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Integrationsprojekt
In Köln-Chorweiler kommen sich Russen und Ukrainer durch KI näher

4 min
Raisa Geiko (l.) mit zwei weiteren KI-Kursteilnehmerinnen im Begegnungszentrum Chorweiler

Raisa Geiko (l.) mit zwei weiteren KI-Kursteilnehmerinnen im Begegnungszentrum Chorweiler.

Russen, Ukrainer, jüdische Kontingentflüchtlinge – und alle lernen zusammen, wie man per KI Behördenbriefe schreibt. Über ein Projekt, das zusammenbringt, was der Krieg entzweit.

„Wer hat denn in diesem Monat Geburtstag?“, fragt Kursleiter Mark Eyzenshtat auf Russisch in die Runde. Rund 25 Menschen sind an einem Nachmittag im Mai ins Begegnungszentrum Chorweiler gekommen, sie sitzen in drei Reihen vor einer Leinwand und schauen erwartungsvoll zu Eyzenshtat auf, der Altersdurchschnitt liegt bei rund 60 Jahren.

Eine Frau hebt zaghaft den Arm. „Ah, Regina – gut“, sagt er, zückt sein Smartphone und öffnet die ChatGPT-App. Sein Display wird auf der Leinwand hinter ihm gespiegelt, sodass der Kurs zuschauen kann. Im kyrillischen Alphabet tippt er einen Befehl ein: „Erstelle eine Karte mit einer Einladung zu Reginas Geburtstag.“ Wenige Sekunden später erscheint eine animierte Grußkarte auf dem Display. „Mach aus der Einladung ein Gedicht“, sagt Eyzenshtat dann, und die KI folgt prompt. Ein Raunen geht durch den Raum.

Der KI-Kurs ist ein Angebot des Begegnungszentrums Chorweiler, geführt von der Kölner Synagogengemeinde. Er ist Teil des Integrationsprojekts „Zusammenwachsen – Zusammenleben“, das von der Deutschen Fernsehlotterie gefördert wird.

Ziel des Projektes ist es, Zugewanderte mit ganz unterschiedlichen Biografien zusammenzubringen: auf der einen Seite die vielen Menschen, die seit dem Ende der Sowjetunion aus dem postsowjetischen Raum – vor allem aus Russland – nach Chorweiler gezogen sind; auf der anderen die Ukrainerinnen und Ukrainer, die seit dem russischen Angriff auf ihre Heimat nach Deutschland geflohen sind.

In Chorweiler treffen Russen und Ukrainer aufeinander

In Chorweiler treffen beide Gruppen aufeinander. „Viele der ukrainischen Geflüchteten sind traumatisiert nach Deutschland gekommen, viele von ihnen sind hier einsam“, sagt Alexander Apel, der Leiter des Projekts. Seine Mitarbeiterin Natalia Garschina ergänzt: „Unser Ziel ist es, diesen Menschen nicht nur mit Informationen weiterzuhelfen, sondern sie wirklich ins Leben im Viertel zu integrieren.“

Abgehängt in Köln. Wenn die Postleitzahl entscheidet. Eine Recherche über eine geteilte Stadt – und die großen Fragen an den Sozialstaat

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Dass das kein konfliktfreies Unterfangen ist, wissen Apel und Garschina genau. Rund 12.000 Menschen aus dem postsowjetischen Raum kamen nach 1990 in den Stadtbezirk Chorweiler – darunter sogenannte Russlanddeutsche und jüdische Kontingentflüchtlinge, die in der Synagogengemeinde vor Ort eine Anlaufstelle fanden. Viele von ihnen verstehen sich als Russen – und treffen nun in Chorweiler auf Ukrainerinnen und Ukrainer. Wie soll das gut gehen?

Mark Eyzenshtat bringt den Kursteilnehmerinnen und -Teilnehmern KI näher.

Mark Eyzenshtat bringt den Kursteilnehmerinnen und -Teilnehmern KI näher.

