Seyda Kurt hat ihrem Heimatviertel ein literarisches Denkmal gesetzt mit ihrem ersten Roman „Zeit der Monster“. Uns zeigt sie ihre Lieblingsorte in Kalk.
Mein Veedel„Es gibt keinen Ort, an dem ich mich sicherer fühle“ – Die Autorin Seyda Kurt führt durch ihr Kalk

Seyda Kurt liebt ihr Veedel Kalk, das sie jetzt in ihrem ersten Roman verewigt hat.
Copyright: Alexander Schwaiger
An unserem Treffpunkt, der Kalker Post, ist immer etwas los. Heute hat die Partei Die Linke hier ihren Stand aufgeschlagen. Für Seyda Kurt, ist der Platz der Dreh- und Angelpunkt ihres Viertels, das sie in ihrem Debüt-Roman „Zeit der Monster“ zum Schauplatz einer apokalyptischen Geschichte macht.
„Im Roman nenne ich diesen Ort Alte Post, da war ich wohl ziemlich visionär“, sagt die 34-Jährige schmunzelnd. Am Glaseinsatz der Eingangstür klebt ein Hinweis darauf, dass diese Postfiliale zum 30. Juni 2026 schließt. „Ich bin gespannt, was mit dem Haus passiert.“ Seyda Kurt ist nicht nur in Kalk geboren, sie nimmt lebhaften Anteil an der Entwicklung ihres Veedels.

Die Kalker Post ist seit dem 30. Juni geschlossen.
Copyright: Alexander Schwaiger
Ein junger Mann kommt vorbei: „Gehst du auch zu Toni?“ Tatsächlich ist der Nachbarschaftstreff an der Antoniastraße unser erster Stopp, er liegt nur ein paar Meter von der geschlossenen Post entfernt. Hier ist montags ab 16 Uhr immer Offene Tür. Es ist eine Anlaufstelle für solche, die einsam sind, für Migranten, für Alteingesessene, für die Nachbarn. Seyda Kurt kennt alle, die da sind. Auch hier nimmt sie regen Anteil am Schicksal der Menschen, die um sie herum leben.

Vor den Marien-Arcaden steht der Turboverdichter aus der Chemischen Fabrik Kalk, die 1994 geschlossen wurde. Seyda Kurt hat Teile ihrer Geschichte in ihren Roman eingeflochten.
Copyright: Alexander Schwaiger
Die Gäste stimmen gleich zu, das Fahrrad des Fotografen für die Dauer unserer Tour zu beaufsichtigen. Toni wird also zum Ausgangs- und Endpunkt unserer Runde durch Kalk. Für Kurt ist ihr Viertel wie ein „flirrendes Wimmelbild. Es ist voller Menschen und Farben, und darunter liegen Risse und Wunden.“ Bei der Recherche zu ihrem Buch habe sie sich gefühlt wie eine Archäologin, die Schicht um Schicht freilegt, von der ersten Erwähnung von Kalk im Jahr 1003 als „Sumpf“ bis zu der Schließung des Chemiewerks im Jahr 1994.

Seyda Kurt steht vor dem Haus in der Sieversstraße, in dem sie ihre ersten elf Lebensjahre verbrachte.
Copyright: Alexander Schwaiger
Wir laufen zu Sieversstraße 20. An dieser Adresse lebt die unkonventionelle Familie, um die sich ihre fiktive Geschichte in Zeit der Monster dreht. Eine Matriarchin im Rollstuhl, eine Tochter, die verschwindet, ein Sohn, der ein Kind hat, das aber keine Mutter hat, die Freundin der verlorenen Tochter, die diese fieberhaft sucht. Tatsächlich spielt auch die Romanhandlung bei unmenschlicher Hitze, auch hier hat Kurt den heißen Kölner Sommer 2026 wohl vorausgeahnt. Doch im Buch ist nicht das Klima allein verantwortlich für das Fieber, das ihre Protagonisten befällt.
Seyda Kurt wuchs am Rande einer Brache in Köln-Kalk auf
An der Sieversstraße 20 ist Kurt groß geworden. „Hier habe ich mit meiner zehn Jahre älteren Schwester und meinen Eltern gelebt, bis ich elf Jahre alt war. Gegenüber lag die Brache einer Fabrik, da gab es die Häuserzeile noch nicht“, erzählt Kurt. Die Brache habe eine eigenartige Faszination auf das Mädchen Seyda ausgeübt. Eine Art Sogwirkung, die sie gleichzeitig angezogen und abgestoßen hat.

Der Platz zwischen den Hallen Kalk und der Sieversstraße wird als Verkehrsübungsplatz, aber auch für Feste genutzt.
Copyright: Alexander Schwaiger
Von dort gehen wir weiter an dem Platz vorbei, an dem die Hallen Kalk als Ruinen des Arbeiterviertels Kalk stehen. In wenigen Kölner Vierteln ist die Deindustrialisierung so sichtbar wie hier. Kurt hat sich dieser Geschichte angenommen und ihr in ihrem Roman ein Denkmal gesetzt. Kurts Großvater kam in den 60er Jahren nach Köln, arbeitete bei Ford, die Großmutter in einer Wurstfabrik. Später holten sie die drei Söhne und die Tochter, Kurts Mutter, nach. Ihr Vater kam Anfang der 80er aus der Türkei. Er stand politisch links, es war für ihn besser, „rauszukommen“, sagt Kurt augenzwinkernd.

