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„Keine Extremisten an die Macht“Tausende Kölner demonstrieren gegen die AfD

4 min
08.09.2026, Nordrhein-Westfalen, Köln: Hunderte Menschen kamen auf dem Heumarkt zusammen, um, als Reaktion auf das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, gegen Rechts zu demonstrieren. Foto: Benjamin Westhoff/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Viele Menschen waren dem Aufruf von „Köln stellt sich quer“ gefolgt, auf dem Heumarkt gegen Fremdenhass und die AfD zu protestieren.

Bei der Kundgebung auf dem Heumarkt zeigten viele Kölnerinnen und Kölner, dass sie für eine bunte und soziale Gesellschaft sind – Reaktion auf AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt.

Viel Zeit zur Vorbereitung auf diese Kundgebung hatten sie nicht, und dennoch reichte es aus für das Basteln unzähliger Plakate, dafür, die „Kein Kölsch für Nazis“-Shirts herauszuholen, die „Omas gegen Rechts“-Buttons und die Regenbogenfahnen mit dem Peace-Zeichen. Unter dem Motto „Keine Rechtsextremisten an die Macht“ hatte das Bündnis „Köln stellt sich quer“ für Dienstagabend zu einer Kundgebung auf dem Heumarkt aufgerufen – und Tausende Kölnerinnen und Kölner folgten diesem Aufruf. Anlass: die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, aus der die AfD mit einem Wahlergebnis von 43,8 Prozent als klarer Sieger hervorgegangen ist.

Angemeldet waren laut Polizei 5000 Menschen, es kamen dann sogar so viele, dass der Heumarkt komplett gefüllt war und Versammlungsleiter noch vor Beginn des offiziellen Teils darum bitten musste, weiter auf den Platz zu rutschen: „Es stehen noch Menschen hinter der Bühne, die wollen gern auch noch etwas sehen und hören.“ Vom Heumarkt solle, so hieß es, an diesem Tag ein starkes Zeichen ausgehen – auch in Richtung Sachsen-Anhalt. „Köln steht hinter euch, keine Extremisten an die Macht.“ Die Antwort: Jubel und Applaus.

Tausende Menschen kamen auf dem Heumarkt zusammen, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.

Tausende Menschen kamen auf dem Heumarkt zusammen, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren.

Neben vielen gesellschaftlich engagierten Gruppen waren auch Vertreter einiger Parteien gekommen, etwa von den Grünen, den Jusos oder aus der Partei Die Linke. Ebenfalls vor Ort waren Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen, des ColognePride, des Vereins EL-DE-Haus sowie weiterer Organisationen. Sie sollten im Laufe des Abends zu Wort kommen. „In einer solchen Situation, wenn in Deutschland Rechtsextreme in einem Bundesland erstmals an die Macht kommen können, wollen und müssen wir Demokratinnen und Demokraten laut und deutlich unsere Stimme erheben“, hatten die Organisatoren vorab in ihrem Aufruf geschrieben.

„Keine Insel der Glückseligen“

Brigitta von Bülow, Bürgermeisterin und eine der Sprecherinnen von „Köln stellt sich quer“, machte auf der Bühne klar, dass auch Köln keine Insel der Glückseligen sei. „Köln ist nicht immun gegen demokratiefeindliche Tendenzen.“ Umso froher sei sie, dass sich alle demokratischen Parteien im Stadtrat noch einmal klar zur Brandmauer bekannt hätten: „Feinde der Demokratie dürfen nicht salonfähig gemacht werden.“

Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) und die Fraktionen von Grünen, CDU, SPD, Linken, Volt und FDP/KSG hatten nach der Wahl in Sachsen-Anhalt bekräftigt, an der sogenannten Brandmauer festzuhalten. Burmester unterscheidet dabei zwischen den Wählerinnen und Wählern der AfD und der Partei selbst: Die Wähler müssten im demokratischen Diskurs erreicht werden, eine Zusammenarbeit mit der AfD lehne er ab. Auch gemeinsame Initiativen und Absprachen mit der AfD schließen die Fraktionen weiterhin aus.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten unzählige Plakate mitgebracht.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten unzählige Plakate mitgebracht.

Marie Hacker, Schülervertreterin in Köln, hatte auf der Demonstration ein sehr konkretes Anliegen: „Es gibt Gründe dafür, dass auch viele Junge die AfD unterstützen. Wir werden oft klein geredet und nicht ernst genommen, unsere Anliegen werden als unwichtig abgetan. Aber Politik muss jungen Menschen zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen. Und wir brauchen mehr Mitbestimmung von jungen Menschen.“ Spätestens mit ihren letzten Worten hatte sie die Herzen auf dem Heumarkt gewonnen: „Es ist Hoffnung da, es macht mir Hoffnung, dass wir hier stehen. Und Hoffnung ist immer auch ein Akt des Widerstands.“

Auch Marie Knäpper vom Bündnis „Arsch huh“ appellierte an die Zuversicht: „Wir würdigen jetzt und hier auch die Menschen in Sachsen-Anhalt, die dort für eine pluralistische Gesellschaft gekämpft haben, und wir lassen uns nicht entmutigen. Die demokratische Zivilgesellschaft ist da und wach, und sie macht weiter.“ Ihr Wunsch in Richtung Politik: „Kriegt bitte auch den Arsch hoch.“ Einmal mehr: Jubel und Applaus.

Blick zurück in die Protestgeschichte

Die Stimme erheben, Flagge zeigen gegen Fremdenhass und für Vielfalt, das machen Kölnerinnen und Kölner regelmäßig. Nach der Veröffentlichung der Correctiv-Recherche über ein Treffen rechtsextremer Kreise in Potsdam demonstrierten am 16. Januar 2024 bis zu 30.000 Menschen am Heumarkt in klirrender Kälte gegen die AfD und Rechtsextremismus. Ursprünglich waren 1000 Teilnehmer angemeldet. Wegen des Andrangs musste die Demo-Route geändert werden: Letztlich liefen die Demonstranten vom Heumarkt über die Deutzer Brücke zur Deutzer Werft. Initiativen wie „Köln gegen Rechts“, „Köln stellt sich quer“ oder „Arsch huh“ schlossen sich an.

Nur wenige Tage darauf fiel der Protest in Köln noch eine Nummer größer und lauter aus: Veranstalter gingen von rund 70.000 Menschen aus, die auf der Deutzer Werft unter dem Motto „Demokratie schützen, AfD bekämpfen“ zusammenkamen, die Polizei hielt die Schätzung für realistisch. Junge, Alte, Familien mit Kindern und Bollerwagen, Musiker wie Cat Ballou, Brings oder die Bläck Fööss, Vertreter des Festkomitees Kölner Karneval, Politiker und Politikerinnen kamen. Henriette Reker, damals noch Oberbürgermeisterin, sagte: „Ich finde das wirklich beeindruckend, dass von Köln immer ein Signal ausgeht, wenn unsere Menschenrechte, unser Frieden oder unsere Demokratie in Gefahr sind. Auf die Kölner kann man sich einfach verlassen.“

Nach einem Demonstrationszug durch die Innenstadt soll die Veranstaltung gegen 19 Uhr mit einer Abschlusskundgebung auf dem Heumarkt enden.