Die Antwort, die Apel und Garschina darauf gefunden haben, ist pragmatisch: kein Streit über Politik, dafür umso mehr gemeinsames Tun. „Wir reden hier nicht über den Krieg und vermeiden alles, was uns trennen könnte“, sagt Garschina.

Der Fokus liege stattdessen auf dem Alltag in Deutschland – und auf der Frage, wie man ihn gemeinsam besser gestalten kann. Am Anfang habe es durchaus Reibungen gegeben, räumt sie ein, doch die hätten sich mit der Zeit gelegt. Apel erklärt, warum: Man habe von Beginn an gezielt nach Aktivitäten gesucht, bei denen es keine Rolle spielt, woher jemand stammt – und sie gefunden.

Zig Integrationskurse für Chorweiler

Ein weiterer Baustein des Konzepts: Die ukrainischen Geflüchteten sollen nicht nur Unterstützung empfangen, sondern selbst Teil des Netzwerks werden. Einige arbeiten inzwischen als Koordinatorinnen und Koordinatoren in verschiedenen Projekten des Zentrums. „Nicht nur nehmen, sondern auch zurückgeben – das ist unser Prinzip“, sagt Garschina.

Was das im größeren Zusammenhang bedeutet, fasst Apel mit einem Satz zusammen, der in diesen Zeiten fast utopisch klingt: „Überall auf der Welt herrscht Krieg. Hier, in diesem Raum, wollen wir Frieden schaffen.“

Alexander Apel, der Leiter des Projekts und Mitarbeiterin Natalia Garschina

Alexander Apel, der Leiter des Projekts, und Mitarbeiterin Natalia Garschina.

Neben dem KI-Kurs gehören zig weitere Kurse und Aktionen zu dem Projekt. Darunter Sprachtrainings, Kochkurse, ein Puppentheater oder diverse Ausflüge. Mindestens 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten bisher teilgenommen, so Apel.

Eine von ihnen ist Raisa Geiko. Die 73-Jährige sitzt in der dritten Reihe des KI-Kurses und verfolgt Eyzenshtats Vorführung mit wachem Blick. Sie selbst hat eine Migrationsgeschichte, die kaum komplizierter sein könnte: Geboren in der Ukraine, aufgewachsen in der Sowjetunion, dann dreißig Jahre lang im hohen Norden Russlands gelebt – bis die wirtschaftliche Not nach dem Zusammenbruch der UdSSR auch dort zu groß wurde. „Die Löhne waren winzig, kaum genug, um Wohnung, Strom und Medizin zu bezahlen“, sagt sie. 2007 kam sie dann nach Deutschland – und fand in Chorweiler eine Heimat.

Rund 25 Menschen sind an einem Nachmittag im Mai ins Begegnungszentrum Chorweiler gekommen

Rund 25 Menschen sind an einem Nachmittag im Mai ins Begegnungszentrum Chorweiler gekommen.

Im Kurs schätzt Geiko vor allem eines: den Austausch. Seit sie nicht mehr arbeitet, seien die sozialen Kontakte weniger geworden, erzählt sie – der Kurs gebe ihr die Möglichkeit, wieder Fragen zu stellen, Neues zu lernen und mit anderen in Kontakt zu bleiben. „Mark erklärt mir, was auf dem Smartphone möglich ist, und ich bekomme endlich Antworten, die ich wirklich verstehe“, sagt sie. Praktisch nutzt sie die KI vor allem für behördliche Angelegenheiten: Briefe schreiben, Gesetze nachschlagen, Formulare ausfüllen.

Zum Ende des Nachmittags fasst Eyzenshtat noch einmal zusammen, was KI für seine Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer leisten kann: „In einem fremden Land, mit einer fremden Sprache, kann KI vieles sein: eine geduldige Ratgeberin, ein Handwerker auf Abruf, ein Nachbar, der beim Ausfüllen von Formularen hilft oder weiß, an wen man sich wenden muss“, sagt er. Viele, die den Kurs besuchen, finden hier aber mehr als einen digitalen Helfer.