend. Unsere Ressourcen sind jetzt schon knapp, und pflegebedürftige Menschen haben fast keine Lobby. Auch bei der Hilfe für andere sehr vulnerable Menschen soll massiv gekürzt werden: Das Zentrum für Folteropfer soll 40 Prozent weniger Geld vom Bund bekommen.

Die Debatte über den Haushaltsplanentwurf beginnt nach der Sommerpause...

Schon jetzt versuchen wir, mit begrenzten Mitteln   alle Beratungs- und Hilfsangebote aufrecht zu erhalten. Die Menschen benötigen sie jetzt  mehr denn je. Uns als großen Träger bringt ein Jahr wie das jetzige nicht ins Schwanken. Mehrere solcher Jahre bringen jeden Träger ins Schwanken, auch große.   Etliche werden das nicht überleben. Wir müssen der Politik klar machen, dass dieser Entwurf so nicht verabschiedet werden darf.


Caritas Köln

2143 Menschen arbeiteten 2022 in den Einrichtungen der Caritas Köln, dazu 884 Ehrenamtliche und 164 Freiwillige. Sie betreibt u. a. sieben Altenzentren mit stationärer Pflege und zwei Hospize. Schwerpunkte mit umfangreichen Angeboten sind auch Geflüchtetenhilfe, Hilfe für Menschen mit geringen Einkommen, für Kinder, Jugendliche und Familien. (bos)