Die Fotografin Diana Lim porträtiert Besucher des „Vringstreffs“ in Köln, um Empathie zu fördern und Klischees abzubauen.
„Schaut einfach in die Gesichter“Fotografin Diana Lim porträtiert Besucher des „Vringstreff“

Ein Porträt eines Besuchers des „Vringstreff“, aufgenommen von der Fotografin Diana Lim.
Copyright: Diana Lim
Der „Vringstreff“ ist eine offene Begegnungsstätte für arme und wohnungslose Menschen in der Kölner Südstadt. Hier kann man preiswert einen Kaffee trinken, für 5 Euro ein warmes Mittagessen zu sich nehmen oder Zeitung lesen. Für viele ist es ein Ort, an dem sie ohne viel Geld Zeit verbringen und anderen begegnen können.
Vergangene Woche hat die Kölner Fotografin Diana Lim mitten im Raum ein schlichtes Fotostudio aufgebaut: neutraler Hintergrund, weiches Licht, keine Requisiten. Der Auftakt für ihr neues Porträtprojekt. Besucherinnen und Besucher konnten selbst entscheiden, ob sie sich fotografieren lassen und wie viel sie von sich preisgeben möchten.
Porträts statt Klischees: Fotos werben für Empathie
„Es geht mir nicht darum, Armut zu zeigen oder Randgruppen auszustellen. Der einzelne Mensch, sein Gesicht, steht für mich im Mittelpunkt“, sagt Lim. Deshalb verzichtet sie bewusst auf die bekannten Bilder von Einkaufswagen, trostlosen Schlafplätzen oder dramatisierende Schwarzweiß-Fotos. „Ich möchte für Empathie werben und das Schubladendenken auflösen. Schaut einfach in die Gesichter“, sagt die Fotografin, die an der Kölner Fotoakademie studiert hat und unter anderem für die Straßenzeitung „Draussenseiter“ ehrenamtlich arbeitet.

Fotografin Diana Lim hat im „Vringstreff“ ein minimalistisches Fotostudio aufgebaut.
Copyright: Inge Swolek
Der Zugang über die soziale Einrichtung hat ihr dabei geholfen, Vertrauen auf- und Schranken abzubauen. Nach anfänglicher Skepsis ließen sich immer mehr Menschen fotografieren. Wie die 30-jährige Jule, die sich eigentlich für „nicht fotogen“ hält. Als sie ihr Porträt sieht, sagt sie überrascht: „Ich sehe ja richtig gut aus. Ich bin sehr zufrieden.“ Oder Tom, der offen erzählt, dass er seit einem Jahr wohnungslos ist und in einem Bauwagen lebt, den er ursprünglich für einen Blumenverkauf auf dem Wochenmarkt gekauft hatte. Auch Anja tritt zunächst zögerlich vor die Kamera. Als sie später die Bilder betrachtet, huscht ihr ein Lächeln übers Gesicht.
Am Ende des Tages hat Diana Lim 16 Männer und Frauen porträtiert. Die Fotos zeigen Menschen ruhig, direkt und würdevoll – zurückhaltend, selbstbewusst oder schüchtern, aber fern von sozialen Zuschreibungen und Klischees.
Im Team des „Vringstreffs“ wurde das Projekt im Vorfeld diskutiert. „Bilder von Menschen in schwierigen Lebenslagen können Empathie schaffen, bergen aber auch die Gefahr von Voyeurismus“, sagt Leiterin Sabine Rupp. „Das wollten wir auf keinen Fall.“ Der „Vringstreff“ stehe für Teilhabe. Manche hätten wenig Geld, keine Arbeit oder seien obdachlos. Damit müsse man sensibel umgehen.
Thorsten Wacker, Co-Geschäftsführer, sieht in dem Projekt auch eine besondere Erfahrung für die Besucher: „Wann steht man schon einmal bei einer Profifotografin im Studio? Für viele ist das eine Chance, sich neu zu entdecken.“
Der „Vringstreff“ war für Diana Lim nur der Auftakt zu ihrer Porträtreihe, weitere Settings sind geplant. Ihr Wunsch ist eine Ausstellung – allerdings ohne erklärende Untertitel. Es gehe einfach um den Menschen, das Individuum, nicht die Lebensumstände. „Man sieht den meisten Menschen ihre Obdachlosigkeit nicht automatisch an.“ Die Botschaft der Fotografin: „Trennt euch von diesen Klischeebildern.“
