Köln – Der Großbrand in der Godorfer Shell-Raffinerie am 9. Januar ist nach Einschätzung eines externen Gutachters das Ergebnis eines fehlerhaft verlaufenen Feuerlöschtests an einem Großtank. Damals war ein mit giftigem Methylbenzol (Toluol) gefüllter Behälter in Brand geraten, es kam zu einer Verpuffung und einem Großfeuer. Das Unglück hielt an diesem Nachmittag über Stunden nahezu den gesamten Kölner Süden in Atem. Die aufsteigende Rauchsäule war noch aus mehreren Kilometern Entfernung zu sehen.
Wie die Untersuchung ergab, sollte ursprünglich die Löscheinrichtung eines benachbarten, leergepumpten Großtanks aktiviert werden. Statt Löschschaums kam dabei zu Testzwecken herkömmliches Wasser zum Einsatz. Weil die zentrale Zuleitung für die Löschmittel aber falsch beschildert war, wurde stattdessen ein voller Tank gewählt.
Schlauch hatte sich aufgeladen
Dessen Löschsystem besteht aus einem etwa zehn Meter langen Schlauch aus nicht leitfähigem Kunststoffgewebe mit gut 40 Zentimeter Durchmesser. Dieser ist leitungsintern verlegt und aufgewickelt. Fließt nun mit Druck Löschmittel in den Schlauch, öffnet sich automatisch eine Sicherheitsbarriere vor der Außenhülle des Tanks. Der Schlauch entrollt sich vollständig in dem Großbehälter, steigt an die Oberfläche, und ein Schaum-Wasser-Gemisch verteilt sich. Normalerweise werden Flammen mit Hilfe von CO2 erstickt. Dieses fehlte am Unglüchstag ebenso wie der Schaum.
Der Gutachter geht davon aus, dass sich der Schlauch am Unglückstag beim Entrollen elektrostatisch aufgeladen hat. Es kam zu einer Funkenbildung. Weil der tatsächlich angesteuerte Tank gefüllt war, kam es gut eine Minute nach Beginn der Einleitung des Wassers zur Zündung, der mit dem Wasser im Schlauchsystem nicht mehr beizukommen war.
Die Nummerierung von Tanks und Leitungen in einer Raffinerie unterliege technischen Anforderungen, nicht mathematischen, hieß es gestern bei Shell. Deshalb sei die fehlerhafte Beschilderung der Leitungen nicht durch reinen Augenschein zu bemerken gewesen. Wie es zu dem Versehen kam, soll intern weiter untersucht werden.
"Dass dieses Löschsystem bei versehentlicher Betätigung mittels Funkenbildung ein Feuer auslösen kann, ist für uns eine ganz neue Erkenntnis", erklärt Wulf Spitzley, Produktionsleiter und stellvertretender Direktor der Shell Rheinland Raffinerie. Nach dem Einsatz hatte es deutliche Kritik daran gegeben, dass erst etwa zwanzig Minuten nach Bekanntwerden des Feuers Alarm durch die Feuerwehr ausgelöst worden war. Shell verwies gestern darauf, dass die kurz nach 15 Uhr bei der Berufsfeuerwehr eingegangene Alarmmeldung der Stufe "D2" durch die Werksfeuerwehr "der Sachlage entsprochen habe." Diese sei als "internes Ereignis" definiert, "bei dem externe Auswirkungen nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen sind." Dies wurde der Rundschau auf Nachfrage bei der Feuerwehr bestätigt. Grundsätzlich liege die Ersteinschätzung der Gefahrenlage zunächst bei der Werkswehr. "Bei einer solchen Meldung entsenden wir zunächst einen Einsatzabschnittsleiter zur Schadensstelle. Zeitgleich beginnt außerhalb des Werksgeländes ein Messeinsatz mit zwei Fahrzeugen." Der Gesamteinsatzleiter in der Leitstelle entscheide schließlich aufgrund der Rückmeldungen über weitere Maßnahmen." Laut Gutachter fiel die Entscheidung zum Alarm um 15.19 Uhr.
Im Löschwasser, das in Auffangbecken und Tanks gesammelt wurde, kamen zudem überraschend hohe Mengen des giftigen Tensids Perfluoroctansulfat (PFOS) vor, in einer Menge, die den zulässigen EU-Grenzwert bei Löschmitteln um das 15-fache übersteigt. Tenside bewirken, dass zwei sonst nicht mischbare Flüssigkeiten, wie etwa Öl und Wasser, vermengbar werden. Man "bedauere den Befund", hieß es bei Shell. Die Raffinerie verwende nur Löschschäume, die nach Herstellerangaben PFOS-frei seien.
