Er will lieber anonym bleiben, denn er wurde in Russland geboren, aber seine Wurzeln reichen nach Deutschland. Ein Gespräch mit einem Wolgadeutschen in Köln.
Zwischen den FrontenWie ein Russe in Köln den Kriegskonflikt erlebt

Lieber in der Anonymität verschwinden: Wer als Russe in Deutschland leben, muss eine Strategie entwickeln, um durch den Konflikt zu kommen.
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Was verbindet Sie mit Deutschland?
Meine Beziehung zu Deutschland ist vielfältig. Ich bin Wolgadeutscher, aber geboren in Sibirien, in Kemerowo. Zum ersten Mal bin ich 1997 nach Deutschland gekommen, als Spätaussiedler. Ich war damals erst 22 Jahre alt. Meine Eltern wollten nicht mitkommen, also musste ich hier allein zurechtkommen. Erst kam ich in ein Aufnahmelager, danach wollte ich unbedingt nach Köln, obwohl ich hier keine Verwandten hatte. Die Stadt hat einfach meine Seele getroffen.
Wie haben Sie in Deutschland Fuß gefasst?
Hier habe ich Ende der 1990er Jahre meine IT-Karriere begonnen. Gleichzeitig hatte ich die Überlegung, theoretische Physik zu studieren oder direkt als Programmierer zu arbeiten. Am Ende habe ich mich für letzteres entschieden. Nachdem ich mich beworben hatte, bekam ich einige Angebote, unter anderem eins aus München. Die Firma hatte auch eine Niederlassung in Sankt-Petersburg, was mir gut passte. Ich konnte eine Bindung zu Russland beibehalten. Ich zog nach München, wo ich auch bei der Bundeswehr war.
Sie waren sogar bei der Bundeswehr?
Während meiner Zeit in München musste ich tatsächlich auch zur Bundeswehr. Es hatte keinen interessiert, dass ich auch einen russischen Pass habe. So war ich dann bei der Luftwaffe, in der IT-Abteilung. Die Zeit dort war interessant und schön zugleich. Danach bin ich 2002 nach Sankt-Petersburg gegangen. Seitdem habe ich in der Newa-Stadt gewohnt, 20 Jahre, bis März letzten Jahres. Jedoch habe ich dort immer für Niederlassungen deutscher Firmen gearbeitet.
Wie haben Sie die Anfänge des Krieges erlebt?
Am 24. Februar 2022 wachte ich auf und las erst mal die Nachrichten. Ich war schockiert und wollte es zunächst nicht wahrhaben. Die kleine Hoffnung, dass der Konflikt durch Diplomatie gelöst werden kann, war verflogen. Bereits zwei Wochen nach Beginn des Krieges sah ich schon große Auswirkungen auf mich zukommen.
Was waren das für Auswirkungen?
Die Tatsache, dass ich bei der Bundeswehr war, konnte für mich gefährlich werden. In Russland besteht Wehrpflicht von einem Jahr, die ich logischerweise nicht abgedient habe, da ich in Deutschland war. Mittlerweile ist es Pflicht, sich bei einem Kreiswehramt in Russland anzumelden. Ich kann mir ausmalen, was mir bei einer Anmeldung passiert wäre. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mich als einen „Spion“ betrachtet hätte, war groß. Am Ende kam es dann dazu, dass ich nach Deutschland ausgereist bin.
Was hören Sie aus Russland: Wie bewerten die Menschen abseits der Propaganda den Krieg?
Mein Bruder und meine Mutter beispielsweise leben so, als gäbe es keinen Krieg. Sie bekommen es nur indirekt, wenig mit. Sie wissen: Es wird irgendwo gekämpft. Aber: Hauptsache, bei uns ist alles gut. Gleichzeitig haben sie Hoffnung auf ein schnelles Ende. Das ist typisch für die russische Mentalität.
Kommt man mit dieser Einstellung in Russland durch?
Es wird zunehmend schwerer. Die russischen „Patrioten“ beschweren sich immer lauter über mangelnden Beistand für diesen Krieg. Der einfache Bürger versucht reibungslos durch den Krieg zu kommen und wird trotzdem von allen Seiten angegangen. Meinungsfreiheit gibt es nicht mehr. Wer gegen den Krieg ist, wird als Feind abgestempelt.
Schon für Kleinigkeiten kann man eine Klage bekommen, beispielsweise, für die „Diskreditierung der russischen Armee“.
Sie haben auch Ihre Kinder mit nach Deutschland genommen?
Der deutsche Reisepass meines Sohnes lief im März 2022 ab. Wenn wir nicht ausgereist wären, müssten wir wohl auf unbestimmte Zeit in Russland bleiben mit unabsehbaren Folgen.
Wie ist Ihr Blick auf Russland von Deutschland aus?
Es ist sehr bitter, zu sehen, wie alles dort bergab geht. Insbesondere die politische Atmosphäre macht einem zu schaffen.
Wurden Sie in Russland aufgrund ihrer deutschen Wurzeln angegriffen? Hatten Sie Angst?
Bis zum Kriegsausbruch eigentlich nicht. Ich konnte auch problemlos an politischen Diskussionen teilnehmen. Aber als der Krieg begann, habe ich mich lieber aus solchen Diskussionen zurückgezogen. Schon in den ersten Tagen des Krieges wurde ich von Russen wegen meiner deutschen Staatsbürgerschaft bedroht. Die ukrainischen Arbeitskollegen hingegen verurteilten mich für mein Schweigen.
Wie ist es für Sie in Köln?
In Deutschland sehe ich für mich keine große Gefahr. Hier kann man frei die eigene Meinung äußern. Es fasziniert mich schon, dass in Deutschland auch während des Krieges die Demonstrationen mit pro-russischen Appellen zugelassen werden. Sie kriegen keine Probleme hier, außer es wird direkt zum Krieg aufgerufen. Es ist liberal und demokratisch. Für mich ist das Leben hier friedlich und stabil. Aber ich habe trotzdem Sehnsucht nach dem altem, weltoffenen Russland, das es nicht mehr gibt.

