Abo

Prozess um Tod unter Müll-LkwFahrer und Zeugen kämpfen vor Gericht mit den Tränen

3 min
Ein Mikrofon steht in einem Saal eines Gerichts.

Ein Mikrofon steht in einem Saal eines Gerichts.

Auch nach Jahren hinterlässt der Unfall, bei dem eine 88 Jahre alte Frau unter einen Müllwagen geriet und starb, noch tiefe Spuren.

Gut drei Jahre ist der Unfall her. Doch für die Augenzeugen eines schrecklichen Unfalls sowie dem Unglücksfahrer (37) eines Müllwagens sitzt der Schock bis heute tief. Die Erinnerungen an das schreckliche Unglück, bei dem eine 88 Jahre alte Frau am 6. November 2020 auf der Ecke Venloer Straße/Neptunstraße vom Lkw des 37-Jährigen überrollt wurde, trieb am Mittwoch nicht nur dem wegen fahrlässiger Tötung angeklagten 37-Jährigen die Tränen in die Augen. Auch mehrere Zeuginnen und ein Mitarbeiter des Ordnungsamts rangen   im Zeugenstand um Fassung.

Um 8.20 Uhr war der Mann mit einem Müllwagen die Venloer Straße stadteinwärts unterwegs. An der Ampel kurz vor der Neptunstraße hielt der Mann bei Rot. Als die Ampel Grün zeigte fuhr er los, die Tragödie nahm ihren Lauf. Mit zehn Stundenkilometern erfasste der Lkw eine 88-Jährige, die vor seinem Fahrzeug die Fahrbahn querte. Die Frau prallte vor den Stoßfänger und geriet unter einen Vorderreifen des tonnenschweren Fahrzeugs. Stunden später verstarb die Frau in einem Krankenhaus an ihren Verletzungen.

„Die war so klein und der Fahrer so hoch“

Eine 48-Jährige, die an jenem Morgen zum Markt auf den Neptunplatz wollte, hatte den Unfall mitangesehen. „Für mich war das auch irgendwie ein traumatisches Erlebnis“, hob sie zu ihrer Aussage an und kämpfte fortan mit den Tränen. „Ich habe nur gesehen, wie diese zierliche Person vor den Lkw geht. Die war so klein und der Fahrer so hoch“, sagte die 48-Jährige. Das Unfallopfer habe nicht den eigentlichen Fußgängerüberweg genommen, sondern habe quer über die Straße „abkürzen“ wollen. Das sei an dieser Stelle gängige Praxis, berichtete die Zeugin. Als der Lkw angefahren sei habe sie nur gedacht: „Oh Gott, was macht die Frau denn?“ In ihrer Hilflosigkeit habe sie geschrien, doch da sei die Frau schon überrollt worden.

Die Zeugin zeigte sich überzeugt, dass der Angeklagte nichts für den Unfall gekonnt habe. Auch eine 40 Jahre alte Zeugin ist der Überzeugung, dass der Angeklagte nicht schuld sei. „Ich bin mir sicher, dass der Fahrer nichts anders machen konnte. Er konnte die Frau nicht sehen“, sagte die Zeugin. Ein Mitarbeiter (53) des Ordnungsamts sagte, er habe den Unfall erst bemerkt, als er den Fahrer nach dem Unfall verzweifelt habe schreien hören. „Diese gellenden Schreie von dem Fahrer werde ich nie vergessen“, sagte der Mann — und musste sich erstmal sammeln. Sein Kollege (39) erklärte dem Gericht, dass die Venloer Straße an der Unfallstelle im Jahr 2020 die wohl gefährlichste Straße in NRW gewesen sei. „Da war es damals extrem gefährlich“, sagte der 39-Jährige.

2,7 Sekunden zum Reagieren

Ein Verkehrssachverständiger kam entgegen den Zeugen jedoch zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte die Frau habe sehen können. Allerdings nur für 2,7 Sekunden. Sowohl für die Frau, als auch für den Fahrer wäre der Unfall vermeidbar gewesen, erklärte der Gutachter.

Wegen der aus diesen Umständen abgeleiteten geringen Schuld des Angeklagten stellte das Amtsgericht das Verfahren gegen 900 Euro Geldauflage ein. Doch eine Last ist dem Fahrer damit nicht von den Schulter genommen: Seit dem Unfall kann er nicht mehr Lkw fahren und wird wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt. Amtsrichterin Dr. Anna Kugland sagte zum Abschluss des Verfahrens zum Angeklagten: „Ich habe selten einen Angeklagten gesehen, der so betroffen war, wie Sie.“