Abo

Erinnerung an Kölner KonzertWolf Biermann feiert mit Freunden und Wegbegleitern in der Kölner Philharmonie

3 min
Wolf Biermann in der Kölner Philharmonie.

Wolf Biermann in der Kölner Philharmonie

Der Abend stand im Zeichen seines berühmten Auftritts von 1976 in der Kölner Sporthalle, der zu seiner Ausbürgerung aus der DDR führte.

Eigentlich soll Wolf Biermann den ersten Teil des ihm gewidmeten Abends passiv vom Publikum aus verfolgen. Doch als die Tontechnik über Minuten hinweg streikt und das Programm pausieren muss, steht er von seinem Platz auf und überbrückt die Stille mit Anekdoten aus bitteren DDR-Zeiten. „Jetzt kann ich mir vorstellen, wie die Stasi gelitten hat, wenn mein Abhörmikrofon nicht funktionierte“, scherzt Biermann spontan in die Kölner Philharmonie hinein.

Das „Jubiläumskonzert“ steht im Zeichen seines berühmten Auftritts von 1976 in der Kölner Sporthalle, der ihm die Ausbürgerung aus der DDR bescherte, internationale Solidaritätsbekundungen und große Popularität in Ost und West. Es steht aber auch im Zeichen seines bevorstehenden 90. Geburtstags. Den nimmt man dem Dichter und Liedermacher allerdings nicht ab, so agil und kraftvoll er noch immer wirkt, wenn er „Freiheit“ schreit oder über die Bühne tänzelt.

Biermann hatte jahrelanges Auftrittsverbot in der DDR

Stillhalten war nie die Stärke von Biermann, der als 16-Jähriger freiwillig von Hamburg in die DDR ging, um dort im Auftrag seiner Mutter den Kommunismus aufzubauen. Er übte Kritik an den Verhältnissen im „Arbeiter- und Bauernstaat“, den er nicht abschaffen wollte, aber reformieren. Doch seine Kritik war nicht erwünscht, Biermann wurde Staatsfeind Nummer eins und erhielt jahrelanges Auftrittsverbot, während die „Staatssicherheit“ seine Berliner Wohnung an der Chausseestraße 131 verwanzte.

Wolf Biermann auf der Bühne der Kölner Philharmonie

Auch mit fast 90 Jahren bringt Wolf Biermann noch seine Lieder auf die Bühne.

„Die Mächtigen vor 50 Jahren, sie fürchten sowohl den Inhalt seiner Lieder, aber auch die Qualität“, so Joachim Gauck, in Rostock geborener ehemaliger Bundespräsident, in seiner Laudatio: „Seine Texte waren genau gearbeitet, oft zupackend derb, dann wieder von großer hinreißender sprachlicher Schönheit. Dazu kam etwas, was Diktatoren besonders schwer verzeihen: Humor.“

Selbstkritik und Distanz zu früheren Äußerungen

Humor und Selbstkritik hat Biermann nicht verloren. Als der Ton längst wieder funktioniert und er zur Gitarre greift, spielt er das Lied, mit dem er vor 50 Jahren sein Kölner Konzert einläutete. „So soll es sein – so wird es sein“ beschwört die Unausweichlichkeit einer kommunistischen Gesellschaft. „Die BRD braucht die KP“, behauptete Biermann damals vor 8000 Menschen, im Laufe des mehr als vierstündigen Abends immer selbstbewusster werdend.

Beteiligte des Konzerts von Wolf Biermann auf der Bühne in der Kölner Philharmonie

Der Liedermacher wurde von Freunden und Weggefährten geehrt.

Heute übt er Distanz zu sich selbst. „Ich habe mich in vielen Dingen geändert“, kommentiert Biermann sein altes Lied: „Ich bin in vielen Dingen nicht mehr meiner Meinung.“ Aber er hat noch immer eine Meinung und die äußert er auch zu aktuellen Entwicklungen in alter Bänkelsänger-Manier. In der „Moritat von den historischen Liebespaaren“ versinken Putin und Trump im Liebesakt, während Selenskyj keine Chance hat.

Ein Abend mit Freunden und Weggefährten

„Er hat immer auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die wir gerade haben“, sagt Biermann-Fan Thomas Nebbe aus Köln, der schon als 15-jähriger Realschüler eine Abschlussarbeit über den Liedermacher schrieb und nun in der Philharmonie auf ein Biermann-Autogramm hofft. Er schätze dessen „authentisches Rückgrat“, seine Weitsicht und Draufsicht: „Und seine Musik ist einfach so schön.“

Die Ballade vom Hugenottenfriedhof, noch aus DDR-Zeiten, intoniert Wolf Biermann zusammen mit seiner Frau Pamela. Als Moderatorin des Abends lässt sie Freunde und Weggefährten ihres Mannes wie die ehemalige WDR-Journalistin Carmen Thomas zu Wort kommen, Komikerin Carolin Kebekus wird in einer Videoaufnahme zugeschaltet. Schauspielerin Anita Iselin trägt Biermann-Gedichte vor, das Duo Ulrich Gumpert und Günter Baby Sommer spielt Jazz am Klavier und am Schlagzeug, Nora Buschmann Gitarre.

Nostalgie liegt in der Luft, aber auch die Ahnung, dass Biermannscher Mut bald wieder gefragt sein könnte. „‚Fick die AfD‘ zu sagen ist so leicht, bis es nicht mehr ist“, singt am Ende des Programms Juse Ju in „Das Ende des Zynismus“, einer eindrucksvollen Verknüpfung von zeitgemäßem Rap und des Liedermachers alter Zeile „Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“. Wie sagte Joachim Gauck noch in seiner Rede über den Jubilar? „Es kommen Zeiten, da werden wir uns beistehen müssen mit deiner Ermutigung.“