Wegen eines Artenschutzgutachtens verzögert sich die Entscheidung über die Ausbaupläne des 1. FC Köln erneut.
Geplanter Geißbockheim-AusbauDie Gleueler Wiese und ihre unendliche Geschichte

Die Gleueler Wiese leuchtet in Herbstfarben. Der 1. FC Köln will die Fläche im Äußeren Grüngürtel als Baugebiet für neue Trainingsplätze. (Archivfoto)
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Die Nachricht kam am Vorabend des Termins – und sie traf Philipp Türoff unvorbereitet. „Das hat mich wirklich vollkommen überraschend getroffen“, sagte der Geschäftsführer des 1. FC Köln. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster hatte seinen Verhandlungstermin im Rechtsstreit um den Bebauungsplan für das Geißbockheim kurzfristig abgesagt. Auslöser war eine vierseitige Stellungnahme der Gegenseite zu einem Artenschutzgutachten, die offenbar noch einer gesonderten Prüfung bedarf. Statt einer mit Spannung erwarteten Entscheidung: wieder Ungewissheit. Die Posse findet kein Ende.
„Fassungslos“ zeigte sich Türoff am Donnerstag – nicht nur mit Blick auf den FC. „Wie so ein total wichtiges Thema in einer Millionenstadt Deutschlands immer wieder solche Wendungen nehmen kann, das ist schon erstaunlich.“ Gleichwohl betonte er: Gegen geltendes Recht habe niemand verstoßen. „Aber begeistert sind wir davon nicht.“ Die Stellungnahme, die zur Verschiebung führte, wollte Türoff nicht überbewerten. Die Gegenseite hatte das Papier als „Hammer“ bezeichnet – aus Sicht des FC sei nach erster juristischer Einschätzung nicht erkennbar, „was daran jetzt ein Hammer sein sollte“. Er nehme es „eher als ein Geräusch wahr von denjenigen, die den Prozess weiter verzögern wollten“.

Philipp Türoff, Geschäftsführer des 1. FC Köln. (Archivfoto)
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Dass die Eingabe so kurz vor dem Termin kam, habe „ein Geschmäckle“ und ziele wohl darauf ab, den Prozess in letzter Sekunde erneut zu verzögern. Juristisch zu beanstanden sei es dennoch nicht. Das Verfahren zieht sich seit rund sieben Jahren hin. Nach einem ersten OVG-Urteil zog der FC bis vor das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig – und erreichte eine Revision zurück nach Münster. Einen neuen Termin gibt es bislang nicht. Türoff rechnet mit einer erneuten Verschiebung um „viele Monate“ oder auf „unbestimmte Zeit“. Eine Never-Ending-Story offenbar.
Dauerstreit wie ums Phantasialand
Es ist nicht der einzige Konflikt dieser Art in der Region: Das Phantasialand in Brühl wird seit Jahrzehnten nicht erweitert, weil das dafür vorgesehene Areal in einem streng geschützten Naturschutzgebiet liegt und das Projekt zu einem erbitterten politischen und gesellschaftlichen Dauerstreit geführt hat. Ähnlich wie in Köln gab es in den vergangenen Jahren wechselnde politische Mehrheiten. SPD und Grüne hatten das Projekt einst komplett auf Eis gelegt. Das neu formierte schwarz-rote Bündnis (CDU und SPD) wollte das Verfahren zwar wieder aufnehmen, knickte jedoch aufgrund des massiven Drucks von Anwohnern und Umweltschützern ein und vertagte die entscheidenden Beschlüsse im Mai 2026 erneut. Man will nun weitere Gutachten abwarten.
Der FC hingegen will nicht warten. Und auch das Narrativ, dass „bald die Bagger rollen werden“, will der Klub aufrechterhalten. Die Baugenehmigungen für das Leistungszentrum lägen vor und hingen nicht vom OVG-Verfahren ab. Im nächsten Jahr solle auf dem Gelände sichtbar werden, was passiert, so Türoff. „Dieser Tag rückt näher – völlig egal, was in Münster passiert oder nicht passiert“, sagte Türoff. Die eigentliche Brisanz des Bebauungsplans liege woanders: bei den Fußballplätzen auf der Gleueler Wiese. Dafür gibt es bislang keine Baugenehmigung. Ersatz fehlt bislang.
