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HGK-Industrieflächen in NiehlWie ein Kölner Millionenprojekt krachend scheiterte

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Die Industrieentwicklungsfläche Fusion Cologne der HGK im Kölner Norden

Die Industrieentwicklungsfläche Fusion Cologne der HGK im Kölner Norden

Interne Bewertungen werfen Fragen zur Vertragskonstruktion, zur Wirtschaftlichkeit und zu möglichen geschäftlichen Kontakten des früheren HGK-Chefs auf.

Plötzlich sind alle Pläne vom Tisch. Das riesige Logistikzentrum der städtischen Häfen und Güterverkehr Köln AG (HGK) wird nicht gebaut. Es hätte auf einem der bedeutendsten Industrieareale Kölns in Niehl entstehen sollen. In einem internen Papier heißt es, dass bereits 500.000 Euro zur Vorbereitung des ambitionierten Projekts mit dem Namen Fusion Cologne ausgegeben wurden. Nun ist es vorerst gestoppt, wie diese Redaktion erfuhr. Statt Geld mit dem Grundstück zu verdienen, hat die HGK jetzt Geld dafür ausgegeben.

Fall beschäftigt die Aufsichtsräte

Mehr noch: Parallel zum Aus läuft eine Compliance-Prüfung. Es geht um mögliche geschäftliche Kontakte des früheren HGK-Chefs Uwe Wedig zum Kölner Unternehmen Thesauros, mit dem dieses groß angekündigte 250-Millionen-Euro-Projekt realisiert werden sollte. Der Fall wirft damit nicht nur wirtschaftliche Fragen auf, sondern beschäftigt inzwischen auch die Aufsichtsräte von HGK und Stadtwerke Köln.

Die für die wirtschaftliche Entwicklung Kölns so wertvolle Fläche hat eine Größe von 24 Fußballfeldern. Sie liegt im Kölner Norden, Luftlinie nur sieben Kilometer entfernt vom Dom und gehört „Fusion Cologne“ – einer Tochtergesellschaft der städtischen HGK. Die HGK ließ verkünden, sie werde hier mit Fusion Cologne „ein neues, profitables und nachhaltiges Geschäftsfeld“ aufbauen. Dazu war mit der Thesauros-Unternehmensgruppe im Mai 2025 eine Vereinbarung abgeschlossen worden. In der damaligen Pressemitteilung war von einer „engen Zusammenarbeit“ und „Multilevel-Logistik in einer neuen Dimension“ die Rede.

Pläne haben sich zerschlagen

Nicht einmal ein Jahr später haben sich die Pläne zerschlagen. „Nach gemeinsamer Prüfung sind die Parteien zu dem Ergebnis gelangt, die weitere Projektentwicklung auf getrennten Wegen fortzusetzen“, bestätigt ein HGK-Sprecher auf Anfrage dieser Redaktion. Die gemeinsam geplanten zweigeschossigen Logistikhallen an der Geestemünder Straße in Niehl werden nicht gebaut.

Damit konnte der damalige HGK-Chef Uwe Wedig wohl nicht rechnen, als er anlässlich der Vertragsunterzeichnung des 250-Millionen-Euro-Projekts vor einem Jahr sagte: „Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit Thesauros.“  Was er aber hätte wissen können: Eine Großkanzlei aus München hatte die Projektvereinbarung im Auftrag seiner eigenen HGK vor Unterschrift rechtlich geprüft. Und die Anwälte waren kritisch.

Vereinbarung keineswegs marktüblich

Der Vertrag sei stark einseitig zugunsten von Thesauros ausgestaltet, hieß es in der Einschätzung.  Thesauros habe bereits im vorvertraglichen Stadium die Vorgänge stark an sich gezogen, beeinflusst und kontrolliert. Außerdem, so die Einschätzung der Rechtsanwälte, enthalte die Projektvereinbarung keine vertraglichen Rücktritts-, Kündigungs- oder sonstigen Rechte, die es der Vertragspartnerin, der HGK-Tochter Fusion Cologne ermöglicht hätten, den Vertrag vorzeitig aufzulösen. Gesamturteil: Die Projektvereinbarung sei „keineswegs marktüblich“ und müsse eigentlich neu aufgesetzt werden.

