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Präzise, einfach, schnellKölner Start-up entwickelt Revolution in der Virus-Diagnostik

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Gründer von „Detechgene“ Robin Bayer (r.) und Victoria Malcherek, aus der Forschungsabteilung stehen im Labor der Firma im Bocklemünd.

Gründer von „Detechgene“ Robin Bayer (r.) und Victoria Malcherek, aus der Forschungsabteilung stehen im Labor der Firma im Bocklemünd.

So präzise wie ein PCR-Test, aber so schnell wie ein Antigentest: Ein junges Unternehmen aus Köln steht kurz vor der Markteinführung eines neuartigen Diagnosesystems. Die Erfindung könnte weltweit Leben retten.

In einem Labor am Rand von Köln warten zwei kleine Plastikteile darauf, die Medizinwelt aufzumischen. Unauffällig liegen sie zwischen Pipetten und Reagenzgläsern, dabei wird ihre neuartige Technik einiges in der Diagnostik verändern, wenn sie erstmal auf dem Markt ist. Zusammen ergeben die beiden Teile ein Kit, mit dem man auf verschiedene Viren, Bakterien und pilzartige Erreger testen kann. In der Handhabung so einfach und schnell wie ein Antigen-Test, aber so präzise wie ein PCR-Test soll das System der Kölner Start-Ups „Detechgene“ sein.

„Die Technik des Test-Systems ist schon ausgereift“, erklärt der Entwicklungsingenieur und Mitgründer Dr. Robin Bayer. „Nun geht es noch darum, die nötige Zulassung zu bekommen und das Kit in eine Massenproduktion zu überführen.“ Um auch das letzte Stück bis zum geplanten Markteintritt 2026 erfolgreich zu gehen, hat das Unternehmen nun neue finanzielle Mittel gewinnen können. Ganze drei Millionen Euro kamen in der zweiten Finanzierungsrunde des 2022 gegründeten Start-ups von mehreren Investoren aus Köln und der Region zusammen.

Kölner Start-Up: Große Hoffnungen durch schnelle Tests

Das Test-System des mittlerweile 18-köpfigen Teams um Bayer und seinen Mitgründer Dr. Reza Esmaillie weckt nicht umsonst große Hoffnungen: Ein normaler PCR-Test muss im Labor ausgewertet werden. Bis das Ergebnis da ist, kann es – unter anderem durch die Transportzeiten – mehrere Tage dauern. „Unser Test liefert schon nach rund 20 Minuten ein Ergebnis“, sagt Bayer. Ein Labor ist dafür nicht nötig. Deshalb eigne sich das Test-System nicht nur für die Nutzung im Gesundheitswesen, sondern auch für Privatkunden. 

Zwei Test-Panels von „Detechgene“

Zwei Test-Panels von „Detechgene“

Die Handhabung erinnert an das, was noch aus Pandemie-Zeiten bekannt ist. Mit einem Stäbchen wird Speichel entnommen, diese wird dann in den „Test-Pen“ eingeführt – das ist ein kleiner, stiftartiger Zylinder, der die Probe aufbereitet. Damit wird die Probe dann auf das Test-Panel getropft. Das zeigt auf der Rückseite an, ob positiv oder negativ. Und nicht nur Speichelproben, sondern auch Blut, Urin- oder Stuhlproben, könne das Kit untersuchen.

Zudem kann das System auf mehrere Erreger gleichzeitig testen. Für den Markteintritt arbeite man erstmal nur mit einem Panel, das Atemwegserkrankungen erkennt. Die Viren Influenza A, B, SARS-CoV-2 und RSV könne es aufspüren. „Im Hintergrund forschen wir aber auch an einem Panel, das auf Magen-Darm-Viren wie den Norovirus oder Rota-Virus testet.“