Der Platzmangel hat konkrete Folgen: Die zweite Frauenmannschaft kämpft um den Aufstieg in die zweite Bundesliga, der Klub wächst. Weitere Konsequenz: An der neuen U21-Liga wird der FC wegen der fehlenden Kapazitäten vorerst nicht teilnehmen können, weil man das nicht darstellen könne. Das sei für den Klub ein Wettbewerbsnachteil. Ein positives Urteil hätte dem FC dagegen politisch Aufwind verschafft. Nun müsse der Verein verstärkt nach Alternativen suchen: Satellitenplätze, die Umwandlung des Ascheplatzes in einen Kunstrasen auf FC-Kosten. „Wir wollen raus aus diesem Stillstand. Nichts ist so elend wie eine ewige Hängepartie“, sagt Türoff.
Unterstützung durch Oberbürgermeister?
Mit Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) sieht der FC immerhin einen Gesprächspartner, „der Sport wirklich versteht“. Nun müssten auf die Worte auch Taten folgen. Konkrete Zusagen aber gebe es noch nicht. Die nächste Ratssitzung stehe Anfang Juli vor der Tür. „Da könnte von allen Beteiligten was geschehen – wenn man denn will.“ Auf die Frage, wie er den Abend nach der Hiobsbotschaft verbracht habe, antwortete Türoff trocken: „Ich bin Holzhacken gegangen.“
Das neue Gutachten hatten die Bürgerinitiative „Grüngürtel für alle“ (BI) sowie der NRW-Ableger des „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND) dem Gericht am Mittwoch vorgelegt. Beide hatten 2020 gegen den Bebauungsplan geklagt. Friedmund Skorzenski von der BI bezeichnete es am Donnerstag als „Quatsch“, dass die Kläger das Gutachten mit Absicht so spät eingebracht hätten. „Es lag jetzt erst vor und das Gericht kann es nicht so schnell bewerten. Das ist völlig okay.“ Nach Angaben der Gerichtssprecherin geht es um Tagfalter, Grashüpfer und Libellen. Betroffen seien streng geschützte Arten. Laut OVG steht ein neuer Termin noch nicht fest, der Sprecherin zufolge wäre es reine Spekulation, über einen möglichen neuen Termin zu reden. Demnach haben die zuständigen Richter einen Zeitplan, in den eine neue Verhandlung hineinpassen muss.
Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) wollte die Vertagung nicht kommentieren. Da es noch keine Entscheidung des Gerichts gibt, habe sich an der aktuellen Sachlage für die Stadtverwaltung erst mal nichts geändert, sagte sein Sprecher Alexander Vogel. Burmester ist Befürworter der Ausbaupläne des FC, er hatte sich im Wahlkampf für den Ausbau auf der Gleueler Wiese ausgesprochen, suchte danach die Nähe zu den FC-Verantwortlichen, schaute mit ihnen ein Bundesliga-Spiel. Er sagte danach, „man könnte von einer Art Neuanfang zwischen Stadtspitze und dem FC sprechen“. FC-Geschäftsführer Philipp Türoff ging zuletzt die Geduld mit Burmester und der SPD aus: „Die Rhetorik der SPD und des Oberbürgermeisters im Wahlkampf war positiv, an der Handlung fehlt es noch“, drängte er.
Proteste auch andernorts
Wie schwer sich Deutschland mit der Umsetzung großer Bauprojekte tut – und das nicht nur wegen der Proteste von Umweltschützern – lässt sich schon daran erkennen, dass ihre Namen zum Teil noch nach Jahrzehnten mit schlechter Planung, Chaos bei der Umsetzung und der Verschwendung von Steuergeldern einhergehen. Vor allem Infrastruktur- und Energieprojekte sind seit den 1980er-Jahren davon betroffen.
Ein wegweisendes Beispiel ist der vollständige Baustopp der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf im Jahr 1989 nach heftigen Protesten der Anti-Atomkraft-Bewegung. Der Schaden belief sich damals auf umgerechnet 1,63 Milliarden Euro. Oder das Atomkraftwerk Stendal, das eine Gesamtleistung von 4000 Megawatt liefern sollte und noch zu DDR-Zeiten in den 1980er-Jahren in Auftrag gegeben wurde. 1991 kam das Aus wegen der fehlenden Geschäfts- und Finanzierungsgrundlage. Bis dahin waren umgerechnet bereits mehr als 2,5 Milliarden Euro verbaut.