Der Kalker Stadtgarten ist eine der wenigen Grünanlagen im Veedel.
Copyright: Alexander Schwaiger
„Tatsächlich waren viele Menschen, die nach Deutschland kamen, in ihren Heimatländern politisiert, auch in den Gewerkschaften, das setzte sich bei den Industriearbeitern nahtlos fort.“ In ihrem Buch spielt auch der Streik der Chemiearbeiter im Jahr 1917 eine große Rolle. Weiter geht es entlang der Sieversstraße zurück zur Kalker Hauptstraße. Wir statten dem Stadtgarten, einer Miniaturausgabe des großen Bruders im Linksrheinischen, einen Besuch ab.
„Kalk hat kaum Grünflächen, das wirkt sich auch auf die Gesundheit der Menschen aus“, sagt Kurt, die sich darüber ärgert, dass ihr Viertel oft mit Vorurteilen behaftet ist. „Man muss für soziale Probleme politische Lösungen finden“, sagt Kurt, die am Herder-Gymnasium in Buchheim ihr Abi machte, und dann Philosophie und Französisch studierte. „Die Kameraüberwachung auf der Kalker Hauptstraße hilft niemandem, hier tatsächliche Sicherheit zu schaffen“, sagt Kurt.
„Ich drehe mit einem Freund oft das, was wir Bürgermeisterrunden nennen. Wir streifen durchs Viertel, durch den Stadtgarten, schauen nach, ob alles in Ordnung ist, fragen, wie es den Leuten geht.“ In ihrem Buch tut das die Karl-Küpper-Brigade, die dafür sorgt, dass kein Obdachloser unversorgt schlafen muss. Das Aufeinanderaufpassen sei keine Veedelsromantik, sondern gelebte Realität in Kalk. „Viele Ladeninhaber verteilen Essen an die Obdachlosen. Zahlreiche Initiativen kümmern sich um Gärten.“ Kalk sei voll von bürgerschaftlichem Engagement. „Für mich gibt es keinen Ort der Welt, an dem ich mich so sicher fühle wie in Kalk. Ich könnte jederzeit in jeden beliebigen Döner-Laden gehen, und sagen: ‚Leute, helft mir.‘“

Eine Erklärtafel am Haus Kalker Hauptstraße 215 erinnert an Karl Küpper, den widerständigen Karnevalisten.
Copyright: Alexander Schwaiger
Wir überqueren die Straße und stehen vor der Löwenzahn-Apotheke, Kalker Hauptstraße 215. Zwei unscheinbare Plaketten erinnern an den einzigen Karnevalisten, der es wagte, die Nazis durch den Kakao zu ziehen. „Warum kein Denkmal?“, fragt Seyda Kurt. Auf dem Weg zurück Richtung Toni erzählt sie, dass sie noch einen Koffer in Berlin hat. „Ich genieße dort den weiten Himmel, die Großzügigkeit der Straßen.“ Dort könne sie neue Eindrücke sammeln, und diese dann mit nach Hause nehmen, und zu Hause ist Kalk. „Ich würde niemals in ein anderes Kölner Viertel ziehen. Wenn ich in die Innenstadt muss, ist das für mich schon wie eine weite Reise. Ich fahre dann nach Köln.“

Im Kalker Buchladen ist Seyda Kurt oft und gern. Im Regal entdeckt sie ein Buch ihrer Freundin Eva von Redecker.
Copyright: Alexander Schwaiger
Wir machen noch einen Stopp am Kalker Buchladen, Kalker Hauptstraße 170. Ihr Buch liegt im Schaufenster und drinnen auf einem Extratisch. Die Vorstellung des Buches fand in der Kirche St. Marien statt, dort, wo vor 1000 Jahren ihr Viertel als Sumpf entstanden ist. „Es war die erste große Kulturveranstaltung, der die Kirchengemeinde zugestimmt hat. Das hat mich stolz gemacht.“

Die Kalker Autorin Seyda Kurt empfiehlt das Saana, eines der besten Kebab-Restaurants in ihrem Veedel.
Copyright: Alexander Schwaiger
Im Saana machen wir noch einen kurzen Stopp. Hier gibt es den besten Adana Kebab. „Ich habe mal eine Kurdin aus Chemnitz getroffen, die es super fand, dass ich aus Kalk komme, denn sie kannte das Sanaa.“ Als wir ins Toni zurückkommen, wird sie von zwei jungen Frauen angesprochen, die sie natürlich kennen. „Toll mit deinem Buch“, freut sich die eine. Auf der Bank vor dem Toni sitzt Malika. Sie schreibt jeden Tag Gedichte. Vor einer Woche hat sie sie auf dem Platz vor der Kalker Post gelesen. An dem Tag feierte das Toni seinen ersten Geburtstag. Die ältere Dichterin aus Damaskus und die junge Autorin aus Kalk kennen und schätzen sich. Auch für Malika ist Kalk Zuhause. Herrlich hier. Da sind sich beide einig.

Malika aus Damaskus und Seyda aus Köln haben sich im Toni kennengelernt. Beide schreiben.
Copyright: Lioba Lepping
Seyda Kurts Empfehlungen:1) Nachbarschaftstreff Toni, Antoniastraße 12) Kalker Buchladen, Kalker Hauptstraße 1703) Karl-Küpper-Plakette an der Löwenzahn-Apotheke, Kalker Hauptstraße 2154) Saana, kurdisch-irakisches Restaurant, Kalker Hauptstraße 1055) Café Casablanca, marokkanisches Café, Taunusstraße 1