Auf ausdrücklichen Wunsch des Managements der Fusion Cologne – also der 100-prozentigen Tochter der HGK, deren Chef Wedig zu diesem Zeitpunkt war – seien Änderungen aber nur im „absolut notwendigen Umfang“ erfolgt. Aus Sicht der beratenden Kanzlei geriet man damit als HGK in eine sehr schwache Verhandlungsposition. In einem Memo der Münchner Rechtsanwälte heißt es dazu: „Hintergrund der Anweisung, nur zwingende Änderungen vorzunehmen beziehungsweise anzumerken, war die Tatsache, dass die Vereinbarung ‚politisch gewünscht‘ war“.

Politisch gewünscht? Die Rechtsabteilung der Stadtwerke bewertete die Risiken der Vereinbarung abschließend im Mai 2025, kurz vor Vertragsunterzeichnung – und kam zu dem Schluss: „Ein besseres Verhandlungsergebnis war nicht zu erzielen.“ Die Münchner Kanzlei wurde laut eines internen Memos nicht weiter eingebunden und erfuhr von der Unterzeichnung der Projektvereinbarung erst aus dem Internet.

Ende 2025 mehrten sich nach Informationen dieser Redaktion innerhalb der HGK die Zweifel, ob diese Vereinbarung mit Thesauros wirklich so ein gutes Geschäft war. Laut einem internen HGK-Papier soll das Projekt seit Herbst 2025 auch nicht mehr vorangekommen sein: Abstimmungstermine seien kurzfristig abgesagt worden, es herrsche Stillstand. Im HGK-Vorstand sollen außerdem grundsätzliche Zweifel aufgekommen sein, dass es für Multilevel-Hallen, also zweigeschossige Logistikhallen, wie sie in Niehl entstehen sollten, derzeit überhaupt einen Markt gibt.

Nun wird der Vertrag mit Thesauros aufgelöst. „Ziel der Aufhebung ist es, Fusion/HGK aus einer wirtschaftlich nicht mehr vertretbaren Projektkonstellation zu lösen und weitere hohe Projektrisiken zu vermeiden und die Flächen für eine alternative, markt- und renditegerechte Nutzung freizumachen“, heißt es in einem internen Dokument.

HGK-Tochter Fusion Cologne und Thesauros bestätigen auf Nachfrage den Sachverhalt, betonen allerdings die „konstruktive und professionelle Zusammenarbeit“ während der gemeinsamen Projektphase. Die Beendigung sei im gegenseitigen Einvernehmen und auf Grundlage einer umfassenden Vereinbarung getroffen worden. Über die Einzelheiten der Vereinbarung sei Stillschweigen vereinbart worden. Mehr wird offiziell nicht gesagt.

Compliance-Untersuchung läuft

Unabhängig davon beschäftigt das gescheiterte Projekt weitere Gremien der HGK und auch der Stadtwerke Köln (SWK), zu denen die HGK gehört.

„Die Aufsichtsräte von SWK und HGK führen derzeit eine Compliance-Untersuchung durch. Die Aufsichtsräte lassen sich hierbei durch die unabhängige Rechtsanwaltskanzlei Hengeler Mueller beraten“, lassen die beiden Aufsichtsratsvorsitzenden Anne Lütkes (Stadtwerke) und Gerrit Krupp (HGK) auf Anfrage mitteilen.

Nach Recherchen dieser Zeitung geht es um den ehemaligen, Ende September 2025 ausgeschiedenen HGK-Chef Uwe Wedig, der offenbar ausgerechnet mit Thesauros geschäftlich in Kontakt trat. Die laufende Prüfung erlaubt derzeit keine Schlussfolgerung auf ein mögliches Fehlverhalten.

Die Aufsichtsratsvorsitzenden hätten auf dem sozialen Netzwerk Linked-In gesehen, dass Wedig inzwischen „geschäftsführender Gesellschafter“ einer Thesauros Readiness GmbH sei. „Nach Recherchen unserer Juristen existiert eine Gesellschaft unter diesem Namen (noch) nicht. Ungeachtet dessen können wir wohl davon ausgehen, dass Herr Wedig in der einen oder anderen Form im geschäftlichen Kontakt mit der Thesauros-Gruppe steht. Hierüber hat er uns als Vorsitzende der beiden Aufsichtsräte von SWK und HGK nicht informiert“, lassen Lütkes und Krupp mitteilen.

