Der Wasserstand in Köln ist historisch tief. Die Folgen für Umwelt und Wirtschaft sind enorm. Ebenso wie das, was wir daraus für die Zukunft ableiten müssen. Ein Gastbeitrag von Meteorologe Karsten Brandt

Niedrigwasser in KölnDieser Sommer ist eine deutliche Warnung

Ein Binnenschiff fährt bei niedrigem Pegelstand unter der Südbrücke über den Rhein.
Copyright: Oliver Berg/dpa
Leider gibt es keine guten Nachrichten. Als gebürtiger Bonner beobachte ich den Rhein schon seit meiner Kindheit – allein schon wegen des täglichen Schulwegs auf das Gymnasium auf der anderen Rheinseite gehörte der Fluss immer zu meinem Alltag. In einem Zustand wie heute, mit so extrem wenig Wasser, habe ich den Rhein allerdings selten oder noch nie gesehen und es macht mich auch traurig. Beim Weg über die Rheinbrücke gestern in Bonn habe ich über eine halbe Stunde kein Schiff fahren sehen.
Die aktuellen Abflussmengen am Ausgang des Mittelrheins liegen teilweise nur noch bei 500 bis 600 Kubikmetern pro Sekunde – Werte, die selbst für den Sommer und Herbst außergewöhnlich niedrig sind. In den 1980er und 1990er Jahren war noch Hochwasser das alles beherrschende Thema; als Reaktion auf die großen Hochwasser von 1993 und 1995 wurden überall am Rhein Deiche gebaut. Heute stehen wir vor dem entgegengesetzten Problem: Die Niedrigwasserperioden nehmen kontinuierlich zu, besonders seit den 2000er Jahren deutlich sicht- und messbar.
Niedrigwasser am Rhein: Keine schnelle Entspannung der Wetterlage
Wann diese extreme Niedrigwasserphase endet, lässt sich derzeit schwer vorhersagen. Eine nachhaltige Besserung würde eine grundlegende Umstellung der Großwetterlage voraussetzen – hin zur klassischen Westwindzone mit Tiefdruckgebieten über Europa, wie wir sie aus den 1970er und 1980er Jahren kennen. Wenn Tiefdruckgebiete über Wochen hinweg beständigen Landregen bringen und sich die Temperaturen normalisieren, gäbe es eine Chance, den Rhein aus diesem Niedrigwasserbereich zu holen und in Köln wieder Pegelstände von 1,30 bis 2,00 Metern zu erreichen.
Das Problem ist: Selbst wenn es regnet, müssen die ausgedörrten Böden im Rheineinzugsgebiet die Feuchtigkeit erst einmal aufnehmen, was sehr lange dauert. Wir müssen uns daher in den kommenden zwei, wahrscheinlich drei Wochen auf eine anhaltende Zitterpartie einstellen mit Pegelständen in Köln von 60 bis 80 cm. Historisch betrachtet werden die tiefsten Pegelstände ohnehin erst im September, Oktober oder gar November erreicht, da die Böden erst spät im Jahr wieder ausreichend gesättigt sind, um Wasser an den Fluss abzugeben. Oft steigen die Pegel erst im Dezember wieder nachhaltig an.
Konkret: Ändert sich die Wetterlage auch Ende August nicht, drohen neue Rekordtiefstpegel im September. Die Situation wird durch die bevorstehende Hitzewelle noch verschärft: Nächste Woche erwarten wir am Oberrhein Spitzenwerte von bis zu 40 Grad, im Kölner Stadtgebiet stehen uns drei Tage hintereinander mit 37 bis 39 Grad bevor. Dies führt zu extrem hohen Wassertemperaturen im Rhein von stellenweise 29 bis 30 Grad. Diese „Badewassertemperaturen“ in Kombination mit der geringen Wassermenge stellen eine enorme Belastung für die Lebewesen im Fluss dar.
Schwere wirtschaftliche Folgen für Logistik und Versorgung
Die ökonomischen Auswirkungen dieser Dürreperiode sind immens. Der Rhein ist eine der wichtigsten Transportrouten Europas; über ihn werden unter anderem Treibstoffe und Schmierstoffe bis an den Oberrhein und Luxemburg transportiert.
Durch das Niedrigwasser verteuern sich die Transporte drastisch und Logistikketten werden gestört oder wie aktuell sogar unterbrochen. Der Ausweichverkehr über Schiene und Straße ist nur mit erheblichem Aufwand und deutlich höheren Kosten möglich und auch dort gibt es ja „Baustellen“. Wenn dieser Zustand noch mehrere Wochen anhält, dürfte sich das sogar im Bruttosozialprodukt in Form einer Stagnation oder gar einer dürrebedingten Rezession niederschlagen. Zudem besteht das Risiko, dass es zumindest zeitweise zu Versorgungsengpässen kommt und nicht mehr alle Produkte lückenlos verfügbar sind. In Luxemburg war dies an den Tankstellen vor einigen Tagen bereits der Fall.
Der Rhein im Klimawandel: Ausfall der Schifffahrt droht
Langfristig müssen wir uns in den kommenden Jahren immer wieder auf derart extreme Niedrigwassersituationen am Rhein einstellen. Um den Verkehr auf dem Fluss auch künftig aufrechtzuerhalten, wird ein entsprechender Ausbau der Wasserstraße unumgänglich sein – was wiederum nicht ohne ökologische Folgen bleiben wird.
Doch selbst mit baulichen Anpassungen stößt man an Grenzen: Wenn die Abflussmengen in Zukunft auf unter 400 oder gar 300 Kubikmeter pro Sekunde fallen, droht schlichtweg der komplette Ausfall der Schifffahrt, weil einfach nicht mehr ausreichend Wasser vorhanden ist.
Wir müssen uns diesen Herausforderungen des Klimawandels aktiv stellen. Der Sommer 2026 dient hierbei als deutliche Warnung und Blaupause dafür, worauf wir uns am Rhein und in der Region Köln künftig dauerhaft einrichten müssen. Auch ich werde mich in den Sommern wohl daran gewöhnen müssen, dass aus dem großen Rhein ein ganz kleiner geworden ist.
Zur Person: Karsten Brandt (53) ist promovierter Meteorologe. Er ist Spezialist für Fragen zum Stadtklima und beschäftigt sich intensiv mit Themen rund um den Klimawandel und Unwetter. Er betreibt in Bonn einen privaten Wetterdienst und arbeitet beratend für den Rettungsdienst im Rhein-Sieg-Kreis.
