Der Verein „Insgesamt“ arbeitet an einem einzigartigen inklusiven Wohnprojekt, das behinderte und nicht behinderte Menschen in Köln zusammenbringt.
„Lern-uns-kennen-Party“Inklusives Wohnprojekt für behinderte Jugendliche in Ehrenfeld geplant

Die Hansemannstraße aufmischen möchten Lukas Tettamanzi, Birgit Jendro und Cristina Tettamanzi (v.l.).
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Als es um die konkrete Gestaltung des Hauses ging, waren die Kinder und Jugendlichen gleich mit einer langen Liste von Wünschen zur Stelle. „Begrünt“ sollte die Umgebung sein, „Pferde“ wären auch sehr schön. Weil Pferdehaltung in einem Ehrenfelder Hinterhof nicht ganz einfach ist, habe man die Kinder schrittweise „heruntergehandelt“. Zunächst konnte man sich auf Ponys einigen, danach auf Schafe: „Zuletzt sind wir dann bei Hamstern gelandet“, erzählt Birgit Jendro lachend.
Dass Kinderwünsche und Realität nicht ohne weiteres zusammenpassen, erlebt man bei jeder Spielplatzplanung. Doch für Jendro und ihre Mitstreiter vom Verein „Insgesamt“ kommen ganz besondere Umstände hinzu. Denn der vor drei Jahren gegründete Verein arbeitet an einem nicht alltäglichen inklusiven Wohnprojekt, das er am kommenden Sonntag im Rahmen einer „Lern-uns-kennen-Party“ im Ehrenfelder Bürgerzentrum vorstellen möchte. Auf einem ehemals gewerblich genutzten Grundstück in der Hansemannstraße soll ein Gebäude mit 15 Wohnungen entstehen, in dem Menschen mit Behinderung mit Menschen ohne Behinderung zusammenleben.
Konkrete Wohnwünsche geistig behinderter Jugendlicher
„Die Architekten hatten gar nicht damit gerechnet, dass unsere Kinder so konkrete Vorstellungen haben und die auch äußern“, sagt Cristina Tettamanzi. Sie ist wie Jendro Vorstandsmitglied des Insgesamt e. V., dessen etwa 30 Mitglieder zumeist Eltern von geistig behinderten Kindern und Jugendlichen sind. Die Wünsche der Jugendlichen hätten beim Planungsworkshop aber durchaus realistisch geklungen: „Chill-out-Raum“ und „Musikanlage“ gehörten dazu, aber auch: „Wir wollen nur mit coolen Jungs zusammenwohnen.“
Diese „coolen Jungs“ – oder Mädels – sollten aber Interesse am Umgang mit behinderten Menschen mitbringen, möglicherweise sogar beruflich einmal in diesem Bereich arbeiten wollen. Denn das Projekt in der Hansemannstraße wird auf dem Prinzip „Wohnen für Hilfe“ basieren: Die künftigen sieben Bewohner ohne Behinderung können dort zu den Mietpreisen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus leben, als Gegenleistung unterstützen sie die acht Bewohner mit Behinderung bei der Bewältigung des Alltags.
Gemeinschaftsraum soll Inklusion und Vielfalt fördern
Aber das ist noch nicht alles: Für das Erdgeschoss des Gebäudes, das mit zwei oberen Etagen sowie einem Staffelgeschoss geplant wird, ist ein Gemeinschaftsraum mit einer Größe von 80 bis 90 Quadratmetern vorgesehen, in dem auch öffentliche Veranstaltungen stattfinden. Denn das Wohnprojekt soll auch Veränderungen in der Wahrnehmung behinderter Menschen anstoßen: „Sie sind öffentlich kaum sichtbar, nehmen selten an Aktivitäten teil“, sagt Cristina Tettamanzi. „Dabei können sie mit ihrer ganz eigenen Wahrnehmung der Welt eine Bereicherung sein.“ Das Haus in der Hansemannstraße soll zur Diversität des ohnehin bunten Stadtteiles beitragen. Von künftigen Bewohnern wird erwartet, dass sie sich mit ihren Ideen daran beteiligen, etwa wenn es um die Bespielung des Gemeinschaftsraums geht.
Für Birgit Jendro ist das Wohnprojekt nicht zuletzt ein Schritt auf dem Weg zu einem möglichst selbstbestimmten Leben für behinderte Menschen. Denn viele bleiben entweder zuhause bei ihren Eltern oder werden in Einrichtungen für behinderte Menschen untergebracht und arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen: „Das ist meist nicht sehr anspruchsvoll, dann bilden sich die Fähigkeiten, die sie zum Beispiel in Förderschulen erworben haben, schnell wieder zurück.“
Ob ihre eigenen Kinder von dem Projekt profitieren können, hängt auch davon ab, wann das Haus fertig ist. Tettamanzi rechnet mit „drei bis fünf Jahren“, aber bis dahin müssen noch einige Schwierigkeiten überwunden werden. Die Verwaltung und der Paritätische Wohlfahrtsverband seien sehr hilfreich gewesen, habe Tipps bei der Beantragung von Fördermitteln für sozialen und nachhaltigen Wohnungsbau – Stichwort: Fotovoltaik – gegeben. Auch die Aktion Mensch, die Kämpgen-Stiftung, die Sparkasse Köln Bonn oder die Bürgerstiftung Ehrenfeld waren zur Stelle und hatten teils großzügige Finanzspritzen gewährt. Aber die stolze Summe von rund 500.000 Euro muss der Verein als Bauherr aufbringen, aus Eigenkapital und Spenden. Zwei Fundraising-Kampagnen laufen.

Das Bürgerzentrum in Ehrenfeld (Archivbild)
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Daher dient auch die Veranstaltung im Büze dazu, Neugierige von dem Projekt zu überzeugen, das Netzwerk des Vereins zu erweitern und weitere Fördermittel zu akquirieren. Jugendliche mit Behinderung helfen beim Getränkeausschank, als DJs, Türsteher und sogar mit eigenen Liedern mit. Denn die heiße Phase beginnt. Ende dieses Jahres, Anfang kommenden Jahres soll der Kaufvertrag mit dem Eigentümer des Grundstücks in der Hansemannstraße unterzeichnet werden. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Birgit Jendro verrät: „In Ostheim werden wir möglicherweise ein ähnliches Projekt starten.“
Info-Box:
Die „Lern-uns-kennen-Party“ mit Projektvorstellung findet am Sonntag, 20. September, von 15 bis 18 Uhr im Bürgerzentrum Ehrenfeld, Venloer Straße 429, statt. Der Eintritt ist kostenlos, um eine Anmeldung über Eventbrite wird gebeten. www.eventbrite.de/e/lern-uns-kennen-party-tickets-1993310787223?aff=oddtdtcreator
Über die Aktivitäten des Vereins kann man sich auf der Homepage informieren: www.insgesamt-koeln.de.