Aufbereitung steht am Anfang

Ex-HGK-Chef Uwe Wedig erklärt auf Anfrage, von einer Compliance-Prüfung keine Kenntnis zu haben. „Zugleich stelle ich klar: Die Durchführung einer internen Prüfung ist kein Befund und belegt keinen Pflichtverstoß.“ Und weiter: „In meinem Dienst- und Bestellungsverhältnis zur HGK bestanden keine Wettbewerbs-, Karenz-, Cooling-off- oder Nachbeschäftigungsregelungen, die einer anschließenden (selbstständigen unternehmerischen) Tätigkeit entgegenstanden.“

Erst nach seinem Ausscheiden bei der HGK hätten sich die Überlegungen dazu konkretisiert. Er habe diese seinem HGK-Nachfolger Steffen Bauer im November 2025 und gegenüber Stadtwerke-Chef Andreas Feicht im Dezember 2025 in persönlichen Gesprächen dargelegt. „Dies wurde von beiden Herren konstruktiv und positiv aufgenommen“, so Wedig.

Nach eigenen Angaben habe er die Projektvereinbarung zum Industrieareal in Niehl zwischen der Fusion Cologne und Thesauros nicht unterzeichnet und sei nicht an der Auswahl von Thesauros als Projektpartner beteiligt gewesen.

„Ich war vor meinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender der HGK am 30. September 2025 weder formell noch informell, weder beratend noch gesellschaftsrechtlich mit Thesauros verbunden.“ Richtig sei lediglich, dass er nach seinem Ausscheiden bei der HGK gemeinsam mit der Thesauros die Gründung der Thesauros Readiness initiiert habe. Diese Gesellschaft befinde sich im Gründungsstadium. Uwe Wedig: „Eine konkrete Befassung mit einer möglichen Zusammenarbeit erfolgte erst nach meinem Ausscheiden bei der HGK.“

Ob ein Compliance-Sachverhalt vorliegen könnte, ist derzeit noch offen. „Die Aufsichtsräte werden sich nicht an Spekulationen beteiligen, sondern warten die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung ab“, teilt ein Stadtwerke-Sprecher mit.  Die Aufbereitung des Sachverhalts stehe noch am Anfang, und es lägen noch keine Erkenntnisse vor.

Sicher ist nur: Das 250-Millionen-Euro-Projekt „Fusion Cologne“, erst vor einem Jahr groß angekündigt, ist in dieser Form krachend gescheitert.


Das ist „Fusion Cologne“

In der jüngeren Vergangenheit hatte auch Onlinehändler Amazon einen Teil der Fläche in direkter Nachbarschaft zu Ford im Kölner Norden kaufen wollen, doch die Stadt verkaufte 2020 das früher als Industriepark Nord bekannte Areal an die Häfen und Güterverkehr AG (HGK), die für die Entwicklung das Tochterunternehmen Fusion Cologne gründete.

Auf der Fläche befand sich früher eine Raffinerie, nördlich davon sind auch noch brachliegende Flächen des Mineralölkonzerns ExxonMobil. Hafen, Autobahn, Schiene und Flughafen sind ganz in der Nähe und gut erreichbar.

Der Überblick über „Fusion Cologne“.

Der Überblick über „Fusion Cologne“.

Über das vorhandene Kombinierter-Verkehr-Terminal können beispielsweise Container zum Hafen gebracht werden, weil es eine Schienenverbindung dorthin gibt. Laut HGK soll ein „innovatives und nachhaltiges Industrie- und Logistikquartier“ mit bis zu 2000 neuen Arbeitsplätzen entstehen.

Ein großes Thema ist E-Commerce, also dass Online-Händler dort ihre Ware lagern, versenden und sich um die Retouren kümmern. Der Plan war, dass Thesauros zwei Baufelder entwickelt und eines die Thielemann-Gruppe.