Köln – „Welchen Tag haben wir heute?“ Julia Melchior hat ihr Zeitgefühl verloren. Seit vergangener Woche Donnerstag plant sie weder nach Wochentagen noch nach Stunden. Ihre Zeit teilt sich danach ein, wann, wo und wie in England gerade um Queen Elizabeth getrauert wird. Die Kölner Journalistin ist die „Königshausexpertin“ des ZDF. Live vor Ort ist sie fester Bestandteil zahlloser Sondersendungen. Für die Rundschau zwackt sie sich ein paar Minuten ab für ein Telefonat.
Es sind die Tage der gedeckten Farben und des feinen Tuchs. Das gilt natürlich auch für Julia Melchior, wenn sie vor die Kamera tritt. Mit einer Ausnahme. Denn ihr wichtigstes „Kleidungsstück“ sind zurzeit Turnschuhe. „Der Tag beginnt um 5 Uhr. In der Spitze senden wir neun Stunden – und alles muss zu Fuß zurückgelegt werden.“ Mit dem Auto geht in London nicht mehr viel, schon gar nicht, wenn man in die „erste Reihe“ muss. „Als der Sarg in den Buckingham-Palast gebracht wurde, standen mein Team und ich ganz vorne.“ Seit an Seit mit den Berichterstattern der CNN und BBC. Der Sarg zog direkt an Julia Melchior vorbei. „Das war schon ein ganz besonderer Moment, das lässt einen nicht unberührt“, sagt selbst so eine routinierte Berichterstatterin wie sie.
In London herrscht eine spezielle Stimmung
Für das ZDF saugt sie auch die Stimmung in London auf. „Was ich sehr beeindruckend finde: In jedem Schaufenster steht ein Bild der Queen, und darunter stehen persönliche Worte des Ladeninhabers.“ Auf der Straße gebe es kaum noch einen anderen Gesprächsstoff. „Eben habe ich ein Gespräch an einer Ampel aufgeschnappt: ,gehst du auch in die Westminster Hall?’“ Es sei aber nicht so, als läge die Trauer wie eine Glocke über London. „Ja, die Menschen sind traurig, aber es ist nicht so, als sei eine Tragödie über das Land gekommen.“ Der Tod der Queen lag in der Luft, was den Schmerz über den Verlust nicht mildert. England verneigt sich vor einer Lebensleistung.
Der Weg zur „Königshausexpertin“
Ein wenig hineingestolpert sei sie in die Rolle der Adels- und Königshausexpertin, gibt die Kölner Journalistin Julia Melchior offen zu. Ihr eigentliches Metier ist der Dokumentarfilm. Nicht zu letzt auf dem deutsch-französischen Sender „arte“ sind die Dokumentationen vorrangig zur Zeitgeschichte zu sehen.
In die Königshäuser bekam sie „einen Fuß in die Tür“ durch einen Dokumentarfilm über die schwedische Königin Silvia. So nahm der „Aufstieg“ zur Adelsexpertin seinen Lauf.
Das englische Königshaus ist eigentlich nicht der „Favorit“ für die Journalistin. Zu verschlossen, gerade auch in diesen Tagen. Außerhalb des Protokolls gebe es kaum Informationen, sagt Julia Melchior. Das schwedische Königshaus mag sie da schon mehr.
Das spanische Königshaus hingegen ist ihr „Liebling“. Nicht nur das man an die Königsfamilie viel besser herankommt, in Spanien gibt es auch die richtigen Zutaten“, so ihre Einschätzung. Auch dessen Historie findet sie faszinierend. (ngo)
Akkurate Vorbereitung auf den Tag des Todes
Auch Julia Melchior rechnete seit längerem mit der Hiobsbotschaft. „Vor einiger Zeit schon habe ich begonnen, Dossiers über die Queen anzulegen und sie stetig zu aktualisieren, um für den Tag des Todes vorbereitet zu sein“, berichtet die Königshausexpertin. Ein wenig war sie in der Rolle einer Feuerwehrfrau. Dass der Einsatz kommt ist gewiss, doch wann weiß nur Gott allein. Als es dann am Donnerstagabend der vergangenen Woche passierte, erwischte sie es dennoch irgendwie kalt. Von jetzt auf gleich in die Sendezentrale nach Mainz. „Das will auf die Schnelle alles organisiert sein mit der Familie.“ Zu Beginn berichtete sie noch von Deutschland aus. Dann ging es rüber auf die Insel. Seitdem bestimmt der Takt der Trauerfeierlichkeiten ihren Tag. „Hier läuft alles nach einem exakten Plan ab“, berichtet sie. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. „Im Protokoll stand, um 14.22 Uhr setzt sich die Prozession mit dem Sarg der Königin in Gang. Um Punkt 14.22 ging es los. Das ist wirklich sehr eindrucksvoll.“
Trauerfeier für die Queen: Ein Jahrhundertereignis
Eines der vielen Erlebnisse in diesen Tagen, das in Julia Melchior die Gewissheit verfestigt, dass sie einem Jahrhundertereignis beiwohnt, das es so wohl nicht mehr geben wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass nochmals einen Zeremoniell solchen Ausmaßes geben wird. Selbst nicht für die Krönung von Charles. Das passt einfach nicht mehr in die Zeit.“
Jetzt, wo die Queen aufgebahrt ist, verläuft es etwas ruhiger für Julia Melchior. Alles bewegt sich auf den Höhepunkt zu, die Beisetzung am kommenden Montag. Dann wird die Expertin wieder viel Stehvermögen brauchen – und bequeme Turnschuhe.
