Das „Forever Fresh“-Projekt des Festivals c/o pop geht in eine weitere Runde: Dieses Mal bilden die Seniorinnen ein Duo mit U30-Jährigen Frauen. Am Freitag treten sie im Yuca-Club auf.
„Kann gar nicht damit aufhören“Kölnerin steht mit 70 Jahren am DJ-Pult
Als junges Mädchen ging Edeltraut Stecher gern tanzen, am liebsten in einer der neuen Discotheken südwestlich von Stuttgart, wo sie aufgewachsen ist. Mit Musik hatte sie dann jahrzehntelang eigentlich kaum etwas zu tun. Heute steht die 72-Jährige an einem Vormittag in den Büroräumen der c/o pop in Ehrenfeld an einem Mischpult und übt sich im DJing.
„Ich kann nicht damit aufhören. Ich lerne immer etwas Neues und möchte es anwenden. Und es macht einfach Spaß“, sagt Stecher beim Workshop. Seit 2024 nimmt sie am Projekt „Forever Fresh“ der c/o pop teil. Neu ist jetzt, dass eine Seniorin und eine Frau unter 30 ein Duo bilden. Mit ihrer jüngeren DJ-Tandem-Partnerin Elena Sasse sucht sie heute die passende Musik für den Auftritt am kommenden Freitag im Yuca-Club am Bahnhof Ehrenfeld aus.
Forever Fresh(er) im Yuca Club: Eine Seniorin und eine U30-Frau im DJ-Tandem
Acht DJ-Duos haben dann jeweils eine halbe Stunde Zeit. Während des Workshops gibt es noch viel zu besprechen. Edeltraut Stecher und Elena Sasse drücken und drehen an Knöpfen, hören genau hin, drehen weiter, legen Melodien übereinander.
Früher tanzte Stecher zur Musik von Pink Floyd oder Black Sabbath: „Die Beatles waren immer das letzte Lied mit ihrem ‚Hello Goodbye‘. Und wenn der Blues kam, waren wir natürlich immer total aufgeregt, weil man eng tanzen konnte“, so Stecher. Für ihre Auftritte als DJ Edition wählt sie gern afrikanische Rhythmen, aber auch House-Rap. Für den gemeinsamen Auftritt haben die beiden ihre Musikgeschmäcker zusammengeführt.

„Forever fresh“: Projekt mit Ü70-Jährigen Hobby-DJs, nun im Duo mit U30-jährigen Frauen. Auch mit dabei: Suanne Hilger von der Rhein-Energie-Stiftung, die das Projekt fördert.
Copyright: Alexander Schwaiger
„Ich suche nach einem harten Groove, der nicht viel Gesang enthält, und der die Basslinie vorgibt. Von Edeltraut übernehme ich dann die Gesangspartien der Songs oder die Perkussion der afrikanischen Musik“, sagt Sasse. Die 21-Jährige hat bereits DJ-Erfahrung und kam erstmals beim Hochschulradio in Aachen mit der dazugehörigen Technik in Kontakt. Das hat sie angefixt. Sie legt auch schon in Kölner Clubs wie der Live Music Hall oder dem Club Helios 37 auf.
Die c/o pop hat die Zusammenstellung der Duos gelost. Besonders gefunkt hat es zwischen der 25-Jährigen Jana Gietman und der 82-Jährigen Monika Pausch-Körner, die sich gemeinsam Sisters Bliss nennen. Sie hätten sich auf Anhieb gut ergänzt. „Monika tritt gern auf und hat großen Spaß dabei. Ich hingegen bin manchmal etwas schüchtern“, so die junge Anwältin. Sie habe sich zwar schon immer für elektronische Musik und ihre Entwicklung interessiert, habe jedoch Respekt vor dem Rampenlicht.
An dem Projekt schätzt sie vor allem den Austausch mit einer Frau aus einer anderen Generation. „Denn in meinem Alltag, selbst mit meinen Großeltern, die ja weiter weg wohnen, habe ich selten Kontakt und vor allem nicht zu älteren Frauen. Diese Leidenschaft für Musik und auch fürs Ausgehen ist ein absolut verbindendes Element“, sagt Gietman.

