Sie waren eine ganz normale Kölner Familie, doch in der NS-Zeit nahm man ihnen alles. Nun erinnert eine neue Internetseite an die Geschichte der Schönenbergs. Mit einer Multimedia-Projektion an der Messe wird heute Abend der Deportation von 977 Kölner Juden 1941 gedacht.
Neue InternetseiteEinblicke in Kölns dunkelste Zeit – Projektion am Abend in Deutz

Momentaufnahme aus der Projektion, die am Mittwoch ab 20 Uhr an den alten Messehallen in Deutz gezeigt wird. Zu sehen ist der Kölner Oscar Hoffmann, der am 20. Juli 1942 nach Minsk deportiert und dort kurz nach der Ankunft ermordet wurde.
Copyright: Museumsdienst Köln
Am 7. Februar 1937, es ist ein Sonntag, sitzt der Kölner Mediziner Max Schönenberg in seinem Arztzimmer an der Venloer Straße 23. Er liest den Abschiedsbrief, den er und seine Frau Erna an ihren 16-jährigen Sohn Leopold geschrieben haben, der am 18. Januar von Köln nach Palästina aufgebrochen ist. „In wenigen Tagen wirst Du Dein Elternhaus verlassen. Du gehst frohen Herzens, vor Dir liegt die Zukunft“, heißt es dort. Und weiter: „Wir lassen Dich nicht leichten Herzens ziehen. Aber es muss sein. Deutschland, Dein Geburtsland, das vielen Deiner Vorfahren Heimat gewesen ist, erkennt uns nicht mehr als seine Söhne an.“
Auch wenn es noch einige Jahre dauern wird, bis das Grauen von Deportation und Vernichtungslagern die jüdische Bevölkerung Kölns in ihrer ganzen Grausamkeit und Unmenschlichkeit treffen wird – in dieser Szene wird bereits deutlich, welchen Zumutungen die Kölner jüdischen Glaubens seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 immer stärker ausgesetzt sind. Es ist eine von zahlreichen Momenten aus dem Leben der Kölner Familie Schönenberg, das seit Dienstag auf beeindruckende Weise im Internet präsentiert wird.
Im Rahmen des Projekts „Sichtbar machen – Kommunikation im und über den Holocaust“, das der Kölner Museumsdienst in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum realisiert hat (siehe Infos am Textende), wurde die neue Internetseite www.sichtbar-machen.online konzipiert, die in zahlreichen Stationen die Lebens- und Leidensgeschichte der Schönenbergs anhand von Briefen, Tagebüchern und Aufzeichnungen beleuchtet. Max, der als Soldat im Ersten Weltkrieg gedient hat und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, wird mit seiner Ehefrau Erna ins Lager Theresienstadt deportiert und stirbt dort. Sie wird später in Auschwitz ermordet, Sohn Leopold überlebt dank seiner rechtzeitigen Emigration.
Wir wollen den Schatz, der in den letzten 40 Jahren im Haus angehäuft wurde, für die Öffentlichkeit besser zugänglich machen.
Mit Hilfe alter Fotos wurde die Wohnung der Schönenbergs für die Visualisierungen auf der Internetseite so originalgetreu wie möglich nachempfunden (siehe Foto).

Eine Szene aus der neuen Internetseite, die die Geschichte der jüdischen Familie Schönenberg nachzeichnet.
Copyright: Museumsdienst Köln
So entstehen digitale Lernräume, in denen man per Smartphone, Tablet oder PC tiefe Einblicke in Kölns dunkelste Zeit gewinnen kann. Denn es sind keine trockenen Texte aus Geschichtsbüchern, die man hier liest, sondern konkrete Gedanken und Gefühle der betroffenen Menschen, die zwischen Bangen, Hoffen und Verzweifeln schwanken. Ergänzt wird diese Innensicht durch Interviews mit Zeitzeugen aus dem reichen Fundus des NS-Dok. Das von der Stiftung „Erinnern, Verantwortung und Zukunft“ und dem Bund mit 500 000 Euro finanzierte Projekt dient also auch dazu, die Bestände des NS-Dok einem breiteren Publikum zu präsentieren. „Wir wollen den Schatz, der in den letzten 40 Jahren im Haus angehäuft wurde, für die Öffentlichkeit besser zugänglich machen“, betont NS-Dok-Leiter Henning Borggräfe.
Teil des Projekts sind auch drei Großprojektionen der Künstlerin Kane Kampmann im Stadtraum. Auftakt war am 15. Juni am ehemaligen Wohnhaus der Schönenbergs an der Venloer Straße 23, am 9. November wurde an der Glockengasse an die zerstörte Synagoge erinnert. Am Mittwoch, 7. Dezember, dem Jahrestag der Deportation von 977 Kölnern jüdischen Glaubens ins Ghetto Riga, gibt es ab 20 Uhr an der Messe eine Multimedia-Projektion mit drei Schauspielern, die vor Ort aus den Texten lesen.
„Sichtbar machen“. Szenische Projektion mit Soundcollagen und Live-Schauspiel am 7. Dezember, 20 Uhr. Vom Eingang zum alten Messegelände, Charles-de-Gaulle-Platz 1, werden die Besucher in Richtung Bahnhof Messe/Deutz (tief) geführt, dem Ausgangspunkt der Deportationen aus Köln in die Konzentrations- und Vernichtungslager.
Mehr als 30 Menschen arbeiteten an dem Projekt
Stellvertretend für die mehr als 30 Menschen, die am Projekt „Sichtbar machen – Kommunikation im und über den Holocaust“ beteiligt waren, stellten sechs von ihnen am Dienstag die Arbeit des Teams vor, darunter die Kölner Künstlerin Kane Kampmann. Sie schuf gemeinsam mit dem britischen Theaterregisseur Brian Michaels das Konzept für die heutige Multimedia-Projektion mit Live-Aktionen an den alten Messehallen.
Der Direktor des Kölner Museumsdienstes, Matthias Hamann, und der neue Direktor des NS-Dokumentationszentrums, Henning Borggräfe, würdigten das große Engagement der Beteiligten. Die Projektleitung hatte Dirk Lukaßen vom Museumsdienst inne. Programmierung, 3D-Visualisierungen und Technische Leitung übernahmen Christine Bolz, Karsten Huth und Ralf Dank. Für die Audioproduktion zeichneten Ina Hagenau und Mischa Ruhr verantwortlich, für die inhaltliche Leitung Martin Rüther. (fu)
