„Ich habe keinen Bock mehr!“Freie Kulturszene in Köln demonstriert vor dem Rathaus

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Künstlerinnen und Künstler der freien Szene demonstrierten.

Künstlerinnen und Künstler der freien Szene demonstrierten.

Viele Kulturschaffende leben in prekären Verhältnissen. Nun machten sie ihrem Unmut Luft. 

„Ich habe keinen Bock mehr!“ bringt es Saskia Rudat auf den Punkt. Um die Tragweite dieser Bemerkung zu erfassen, muss man die Hintergründe kennen. Rudat ist als freie darstellende Künstlerin in der Kölner Szene und deutschlandweit unterwegs. Sie hat Theaterkompanien mitgegründet und -geleitet, engagiert sich im Physical Theatre Netzwerk, hat für ihre Arbeit mehrere Preise gewonnen, beherrscht über den darstellerischen Aspekt hinaus von der Antragstellung bis hin zur Bühnentechnik so ziemlich jeden notwendigen Arbeitsschritt und gab ihr Wissen auch schon als Dozentin an der Essener Folkwang-Schule weiter. „Aber auf meinem Steuerbescheid steht eine zu erwartende Rente von 406 Euro und sieben Cent.“

Rudats Biografie ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Drohende Altersarmut und der Gang zum Arbeitsamt, wenn sich zwischen zwei Projekten mal wieder eine Versorgungslücke auftut, sind für den Großteil der Akteure in der freien Szene längst trauriger Alltag. Dass sie ihrer Unzufriedenheit und dem seit langem aufgestauten Ärger jetzt einmal Luft machten und an die Öffentlichkeit gingen, hat einen aktuellen Hintergrund: Im Zuge der anstehenden Haushaltsplanungen der Stadt Köln für die nächsten Jahre drohen der ohnehin schon sehr knapp gehaltenen freien Szene weitere Kürzungen. Schon jetzt muss sie mit fünf Prozent des städtischen Kulturetats auskommen. Das sind 0,3 Prozent des gesamtstädtischen Haushalts - ein Betrag, den, so Manuel Kisters, Vorstandsmitglied im Verein der darstellenden Künste – VdK – die Stadt an anderer Stelle für die Sanierung von 40 Metern der Mülheimer Brücke ausgibt.

„Freie Szene stemmt mehr als die Hälfte des Kölner Kulturangebots“

Die freie Szene stemmt mit dieser Summe hingegen mehr als 50 Prozent des gesamten kulturellen Angebotes in Köln. Wer also von dem „tollen Kulturangebot“ in Köln schwärmt, spricht, bewusst oder unbewusst, in erster Linie von der freien Szene.

Da jede weitere Kürzung das Aus zahlreicher erfolgreicher Projekte bedeuten würde, hatte das „Bündnis der Interessenvertretungen der freien Kulturszene Kölns“ zu einer Demo vor dem Rathaus aufgerufen, zu der trotz sehr kurzfristiger Bekanntgabe rund 400 Angehörige und Unterstützer der freien Szene gekommen waren.

In zahlreichen Statements verschafften die Redner sich Gehör. Manuel Moser, Vorstandsmitglied im VdK und im Kulturnetzwerk Köln, prangerte an, dass ausgerechnet in der jetzigen Situation die Stelle der Kulturamtsleitung seit Monaten unbesetzt sei und forderte eine schnellstmögliche Lösung: „Es braucht eine Leitung, die bedingungslos hinter der Szene steht.“ Für Kathrin Röggla, Schriftstellerin, Heinrich-Böll-Preisträgerin und Dozentin an der Kunsthochschule für Medien (KHM) ist eine angemessene finanzielle Ausstattung alternativlos: „Nein, wir hoffen es nicht - die Stadt muss sich das leisten!“

Weitere Kundgebungen sind geplant. Der nächste Termin wird voraussichtlich am 21. August sein, genaueres wird rechtzeitig auf den Homepages der Beteiligten und in den Sozialen Medien bekannt gegeben. Kölner und Kölnerinnen, die ihre Solidarität bekunden wollen, sind herzlich eingeladen, teilzunehmen.