Jana Gietmann (l.) und Monika alias Lady-Jane haben sich auf Anhieb gut verstanden.
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Und Monika Pausch-Körner fühlt sich mit ihrem jungen Counterpart sicherer, weil dieser die Technik besser im Griff hat. Schnell haben sich die beiden auf den Stil Disco für ihren Auftritt geeinigt. Die 82-Jährige ist schon von Anfang an bei dem Projekt dabei. Das Kölner Nachtleben sei an ihr komplett vorbeigezogen, für die Liebe zu Clubs sei aber es nie zu spät, findet sie. „Ich wurde im Sudetenland geboren, und meine Familie wurde von dort vertrieben, als ich zwei Jahre alt war. Als der Ukraine-Krieg begann, hatte ich wirklich Albträume: Darin musste ich weg und meinen Pass suchen. Und dann kam das Projekt hier“, so Pausch-Körner. „Es ist so positiv und macht mich so glücklich.“
Breites mediales Echo Kölner Projekt Forever Fresh
Die Workshopleiterin und Kölner DJ Anna Cainelli nimmt sich die Freude der Seniorinnen zum Vorbild: „Ich möchte mit über 60 auch noch tanzen gehen können“, so die 35-Jährige. Während man in Clubs vereinzelt auch Männer um die 60 treffe, sei das bei Frauen so gut wie gar nicht der Fall. In den zwei Jahren seien die Seniorinnen schon selbstsicherer geworden, auch auf der Bühne: Der Start mit 400 Besuchern im Büze und 1000 Besuchern bei der Ausstellung von Jan Böhmermann in Berlin sei fulminant gewesen.
„Inzwischen kaufen sie sich auch ihre eigene Musik. Und es ist sehr schön zu sehen, wie sich untereinander Freundschaften entwickeln“, so Cainelli. Dass die Idee innovativ und gut ist, sei ihnen im Festival-Team von Anfang bewusst gewesen, sagt Pia Leonhardt von der c/o pop. Das durchweg breite Medienecho – CNN hat berichtet sowie die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ – habe dann aber doch überrascht. Mittlerweile sind die Seniorinnen das große Medieninteresse gewohnt und lassen sich von der Reporterin und den Kameras während des Workshops gar nicht aus der Ruhe bringen.

Workshop mit Ü70 und U30-Jährigen.
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Die c/o pop, deren Zielpublikum sehr junge Menschen sind, wollte eimal andere Generationen mehr repräsentieren. „Wir wollten zunächst jemanden buchen, aber das, was wir gefunden haben, waren männliche Ü50-DJs, die zur Unterhaltung im Seniorenheim auflegen“, so Leonhardt. Weibliche Vorbilder eines gewissen Alters gibt es etwa mit der 86‑jährigen DJ Vika in Polen oder der bereits verstorbenen DJ Mamy Rock in England, die ihre DJ-Karriere mit 57 Jahren startete.
Pia Leonhardt von der c/o pop: Bedarf von solchen Projekten ist offensichtlich
„Da dachten wir: Okay, wir müssen sie selbst ausbilden.“ Dass es nun anders als ursprünglich gedacht auch noch eine weitere Workshop-Reihe gibt, kann das Festival finanziell nicht allein stemmen. „Wir freuen uns, dass die Rhein-Energie-Stiftung das neue Projekt finanziert“, so Leonhardt. Denn das Interesse besteht: Es kämen weiterhin viele Buchungsanfragen und im Tsunami-Club gibt es mittlerweile, ganz unabhängig von der c/o pop, eine eigene Reihe für die Ü70-DJs. „Der Bedarf an solchen Projekten ist offensichtlich.“
Dass das Publikum die Seniorinnen-DJs beim ersten Auftritt in Ehrenfeld so gut aufnehmen würde, sei nicht so selbstverständlich gewesen. „Die Teilnehmer waren noch etwas skeptisch. Wie werden sie jetzt wahrgenommen? Wie reagiert das Publikum und wird es scheitern? Aber es war ein absoluter Wahnsinnsmoment. „Jung und Alt haben wirklich wild getanzt und auf eine besondere Art gefeiert“, sagt Leonhardt.
Forever Fresh(er), acht DJ-Duos, zwei Generationen, Freitag, 30. Oktober, ab 18 Uhr im Yuca-Club, von 18 Uhr bis 3 Uhr, 13 Euro im Vorverkauf und 16 Euro an der Abendkasse.