Abo

Viele Stellen offenDie verzweifelte Suche nach Azubis in Köln

4 min
Florian Kirspel

Azubibotschafter Frederik Kirspel 

Köln – „Mit denen kannst du alles machen“, sagt Betriebsleiter Achim Knetsch und meint das durchaus als Kompliment. Mit „denen“ meint er die Ausbildungsbotschafter der Betriebe, im ganz konkreten Fall den 24-jährigen Azubi Frederik Kirspel von Anton Miebach Stahl- und Maschinenbau. Kirspel geht mit seinen jungen Kollegen in Schulen und wirbt für die Ausbildung im Handwerk: „Ich höre da ganz oft, ich werde studieren. Auf die Frage was denn, heißt es dann ,weiß ich noch nicht’. Aber wenn wir ein bisschen über unsere Ausbildung, Karrierechancen und die vielfältigen Möglichkeiten reden, weckt das doch Interesse“, sagt der künftige Metallbauer in der Konstruktionstechnik.

Zu wenig Fokus auf das Handwerk

Interesse für die Ausbildung zu wecken, das war auch das Ansinnen von Industrie- und Handelskammer (IHK), Handwerkskammer (HWK) und Arbeitsagentur bei der Jahresbilanz des Kölner Ausbildungsmarktes. Und deren Vertreter waren sich vor allem in einem Punkt einig: Es werde viel zu wenig auf die Möglichkeiten des Handwerks hingewiesen, statt dessen viel zu sehr auf das Studium konzentriert. „Bei allem Respekt für das Studium, aber manch einer wäre im Handwerk sicher besser aufgehoben“, meinte HWK-Hauptgeschäftsführer Garrelt Duin.

Auch Frederik Kirspel kam über Umwege zu Miebachs Metallbau-Unternehmen. Zwei Jahre im Büro, begonnene kaufmännische Ausbildung, eigentlich schien der Weg vorgezeichnet. „Aber dann habe ich mich hingesetzt und überlegt, was will ich eigentlich wirklich. Und nicht andere“, erzählt er. Schnell war klar: Die eigenen Hände mussten wieder mehr Beschäftigung bekommen. Nach einem einwöchigen Praktikum bei Miebach befanden beide Seiten, es passt bestens. Kirspel ist im zweiten Lehrjahr und hat klare Vorstellungen: Geselle, Meisterbrief, Selbstständigkeit. Zukunftssorgen muss er sich kaum machen, gut aufgestellte Handwerker sind so gesucht wie selten zuvor.

Praktika sind von großer Bedeutung

Die Bedeutung der Praktika hebt auch Johannes Klapper, Vorsitzender der Kölner Agentur für Arbeit, hervor. Nach zwei Jahren Corona-bedingter Auszeit seien diese immens wichtig – „einfach mal reinhören, reinschauen“, sagt er. Bei der Agentur ist statistisch genau festgehalten, was sich seit Jahren abzeichnet: „Es werden immer weniger Jugendliche, die eine Ausbildung suchen.“ Über 500 offene Stellen seien noch im Bestand, auch jetzt noch lohne sich eine Bewerbung trotz eigentlich abgeschlossenem Ausbildungsjahr. Auch beobachtet er nicht selten eine Vorkonditionierung durch das Elternhaus: „Das ist leider nicht immer hilfreich.“

Das Ausbildungsjahr

6092 Ausbildungsstellen trafen bei der Arbeitsagentur Köln im Ausbildungsjahr 2021/ 2022 auf 4397 Bewerberinnen und Bewerber. Fünf Prozent plus bei kaufmännischen und gewerblich-technischen Berufen, 2,5 Prozent im Handwerk – Köln steht im Vergleich noch gut da, beim Handwerk etwa liegt der Bundesschnitt deutlich im Minusbereich.

Die IHK verzeichnet nach zwei Corona-Jahren wieder ein leicht steigendes Interesse, im gesamten Bezirk wurden 7563 neue Ausbildungsverträge unterschrieben. Bei der Handwerkskammer waren es 4650, in Kölner Stadtgebiet blieben 41 Stellen unbesetzt.

Die stärksten Zuwächse gab es stadtweit im Friseurhandwerk. Allerdings legten auch die Augenoptik und Hörakustik zu. Auch ein alter Handwerkszweig erfreut sich in Köln zunehmender Beliebtheit: Das Tischlerhandwerk legte um über 13 Prozent zu. In keinen Bereichen wurden die Quoten vor Corona wieder erreicht. (two)

Im Prinzip, sagt Kirspel, habe er sich seinen Arbeitgeber aussuchen können. „Ich habe etwa 30 Bewerbungen geschrieben. Es gab sehr viele Rückmeldungen darauf, auch viele Gespräche. Ich hatte die Auswahl“, sagt er. Dass es dann mit Miebach geklappt hat, mag sowohl mit zwischenmenschlichen Faktoren wie auch mit der Ausbildungsgüte zusammenhängen: Hier kommen zehn Festangestellte auf einen Lehrling. „Da kann jeder mal drauf schauen, die Auszubildenden bekommen so sehr viel mehr mit als wenn sie nur einem Ausbilder auf einem festen Platz zugewiesen wären“, sagt Betriebsleiter Knetsch.

Dabei stehen Köln und die Region noch vergleichsweise gut da. Gute fünf Prozent plus verzeichnet Christopher Meier, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung bei der IHK, in den kaufmännischen und gewerblich-technischen Berufen. Wobei zu den letzteren auch der IT-Bereich gehört, der gerade auch über Corona geboomt hat. „Prinzipiell können wir zufrieden sein“, sagt er. Aber auch er verweist auf mangelnde Informationen über die duale Ausbildung insbesondere gegenüber dem Studium: „Da ist bei uns auch die Elternarbeit gefragt“, sagt er. Etwa in Webinaren oder Info-Veranstaltungen.

Das Feedback, das Kirspel bei seinen Besuchen in Schulen bekommt, spiegelt diese Erfahrungen wider. Viele Schülerinnen und Schüler haben kaum Einblicke in die Möglichkeiten des Handwerks. „So etwas wie unsere Schulhofbesuche, das hätte ich mir früher auch gewünscht“, sagt er. Vielleicht hätte er sich die zwei Jahre Büro dann direkt gespart.