Im Campus Kartause werden Wohn- und Bildungsräume der evangelischen Kirche kombiniert, inklusive einer christlichen Wohngemeinschaft.
Christliche Wohngemeinschaft in KölnGlauben mit anderen im Alltag leben

Christiane Pawlik, Antje Rinecker und Antje Gensichen (v.l.) freuen sich auf das Wohnprojekt.
Copyright: Stefan Rahmann
Die Vorfreude ist groß. Und mischt sich mit ein bisschen Angst vor der eigenen Courage. Antje Gensichen und Christiane Pawlik haben sich entschieden, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben. Sie ziehen Anfang 2027 in eine christlich geprägte WG. Die entsteht im Campus Kartause, einem Bauprojekt der evangelischen Kirche in Köln am Kartäuserwall. In dem Neubau werden die fünf Bildungseinrichtungen der Kirche untergebracht: Die Melanchthon-Akademie, die Familienbildungsstätte, das Jugendreferat, das Schulreferat und das Pfarramt für Berufskollegs. Realisiert werden auch 29 Studierendenwohnungen, zwölf teils öffentlich geförderte Wohnungen, ein gastronomischer Betrieb und eben die christliche Wohngemeinschaft beziehungsweise Kommunität.
Für diese stehen neun Appartements sowie großzügige Gemeinschaftsbereiche mit Küche und Platz für gemeinsame Mahlzeiten zur Verfügung. Die Appartements sind zwischen 58 und 83 Quadratmetern groß. Der Mietpreis wird derzeit mit 18 Euro pro Quadratmeter zuzüglich Nebenkosten kalkuliert. Wie die Wohnungen eingerichtet werden, entscheiden Mieterinnen und Mieter eigenständig. Ein eigener Kühlschrank und ein eigener Herd sind möglich. Zwei Mieterinnen stehen fest, sieben Wohnungen sind noch verfügbar. „Gesellschaftlich gibt es in meinen Augen zwei Themen, die viele Menschen im Alltag umtreiben: Einsamkeit und Wohnen. Darin liegt die große Stärke des Projekts“, sagt Antje Rinecker, Studienleiterin der Melanchthon-Akademie, die selbst nicht einziehen wird, das Vorhaben aber von Anfang an organisatorisch begleitet. „Menschen teilen ihr alltägliches und ihr geistliches Leben. Das verbindet, schafft Vertrauen, Miteinander – und vielleicht sogar Kreativität und Engagement.“ Vorbild ist die Iona-Community auf der schottischen Insel Iona.

Anfang 2027 sollen die Gebäude des Campus Kartause am Kartäuserwall bezugsfertig sein.
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Gensichen und Pawlik haben die Community auf der Insel der Inneren Hebriden kürzlich für eine Woche besucht und in der Gemeinschaft kleinere Aufgaben erledigt. „Wir wurden ganz selbstverständlich in alles einbezogen“, erinnert sich Pawlik. Besuche mit Teilhabe an der WG sind in Köln nicht vorgesehen. Antje Gensichen hat anders als Christiane Pawlik einen dezidiert evangelischen Hintergrund. Sie hat viele Jahre das Café Lichtblick in Stammheim geleitet, war in der Stadtmission Wuppertal tätig und ist von dort den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela gelaufen.
Kein Pflichtenheft
Sie hat 2018 einen Monat lang ein Kloster-auf-Zeit-Angebot wahrgenommen. „Ich möchte den Glauben im Alltag mit anderen Menschen teilen“, sagt Gensichen. „Dabei geht es nicht darum, ständig über Glaubensfragen reden zu müssen. Aber der Glaube sollte für mich in einer christlichen WG ein bewusster Teil des Alltags sein.“ Sie verweist auf einen Vorteil, den die haben, die von Anfang an dabei sind. „Noch ist nichts gesetzt. Wir können gemeinsam etwas entwickeln. Wer etwa nach zwei Jahren dazu stößt, findet bereits einen Rahmen vor.“ Sie will den Dingen Zeit lassen, sich zu entwickeln. Es gelte, behutsam Rituale zu finden, die für die Gruppe passen. „Jeder investiert das, was er kann. Die Basis ist der christliche Glaube“, sagt Pawlik, die sich beruflich mit Prozessmanagement beschäftigt. „Es gibt kein Pflichtenheft.“ Und wichtig: „Wir sollten das Ganze nicht zu kompliziert machen. Das verwirrt den Geist.“ Antje Rinecker steht für Fragen zur Verfügung: rinecker@melanchthon-akademie.de
Gegründet wurde die Iona-Gemeinschaft 1938 von dem Glasgower Pfarrer George MacLeod. Um den Mitgliedern seiner Gemeinde mehr Selbstwertgefühl zu vermitteln, machte er aus den Ruinen der Abtei von Iona ein Wiederaufbauprojekt mit Handwerkern aus Glasgow und Theologiestudenten. Daraus entstand die Gemeinschaft, die nach fünf grundlegenden Regeln lebt: Tägliches Gebet und Bibelstudium. Veranwortlicher Umgang mit Geld. Verantwortlicher Umgang mit Zeit. Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung, für Gerechtigkeit und Frieden. Regelmäßige Treffen miteinander. Die Mitglieder und Freunde der Iona Community gehören unterschiedlichsten Konfessionen an. Sie bringen sehr verschiedene religiöse Traditionen ein, die als Anregung für ein zeitnah gelebtes Christentum aufgegriffen werden. (rah)

