„Irgendwann ist es genug“Kölner Lebensmittelladen schließt nach 65 Jahren

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Hans-Joachim Grebe, Gottfried Schneider und Klaus Bensch stehen vor dem Laden mit einer Sackkarre.

Eine Veedels-Institution wird abgewickelt: Hans-Joachim Grebe, Gottfried Schneider und Klaus Bensch (v.l.) räumen den Laden aus.

Seit 1957 versorgte Familie Schneider die Merheimer an der Olpener Straße 350. Dabei hatte sich in dem Laden viel getan.

Der Laden ist fast schon leergeräumt, da kommt die ältere Dame noch schnell herein und grüßt den scheidenden Inhaber Gottfried Schneider ein letztes Mal. „Vielen Dank für alles und viel Freude am neuen Leben“, sagt Anngritt Steinborn sichtlich gerührt. „So geht das hier schon den ganzen Morgen über“, bemerkt Hans-Joachim Grebe, der mit dem Akku-Schrauber beim Auszug hilft und mit seinen Gefühlen ebenfalls nicht hinterm Berg hält: „Seit mehr als 25 Jahren bin ich Kunde, abends nach der Arbeit habe ich hier noch einen Kaffee getrunken und ein belegtes Brötchen gegessen. Wichtig waren mir vor allem die Gespräche hier, das war ein Anlaufpunkt für viele Menschen aus der Umgebung.“

Der Mann, um den es geht, lächelt melancholisch: „Die Zeit war einfach reif, irgendwann ist es genug“, sagt Schneider. „Aber die Unterhaltungen mit den Menschen werden mir sehr fehlen.“ Am 1. Juli 1957, vor mehr als 65 Jahren, hatten die Eltern des heute 73-Jährigen die Räume im Erdgeschoss des Eckhauses an der Olpener Straße 350 als Lebensmittelladen eröffnet, da war Schneider sieben Jahre alt. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde er mit 17 selbst zum Chef in dem Geschäft, das mit seinen rund 420 Quadratmetern Fläche sicher nie ein echter „Tante-Emma-Laden“ war.

Köln-Merheim: Parkplätze vor der Tür „A und O“ für den Laden gewesen

Durch die immer stärkere Ausbreitung der großen Supermärkte geriet das Geschäft allerdings in Schwierigkeiten. Im Jahre 1991 machte Gottfried Schneider daher eine Kombination aus Schreibwaren-, Zeitungs- und Getränkefachhandel daraus, 1995 kam Lotto/Toto hinzu, 2007 eine Post-Filiale. „Besonders die Getränke liefen sehr gut, wir haben wöchentlich 500 Kästen ausgeliefert, noch einmal 500 wurden hier vor Ort gekauft“, berichtet er. Fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe er beschäftigt, seine Kunden seien nicht nur aus der direkten Umgebung gekommen, sondern auch aus anderen Stadtteilen: „Wir haben Parkplätze gleich vor der Ladentür, das ist das A und O.“

Dabei hat Schneider nicht alle Moden und Neuerungen mitgemacht, die Öffnungszeiten etwa hat er nie über 18.30 Uhr hinaus verlängert: „Ein bisschen Freizeit braucht man.“ Nur als die Tankstellen begannen, ihr Sortiment zu erweitern, hatte er mal für ein paar Jahre am Sonntag geöffnet. Aber auch das ist schon lange her, um 1990 war das. Aber selbstverständlich lagen ihm die Bewohner der umliegenden Straßen besonders am Herzen. „Zuerst kamen die Mütter, später dann ihre Kinder, und noch ein paar Jahre später die Kinder dieser Kinder“, erzählt er.

Treffpunkt wird in Köln-Merheim fehlen

Dann wurde der Klaaf gepflegt, Gottfried Schneider wusste immer bestens Bescheid, war informiert, welche Familie Zuwachs erwartete, wessen Opa im Krankenhaus lag, oder wer gerade mit wem … „Ich könnte interessante Memoiren schreiben und viel Geld damit verdienen, wenn ich die nicht veröffentlichen würde“, deutet er mit hintergründigem Lächeln an, um dann rasch wieder sein seriöses Gesicht aufzusetzen: „Nein, nein, so schlimm war es wirklich nicht.“ Sorgen muss sich in Merheim also niemand machen.

Nur ein Treffpunkt wird im Wohnquartier künftig fehlen, nicht mal ein Kiosk findet sich in der Nähe. Der neue Eigentümer des Hauses will noch ein Geschoss draufsetzen und das Gebäude dann ausschließlich für Wohnzwecke nutzen. Gottfried Schneider lebt mit seiner Frau schon lange in Lohmar im Rhein-Sieg-Kreis. Die Tochter hat einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen. Nun sind die Regale leer, was noch zu gebrauchen war, hat Gottfried Schneider Freunden und Bekannten überlassen. Alles andere holt der Schrotthändler ab. „Ach ja, die restlichen Zigaretten sind auch noch da – die kriegt Pfarrer Meurer für seine Leute.“

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