Experten sehen darin eine Entwicklung mit langfristigen Folgen für den Übergang in Ausbildung und Beruf.
BildungskriseImmer mehr Jugendliche ohne Schulabschluss in Köln

Schüler einer zehnten Klasse sitzen im Unterricht.
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Es ist ein stiller Einschnitt im Lebenslauf, der oft lange nachwirkt: Kein Abschlusszeugnis, keine klare Perspektive nach der Schule. In Köln waren es im vergangenen Jahr 340 Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Für sie beginnt der Übergang ins Berufsleben oft mit einem Nachteil, der sich nur schwer ausgleichen lässt.
Laut Zahlen von IT NRW haben 3,5 Prozent der gut 9600 Kölner Schülerinnen und Schüler die Schule ohne einen Abschluss verlassen. Das ist eine leichte Erhöhung von 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, seit 2015 gehen aber 20 Prozent mehr Kinder ohne Abschluss ins weitere Berufsleben (2015: 2,9 Prozent). In NRW hat sich der Anteil der Schüler und Schülerinnen von 2015 auf 2025 sogar fast verdoppelt. Konnten 2015 insgesamt 2,2 Prozent der Jugendlichen keinen Abschluss vorweisen, waren es zehn Jahre später bereits 4,2 Prozent (7430 der gut 178.000 Jugendlichen). Besonders betroffen sind Jugendliche in Krefeld (9,4 Prozent), Gelsenkirchen (8,1 Prozent) und Oberhausen (6,9 Prozent). Den besten Wert weist der Rheinisch-Bergische Kreis (2,5 Prozent) auf. Bonn kommt auf einen Wert von 2,8 Prozent, Leverkusen und Düsseldorf mit jeweils 3,8 Prozent auf eine ähnliche Quote wie Köln.
Es ist ein gewaltiges gesamtgesellschaftliches Problem, dass die Jugendlichen so viel am Smartphone hängen
Wer keinen Schulabschluss vorweisen kann, hat meist lebenslang damit zu kämpfen. „Jungen Menschen ohne Schulabschluss gelingt der direkte Übergang in eine Ausbildung selten“, heißt es etwa im neuen Bericht der Bundesregierung „Bildung in Deutschland 2026“. Und weiter: „Schüler und Schülerinnen, die die Schule ohne Schulabschluss verließen und anschließend an Maßnahmen im Übergangssektor teilnahmen und eine Berufsausbildung abbrachen, machten am häufigsten die frühe Erfahrung der Arbeitslosigkeit.“ Allerdings weisen die Autoren auch darauf hin, dass man mit Qualifizierungsmaßnahmen die Nachteile auch wieder ausgleichen könne.
Bildungsexperte Tim Engartner von der Universität zu Köln macht deutlich, dass es eine Reihe von Ursachen für den schulischen Misserfolg jedes 25. Kölner Kindes gibt. Betroffen von den Abbrüchen seien insbesondere Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Haushalten, die nicht selten in der Corona-Pandemie den Anschluss verloren hätten und deren Eltern die Defizite nicht kompensieren könnten. Mittlerweile erhalte jedes vierte Kind Nachhilfe. Eltern aus bildungsbenachteiligten Milieus könnten sich diese Unterstützung aber oft nicht leisten.
