Abo

Erinnerungsstation „M.S. Kalk“Geschichten aus Kölns „Eisenbahnkessel“

5 min

Mit einem Traditionstrikot von Borussia Kalk begann das Erinnerungsprojekt „M.S. Kalk“ in den Lichtspielen am Maifeiertag.

Kalk – „Jeder, der hier lebt, hat ein Gefühl für Kalk, ein Kalk-Bewusstsein. Erinnerungen hängen vor allem mit Geschichten aus der Industrie zusammen, aber nicht nur. Wir wollen heute mit Sammeln anfangen und die Geschichten gleichzeitig aufführen“, sagt Boris Sieverts, der gemeinsam mit Meryem Erkus und Malte Fröhlich die M.S. Kalk startklar gemacht hat. M.S. steht für „Memory Station – Erinnerungsstation“ und darf gerne auch im übertragenen Sinne als Motorschiff verstanden werden. Mit im Boot sind Jennifer Schlieper und Felix Seifert, die Betreiber der Lichtspiele Kalk.

Die Memory Station hat drei Bausteine: den Karten-Workshop, das Ton-Model des Stadtteils, das in den kommenden Wochen mit Hilfe der Kalker wachsen soll, und die Erzählungen, die nun zusammengetragen und ins Bild gesetzt werden (siehe Infokasten unten). Den Impuls, das Veedel kreativ zu „bespielen“, gab die neue Leiterin der im Mediapark ansässigen Akademie der Künste der Welt, die indische Filmemacherin Madhusree Dutta. Bei einem Treffen mit der Kalker Kuratorin Meryem Erkus sah Dutta in Kalk den idealen Stadtteil für die Umsetzung der Idee. Meryem Erkus betreibt in der unteren Ebene des Ebertplatzes das Atelier „Gold und Beton".

Termine zum Projekt „M.S. Kalk“

Jeden Sonntag findet bis 30. Juni von 12 bis 20 Uhr in den Lichtspielen Kalk an der Kalk-Mülheimer Straße 130/132 „Malte's Memory Sunday“ statt. Malte Fröhlich wird in den Lichtspielen die Geschichten sammeln, aufschreiben, filmen, fotografieren, scannen und hochladen, die ihm die Kalker zutragen, und sie in ein Online-Archiv einstellen. Dazu kommen Aufzeichnungen aus der mobilen Memory Station, mit der Fröhlich unter der Woche im Stadtteil unterwegs ist.

Am Samstag, 11. Mai, sind Maltes mobile Memory Station und die Modellwerkstatt ab 14 Uhr zu Gast beim Aktionstag von Kalker Initiativen auf dem Areal der Hallen Kalk. Mit dem Aktionstag wollen die Initiativen ihrer Forderung Nachdruck verleihen, dass die Hallen Kalk zu einem Kulturhof ausgebaut werden. Ein gleichnamiger Verein befindet sich in Gründung.

Am Samstag, 25. Mai, zwischen 12 bis 20 Uhr heißt es „One Day in Kalk“ an mehreren Orten. An dem Kalktag öffnen Veedelsbewohner ihre Häuser und Wohnungen und bieten Besuchern besondere Aktionen. Dazu werden Kalker Fotomotive auf Werbeflächen gezeigt. Boris Sieverts führt von 14 bis 18 Uhr durch den Stadtteil. Zum Ausklang nehmen Mitglieder der italienischen Gemeinde um 19 Uhr via Sizilien-Express mit auf eine erzählte Reise in den Süden.

Am Samstag, 8. Juni, wird ab 15 Uhr im Bürgerpark Kalk hinter den Arcaden das 1. Kalker Sucuk-Fest mit türkischen Delikatessen und Musik gefeiert.

Für Samstag, 22. Juni, ist unter dem Titel „Arrival City Kalk“ ein Picknick-Gespräch mit Geschichten vom Ankommen in Kalk geplant, wie es deutsche Studenten, Asyl- und Arbeitssuchenden erlebten. Ort und Zeit werden noch bekanntgegeben. Eine Bilanz wird am Samstag, 6. Juli, um 17 Uhr in den Lichtspielen Kalk gezogen.

Das Projekt M.S. Kalk wird gefördert durch die Landesinitiative StadtBauKultur NRW und die Fritz-Bilz-Stiftung. (uwe)

„In einem Moment großer Veränderung, die der Stadtteil durchläuft, gilt es, sich des besonderen Charakters dieses hochverdienten Gebildes im Eisenbahnkessel und der einzigartigen Stadtgesellschaft, die unter diesen Bedingungen entstanden ist, bewusst zu werden, ihre Erzählung zusammenzutragen und zugleich zur Aufführungen zu bringen“, erklären die M.S. Kalk-Macher ihr Vorhaben. Eisenbahnkessel deshalb, weil Kalk von einem breiten Eisenbahngürtel umgeben und aus allen Himmelsrichtungen nur durch Unterführungen zu Erreichen ist. Innerhalb dieses Kessels befanden sich dicht nebeneinander über viele Jahrzehnte Industrie- und Wohnanlagen.

Geschichtenerzählen steht im Mittelpunkt

„Die Memory Station ist nun ein kleines Kalk-Festival“, meinte Boris Sieverts am Eröffnungsabend. Festivals habe es hier zwar schon gegeben, doch Kalk selbst sei fast nie Thema gewesen. Das verwundere: „Wenn sich ein Ort Selbstpreisung leisten kann, dann Kalk“, fuhr der in Berlin geborene Wahl-Kölner, Kunsthochschulabsolvent und Stadtführer fort.

Im Mittelpunkt der Eröffnung stand das Geschichtenerzählen. Besucher waren eingeladen, von ihrem Kalk zu erzählen. Das konnte eine Anekdote sein, eine Beobachtung auf der Straße, Erlebnisse aus dem Arbeits- und Vereinsleben. Um die Erzählung anschaulich zu machen, baten die Einlader, einen Gegenstand oder ein Bild mitzubringen. Das wurde dann beim Sprechen parallel auf die Kinoleinwand übertragen.

Die Initiatoren von „M.S. Kalk“ freuen sich über eine gelungene Auftaktveranstaltung: (v.l.) Meryem Erkus, Boris Sieverts, Malte Fröhlich, Jennifer Schlieper.

Als Erster legte Ralf Tito, Präsident vom Fanclub „HSBK – Hauptstadt Support Borussia Kalk“, sein altes Fußballtrikot auf den Beamer. Geboren 1961 im katholischen Krankenhaus in Kalk, das 1979 geschlossen wurde, spielte er wie die meisten Kalker Jungen Fußball auf schlammigen Plätzen mit Lederbällen, die sich schnell mit Wasser vollzogen. Sonntags ging es nach der Messe in der Kirche St. Joseph ins Kino. „Ich war 40 Jahre nicht mehr hier und staunte, dass alles viel kleiner ist, als es mir damals vorkam“, so der gebürtige Kalker mit italienischem Elternteil.

Der Kalker Künstler Joachim Römer zeigte einen Aluminiumguss von einer Kutschfahrt am Rhein vor der Stadtsilhouette am anderen Ufer. „Mit solchen Genrebildern haben KHD-Arbeiter früher ihren Lohn aufgebessert“, wusste er zu berichten. Eines entdeckte er in einem marokkanischen Restaurant und freute sich, dass offenbar auch Einwanderern alte Schätzchen aus der Kalker Geschichte etwas bedeuten. Sein Exemplar fand er im örtlichen Trödelladen, weshalb er den Tipp gab, sich dort umzusehen: „Da findet Ihr alles, nur nicht geordnet.“