- Prof. Christian Karagiannidis behandelt Coronapatienten am Klinikum Merheim.
- Thorsten Moeck sprach mit ihm über die Pandemie in Köln.
Nun gibt es die ersten nachgewiesenen Fälle der Omikron-Variante in Köln. Wie groß ist Ihre Sorge?
Omikron wird rasant nach oben schnellen, das sehen wir schon in England, Schottland, der Schweiz und anderen Ländern. Wir sind vermutlich in Deutschland etwas besser aufgestellt, weil hier die Maskenpflicht in einigen Bereichen noch besteht. Das hilft enorm.
Im Januar steht der Sitzungskarneval an. Ihre Meinung?
Den Sitzungskarneval Anfang Januar kann man aus meiner Sicht fast knicken. Das wird nichts. Wir haben Berechnungen zu Omikron vorgenommen, diese Variante wird steil ansteigen. Das ist verdammt infektiös. Wir wissen aber noch nicht, wie schwer die Krankheitsverläufe sind. Das ist die entscheidende Frage. Ich kann nur dringend von Veranstaltungen im Januar abraten, bis wir wissen, wie sich Omikron entwickelt.
Sie behandeln Corona-Patienten mit monoklonalen Antikörpern. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?
Die Antikörper sind ein Medikament, das ich selbst als erstes bei Covid nehmen würde. Wir haben inzwischen eine gute dreistellige Zahl von Patientinnen und Patienten behandelt, die Nebenwirkungen sind sehr gering. Man spürt bei einigen Menschen eine direkte Wirkung; diese kamen mit 40 Grad Fieber zu uns und abends nach der Antikörpergabe war das Fieber unten.
Menschen mit Vorerkrankungen sollen geschützt werden. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Die Hauptrisikofaktoren bei den ungeimpften Menschen über 60 Jahren sind Bluthochdruck, Zucker, Lungenerkrankungen oder eine Immunschwäche durch erfolgte Transplantationen. Auch in den seltenen Fällen schwer immunsupprimierter Patienten, die kaum auf die Impfung reagieren, kommt die Therapie prophylaktisch durch regelmäßige Infusionen zur Anwendung. Viele Menschen sind vor einem schweren Krankheitsverlauf bewahrt worden.
Die Therapie
Monoklonale Antikörper
2 Kliniken bieten in Köln die Behandlung mit monoklonalen Antikörpern an. Neben der Uniklinik ist dies das Klinikum Merheim. Hier arbeitet Professor Christian Karagiannidis (47/Foto). Er ist Leiter der Lungenintensivstation und seit einem Jahr Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin.
Die Therapie mit monoklonalen Antikörpern soll innerhalb der ersten Woche einer Coronainfektion stattfinden. Die Antikörper mit den Namen Casirivimab und Imdevimab docken an Rezeptoren von Coronaviren an. Dadurch wird die Vermehrung der Viren blockiert. Durch Studien wurde belegt, dass die Zahl schwerer Krankheitsverläufe hierdurch drastisch reduziert wurde. Die Therapieform ist ambulant möglich, Patientinnen und Patienten werden hierfür etwa eine Stunde lang an eine Infusion angeschlossen. Für diese Behandlungsform dürfen Infizierte laut Gesundheitsamt ihre Quarantäne unterbrechen und die Klinik unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen (AHA) mit dem eigenem Fahrzeug aufsuchen.
Die Kosten für den Einsatz des Medikaments trägt das Gesundheitsministerium (BMG), anschließend dürfte es aber zur Kassenleistung werden.
Für die Omikron-Variante des Coronavirus hat die Stadt folgende Quarantäneregelung festgelegt. Neben der infizierten Person müssen sich auch Kontaktpersonen für 14 Tage in Quarantäne begeben – dies gilt auch für geimpfte Personen. Ein Freitesten ist nicht möglich. Untersucht werden Proben nur bei Verdachtsfällen, etwa nach Reisen.
8 Länder gelten wegen der Verbreitung der Omikron-Variante als Risikogebiet. Dies sind Botsuana, Eswatini, Lesotho, Malawi, Mosambik, Namibia, Simbabwe und Südafrika. Wer von hier seit dem 16. November zurückgekehrt ist, wird gebeten, sich beim Gesundheitsamt unter der Nummer 0221/ 221-33540 zu melden.
Das Gesundheitsministerium hat schon sehr früh 200 000 Dosen des Medikaments bestellt. In Köln erfolgt die Anwendung nur im Krankenhaus Merheim und der Uniklinik. Warum nur dort?
In einer Hausarztpraxis wäre die Behandlung schwer zu bewerkstelligen. Denn die Infusion wird infektiösen Corona-Patienten verabreicht, dafür ist also ein eigener Raum und ein Hygienekonzept erforderlich. Deshalb sind Ambulanzen der bessere Weg. Wir haben in Merheim bereits vor etwa einem Jahr begonnen, Ausbrüche von Covid-19, beispielsweise in Seniorenheimen, mit Hilfe der Antikörper-Therapie zu kontrollieren. Das Konzept hat sehr gut funktioniert.
Davon profitieren am Ende die Patienten und die Kliniken.
Aufgrund der guten Ergebnisse anhand der dreistelligen Zahl von Patientinnen und Patienten merken wir, dass die Intensivzahlen in Köln geringer sind, als erwartet - und als berechnet. Wir glauben, dass wir einige Menschen durch die Behandlung von der Intensivstation ferngehalten und den Druck auf die Kliniken in Köln reduziert haben.
Bislang ist es aber Zufall, wenn Patienten, die ins Raster für die Antikörper-Behandlung passen, auch in Merheim vorbei kommen.
Ja, das Angebot sollte besser kommuniziert werden. Das Gesundheitsamt weist in der Kontaktnachverfolgung auf unser Angebot hin, das ist ein entscheidender Punkt. Aber wir müssen uns beeilen und die Infektionen der Delta-Variante jetzt deutlich reduzieren. Denn die aktuellen Antikörper wirken nicht bei der Omikron-Variante. Wir müssen die Delta-Welle deshalb jetzt auch mit Hilfe der Antikörpergabe noch schneller brechen und dann neue Medikamente einsetzen, die bei Omikron wirken.
Die Stadt stand zuletzt wegen der Bilder von der Zülpicher Straße bei der Sessionseröffnung und des ausverkauften Stadions beim jüngsten Heimspiel des 1. FC Köln in der Kritik. Halten Sie diese für angemessen.
Bei der Zuschauerregelung für das Bundesligaspiel hätte man etwas mehr Fingerspitzengefühl zeigen können. Aber grundsätzlich halte ich die Kritik für zu stark. Es gibt es keine Stadt in Deutschland, die bei Corona auf allen Ebenen so viel geleistet hat wie Köln. Hier arbeiten viele führende Köpfe, jetzt auch der Bundesgesundheitsminister. Wir haben viel Input gegeben und unser Gesundheitsamt ist mit Sicherheit besser aufgestellt als die allermeisten anderen in Deutschland. Köln ist ein Zugpferd in der Pandemie.
