Köln – Bevor Otto Aengenheister (82) und seine Frau (81) das Haus verlassen, ziehen sie sich um. Ihre Kleidung steckt sicherheitshalber in Plastiksäcken. Besuch haben sie seit August nicht mehr empfangen. „Sicher ist sicher“, sagt der ehemalige Kaufmann. Im Flur stehen vier Dosen mit Insektenspray, sämtliche Türschwellen sind mit doppelseitigem Klebeband versehen.
Die Aengenheisters wohnen im Ehrenfelder Herkuleshochhaus, vom 18. Stockwerk aus haben sie einen traumhaften Blick über die Stadt. Doch am liebsten würden sie hier ausziehen, denn ihre Wohnung ist von Bettwanzen und Schaben befallen. Im August haben sie die kleinen Mitbewohner erstmals entdeckt, inzwischen sitzen die Parasiten an Wänden und Decken. Ein anderer Mieter hatte der Eigentümergemeinschaft bereits 2012 den Befall seiner Wohnung mitgeteilt.
Wie stark sich das Ungeziefer in dem 1969 eröffneten Hochhaus ausgebreitet hat, ist unklar. Die Eigentümerversammlung hatte bereits im September 2013 beschlossen, für das gesamte Haus einen Schädlingsbekämpfer zu beauftragen. Weil bislang lediglich eine Firma mit der Erstellung eines „Bekämpfungskonzepts“ beauftragt worden ist, aber die eigentliche Bekämpfung noch nicht begonnen hat, landete die Sache jetzt vor dem Amtsgericht. Laut einstweiliger Verfügung vom 20. November muss die Hausverwaltung „sofort mit der Ungezieferbekämpfung beginnen“. Ansonsten droht ein Ordnungsgeld in Höhe von 250 000 Euro.
Mit der Verwaltung des Gebäudes ist die „Kallmeyer & Nagel Vermietungs- und Verwaltungs GmbH“ in Hamburg beauftragt. Trotz mehrfacher Anfrage der Rundschau hat die Geschäftsführung sich bisher nicht zu dem Fall geäußert. Den Eigentümern teilten die Verwalter mit, dass die zunächst für die Schädlingsbeseitigung im gesamten Haus veranschlagten Kosten von 65 000 Euro nicht zu halten seien und nun vielmehr mit 170 000 bis 380 000 Euro gerechnet werden müsse. Zwei Monate soll die Schädlingsbekämpfung im gesamten Hochhaus dauern.
Tag für Tag führt Otto Aengenheister seither seinen eigenen – sehr aussichtslosen – Kampf gegen das Ungeziefer. Nachmittags sprüht er im Schlafzimmer den gesamten Fußboden sowie die Matratze des Doppelbetts ein. Abends wiederholt er das Prozedere, anschließend reiben seine Frau und er sich mit Autan ein, um die Zahl der Stiche zu reduzieren. „Es ist unverständlich, warum nach so langer Zeit immer noch nicht mit der Bekämpfung begonnen wurde. Die ständigen Stiche und Juckreiz sind schon Gesundheitsbeschädigungen, weitere sind nicht auszuschließen“, sagt Thomas Jembrek, Rechtsanwalt der Aengenheisters. Bei schuldhafter Verzögerung von beschlossenen Instandsetzungsarbeiten mache sich eine Hausverwaltung sogar schadensersatzpflichtig, so der Anwalt.
Das Ehepaar versprüht nicht nur Insektengift, sondern schluckt obendrein das Antiallergikum Cetirizin Hexal. Vergeblich. „Der Juckreiz durch die Stiche ist unerträglich. Wir leiden unter Schlafstörungen, das ist eine Quälerei“, sagt Otto Aengenheister.
Anfang Oktober hat eine Firma für Schädlingsbekämpfung mit den Vorarbeiten begonnen und Wanzen-Fallen in allen Wohnungen aufgestellt, um die Verbreitung des Befalls festzustellen. Für die eigene Wohnung hat sich Otto Aengenheister einen Kostenvoranschlag erstellen lassen. Drei bis vier Tage sollen Heizlüfter eine Temperatur bis zu 70 Grad erzeugen – dies soll die Tiere töten. Kosten: rund 6000 Euro.