Erbgut des Erregers wird auf Markantes hin durchforstet

Das Geheimnis der Tests liegt unter anderem in den Stoffen, die in den Panels mit der Probe reagieren und somit eine positive oder negative Anzeige hervorrufen: „Primer“ werden sie genannt – und für jeden Erreger muss ein passender entwickelt werden. Die Wissenschaftler untersuchen dafür das Erbgut des entsprechenden Erregers auf Stellen, die hohen Wiedererkennungswert haben und stimmen den Primer darauf ab. „Für einen neuen Erreger brauchen wir ungefähr zwei Monate“, erklärt Victoria Malcherek, die Teil des Labor-Teams ist. „Es kommt für den diagnostischen Erfolg wirklich auf ein ausgeklügeltes Primer-Design an, darauf an, da es ausschlaggebend für die Spezifität und Sensitivität des Testes ist. Diesen Prozess optimieren wir immer weiter.“

Zukünftig sollen die Tests vielfältig eingesetzt werden. „Wir bauen sozusagen eine Technologieplattform auf, die dann für ganz, ganz viele Erreger funktioniert. Dafür wollen wir Panels entwickeln, die noch weitere humane Erreger erkennen.  Später können wir dann auch in ganz andere Märkte gehen, wie Veterinärmedizin und die Agrarwirtschaft.“

Die Detechgene Gründer Dr. Robin Bayer und Dr. Reza Esmaillie

Die Detechgene Gründer Dr. Robin Bayer und Dr. Reza Esmaillie

Wie wichtig eine schnelle Diagnostik ist, war während der Pandemie den meisten klar. Warum das Test-System auch darüber hinaus großen Nutzen haben könnte, zeigt ein Blick in deutsche Krankenhäuser. 10.000 bis 15.000 Menschen sterben hierzulande laut dem Bundesgesundheitsministerium schätzungsweise jährlich an Infektionen durch Krankenhauskeime – darunter auch das Bakterium MRSA, das gegen viele Antibiotika resistent ist. Experten vermuten eine deutlich höhere Dunkelziffer. Eingeschleppt werden die Keime meist durch Besucher. 

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

„Denkbar wäre auch, ein Panel für Krankenhauskeime zu entwickeln“, sagt Bayer. Damit könnten dann nicht nur Gäste, sondern auch Patientinnen und Patienten getestet werden, um Infizierungen zu verhindern und schnelle Behandlungen zu ermöglichen. „In der herkömmlichen Diagnostik muss der Erreger in der Probe mitunter erst über Tage kultiviert werden. Bei uns käme das Ergebnis in wenigen Minuten.“ 

Das Kölner Test-System kann laut Bayer auch international dringend benötigte Abhilfe schaffen. „Besonders bei der Diagnostik von Tropenkrankheiten können unsere Tests eine große Lücke schließen. Wir hatten vergangenes Jahr einen Kollegen für einen Monat nach Nigeria geschickt.“ Dort sterben laut der Weltgesundheitsorganisation allein an Malaria jährlich Zehntausende. „Er sagt, dass es wahnsinnig ist, was da an medizinischer Infrastruktur fehlt. Dort gibt es gar keine Labore, wie wir sie hier kennen.“ 

Bis private Kundinnen und Kunden die Tests in den Händen halten können, kann es noch dauern. „Der Prozess gestaltet sich komplizierter, als ich am Anfang dachte“, sagt Bayer. „Daher konzentrieren wir uns zunächst auf die Ausstattung von Krankenhäusern und Kliniken“. Nicht nur Gespräche mit möglichen Herstellern müssen geführt werden, um die Tests produzieren zu lassen. Vor allem die nötige Zertifizierung für das Produkt sei „wahnsinnig aufwändig“. Dazu gehört die Untersuchung des Labors und die Durchführung mehrerer Studien. „Wir sind jetzt dabei, die klinische Studie vorzubereiten, die am Ende des Prozesses steht.“

Der Zertifizierungsprozess sei nicht nur für „Detechgene“ eine große Hürde. „Ganz viele Unternehmen in der EU und Deutschland wagen sich erst gar nicht daran. Wir trauen uns auch nur, weil der Aufwand sich lohnen wird und uns danach so viele Märkte offenstehen werden.“