Interview mit Grünem Sven Lehmann„Das war überwältigend, ein historischer Moment“

Sven Lehmann (2.v.l.) stößt bei der Wahlparty auf das erste direkt gewonnene Bundestagsmandat an,
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- Historischer Sieg für die Kölner Grünen: Bei der Bundestagswahl holten sie ihr bislang bestes Ergebnis, und mit Sven Lehmann (41) hat erstmals ein Grüner in Köln ein Direktmandat gewonnen.
- Mit Lehmann sprach Michael Fuchs.
Glückwunsch zum Direktmandat. Wie haben Sie den Wahlabend persönlich erlebt?
Als im Frühjahr die Umfragewerte der Grünen auf Bundesebene so stark waren, habe ich immer gedacht, wir können das schaffen, das Direktmandat zu holen. Doch als die Zahlen dann nach unten gingen, habe ich nicht mehr unbedingt daran geglaubt. Umso schöner war das Ergebnis am Wahlabend. Das war einfach überwältigend, ein historischer Moment.
Sie haben mit 34,6 Prozent fast zehn Prozentpunkte mehr geholt als CDU-Bewerberin Sandra von Möller und hatten mehr Erst- als Zweitstimmen...
Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich mit so großem Vorsprung gewählt werde. Ich bin stolz und überglücklich und voller Dankbarkeit für dieses Vertrauen. Es gibt nichts Größeres im Leben eines Politikers, als direkt von den Menschen gewählt zu werden.
Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg? Themen wie die Gleueler Wiese, die die Kommunalwahl dominiert haben, spielen bei Bundestagswahlen ja nicht direkt eine Rolle.
Mir war in den letzten vier Jahren als Abgeordneter wichtig, im Wahlkreis sehr präsent zu sein und mich bei Themen, die für die Region wichtig sind, als Abgeordneter einzumischen. Dazu zählen etwa die Pläne für eine neue Autobahnbrücke im Kölner Süden, die wir Grüne aus Gründen des Klima- und Naturschutzes ablehnen – wie viele Menschen in dieser Stadt. Bei solchen Fragen habe ich versucht, mich mit Bürgerinitiativen, Verbänden, Vereinen und Kirchen zu vernetzen, das könnte eine Rolle gespielt haben. Hinzu kommt, dass die Grünen in den Stadtbezirken Innenstadt, Lindenthal und Rodenkirchen ohnehin stark sind, hier waren wir bei der Kommunalwahl die stärkste Kraft. Das hat mir sehr viel Rückenwind gegeben.
Grüne Erfolge in Köln
3 Mal in Folge wurden die Grünen bei Wahlen in Köln stärkste Kraft. Sie holten ein Rekordergebnis von 32,9 Prozent bei der Europawahl 2019 und 28,5 Prozent bei der Kommunalwahl 2020. Am Sonntag waren es 28,0 Prozent der Zweitstimmen, auch bei den Erststimmen lagen die Grünen knapp vor der SPD. „Das gibt uns Auftrieb“, so Parteichef Frank Jablonski. Die Entwicklung sei „keine Eintagsfliege“.
40,0 Prozent der Zweitstimmen holten die Grünen bei der Bundestagswahl im Bezirk Innenstadt, es war ihr bestes Ergebnis in Köln. Im Bezirk Ehrenfeld waren es 35,9 Prozent, in Lindenthal 32,2 Prozent. Sie siegten auch in Nippes und Rodenkirchen. Ihre schwächsten Ergebnisse hatten die Grünen in den Bezirken Chorweiler (13,3 Prozent) und Porz (16,0 Prozent).
47,3 Prozent war das beste Erststimmenergebnis der Grünen in einem Kölner Stadtteil – erzielt wurde es in der Neustadt Süd, wo fast jeder zweite Wähler Sven Lehmann wählte. Platz 2 war Ehrenfeld mit 45,7 Prozent.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Kölner Ergebnis? Bei der Europawahl 2019 standen die Grünen in Köln mit 32,9 Prozent schon mal besser da...
Wir hätten gerne daran angeknüpft. Aber wir wussten auch, dass es auf Bundesebene schwieriger wird, wir hatten ja mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Ich hätte nicht unbedingt damit gerechnet, dass wir in Köln auch bei einer Bundestagswahl stärkste Kraft werden.
Sind die Grünen in Köln Volkspartei geworden?
Ich habe mich mit diesem Begriff immer schwer getan, weil Volkspartei irgendwie den kleinsten gemeinsamen Nenner bedeutet. Man spricht irgendwie alle an, aber ohne erkennbaren Inhalt. Wir Grüne machen das anders, wir sind in unseren Positionen immer noch eckig und kantig und wahrnehmbar. Ich glaube, dass sich das Bewusstsein der Bevölkerung wandelt, das sieht man gerade in großen Städten wie Köln. Die Menschen wollen, dass man künftig noch in der Stadt leben kann, dass die Luft sauber ist und es im Sommer nicht immer heißer wird. Es gibt auch ein großes Gespür für soziale Themen angesichts der hohen Obdachlosigkeit und der steigenden Mieten. Ich glaube, die Kölnerinnen und Kölner haben sich in Richtung Grüne entwickelt und sehen uns als Partei, der man vertrauen kann.
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Wie bewerten Sie das Wahlergebnis der Grünen auf Bundesebene?
Da habe ich gemischte Gefühle. Wir hatten uns mehr erhofft. Es wäre auch mehr drin gewesen. Andererseits ist es das stärkste Ergebnis, das die Grünen je im Bund geholt haben. Keine andere Partei außer SPD und CDU hat das bisher geschafft. Die Menschen haben uns einen Regierungsauftrag gegeben für Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. Den wollen wir jetzt auch einlösen.
Mit welchen Partnern?
Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, ist es relativ eindeutig. Armin Laschet und die CDU/CSU sind die klaren Wahlverlierer und können aus der Wahl keinen Regierungsanspruch ableiten. Die Menschen haben gezeigt, dass sie ihn nicht als Kanzler wollen. Die Gewinner sind eindeutig Olaf Scholz und die SPD, dann die Grünen, und die FDP hat ja auch etwas zugelegt. Daher wäre es gut, wenn wir jetzt eine Regierung für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und moderne Gesellschaftspolitik bilden: mit Grünen, SPD und FDP. Was wir jetzt auf keinen Fall gebrauchen können, ist eine weitere große Koalition. Das wäre Stillstand gerade in der Klimafrage. Es liegt jetzt an der SPD, die Ampel zu Stande zu bringen.
Was bedeutet das Ergebnis für die NRW-Landtagswahl 2022?
Es gibt uns viel Rückenwind, um uns stark zu verbessern. Wir hoffen, dass wir auch hier erstmals Direktmandate in Köln gewinnen können.