Experte: Wissen verliert für Jugendliche an Wert
Auch der Offene Ganztag (OGS) kompensiere die Lernrückstände zu wenig, weil die OGS – anders als etwa in Frankreich – zu wenig mit dem Schulsystem koordiniert werde. Oft wüssten die OGS-Kräfte nicht, was vormittags in den Schulen passiert, und oft fehle das entsprechende Personal. Insgesamt seien Schülerinnen und Schüler auch weniger widerstandsfähig, um im Schulsystem durchzukommen. Während die Noten zwar „fast inflationär“ immer besser würden, sänken die Leistungen im Rechnen, Schreiben und Lesen – wie die Pisa-Studien zeigten, sagt Engartner. Hinzu komme, dass digitale Medien und Social Media sowohl die Konzentrations- als auch die Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen massiv beeinträchtigen. „Es ist ein gewaltiges gesamtgesellschaftliches Problem, dass die Jugendlichen so viel am Smartphone hängen.“
ABC-Klassen gehen für Wissenschaftler in die richtige Richtung
Gesunken sei auch die Anstrengungsbereitschaft vieler Kinder und Jugendlicher. In einer Zeit, in der man mit wenigen Mausklicks auf sehr viele Informationen zugreifen kann, verliere Wissen – oberflächlich betrachtet – an Wert. Engartner testet das manchmal an seinen Studierenden und stellt zum Beispiel fest, dass vier von fünf seiner Studierenden im Fach Sozialwissenschaften nicht in der Lage seien, die Bundeskanzler der Bundesrepublik zu nennen. „Jugendliche nehmen heute mehr und mehr eine Konsumentenhaltung ein. Man kann sich Habermas von Youtube erklären lassen, aber dann durchdringt man den Text nicht.“
IT NRW weist darauf hin, dass der Anteil an Schulabgängern ohne Abschluss insbesondere unter den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund gestiegen sei. „Im Abgangsjahr 2025 blieben 15,3 Prozent aller ausländischen Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss; unter den deutschen Abgängerinnen und Abgängern lag dieser Anteil bei 2,2 Prozent.“ Engartner schlägt vor, dass alle Kinder verpflichtend eine Kita besuchen müssten. Die in NRW anvisierten ABC-Klassen gingen in die richtige Richtung. „Man repariert aber hier nur, was zuvor nicht funktioniert hat.“ In den Niederlanden mache man es besser. Dort schicke man die Kinder mit fünf Jahren verpflichtend in eine Vorschule. Davon würden insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund profitieren.
Die meisten Teilnehmenden schaffen es, eine Perspektive zu finden
Beim katholischen Sozialverband In Via in Köln unterstützen Expertinnen und Experten auch Jugendliche, die im Schulsystem gescheitert sind oder keine berufliche Perspektive gefunden haben. Jährlich besuchen gut 130 junge Menschen verschiedene berufsvorbereitende Maßnahmen des Verbandes, besuchen die Berufsschule, schärfen ihre sozialen Kompetenzen und werden in Kernfächern wie Mathematik unterrichtet. Dazu gibt es vier bis fünf Praktika im Jahr, etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Bereich Gesundheit und Soziales sowie Pädagogik oder im Handel, in der Verwaltung und der Wirtschaft, die jeweils vier Wochen dauern. „Die meisten Teilnehmenden schaffen es, eine Perspektive zu finden“, sagt Bereichsleiterin Ann-Kathrin Cuntz. Gemeint ist vor allem eine Ausbildung oder aber auch ein Job oder eine Stelle im Bereich Freiwilliges Soziales Jahr.
Die Probleme, die die Jugendlichen mit ins Projekt brächten und die manchen vorher schon den Weg zum Schulabschluss verbaut haben, sind zahlreich: Sucht, Traumata, Gewalt in der Familie oder Schulmüdigkeit, um nur einige zu nennen. „Die psychischen Erkrankungen haben in den letzten Jahren zugenommen“, sagt Cuntz. Viele Jugendliche seien in der Schule und in anderen Lebensbereichen zunehmend überfordert und zögen sich zurück, ergänzt Sabine Fuchs, Fachbereichsleiterin für Beruf und Soziales bei In Via.
Die zahlreichen Probleme der Jugendlichen, die längst nicht nur in bildungsfernen Familien anzutreffen seien, könnten Schulen und Lehrkräfte kaum oder gar nicht auffangen. Kinder mit Fluchterfahrung, Jugendliche mit körperlichen und geistigen Behinderungen und volle Klassen sprengten die Möglichkeiten der Lehrkräfte, sich ausführlich mit den Bildungsbiografien der einzelnen Schülerinnen und Schüler zu beschäftigen. „Die Infrastruktur ist nicht optimal“, so Fuchs. Es fehlten Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und Schulbegleiter. Programme für kleine Lerngruppen, die In Via auch anbietet, zeigten, dass zum Beispiel schulmüde Kinder auf diese Weise viel besser motiviert werden könnten.