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Kölner Meldestelle im NS-DOKErschreckende Zunahme von antisemitischen Vorfällen in Köln

3 min
Ein Mann mit einer Kipa

Kipa in Köln zu tragen wird zunehmend gefährlich

Köln gilt als weltoffen und tolerant. Jedoch in 2022 haben antisemitische Vorfälle deutlich zugenommen, wie die Meldestelle im NS-DOK dokumentiert.

Er wollte nur helfen. Als der junge Mann mit einer Kippa auf dem Kopf mitten in der Kölner Innenstadt sah, wie sich zwei Männer auf dem Boden liegend rauften, dachte er: Irgendwer muss da eingreifen. Was er da noch nicht wissen konnte: Es handelte sich um einen Kaufhausdetektiv, der einen mutmaßlichen Dieb zu stellen versuchte. Unvermittelt kamen zwei arabisch sprechende Männer aus einem Geschäft auf ihn zu – und der sich daraufhin entspinnende Wortwechsel gipfelte in der Aussage: „Du hilfst hier einen Dieb festzuhalten, aber ihr stehlt doch selbst Palästina“. Schließlich folgte ein Schlag ins Gesicht.

50 Prozent mehr Vorfälle

Ein antisemitischer Vorfall in Köln im Jahr 2022. Dokumentiert von der Kölner Meldestelle im NS-DOK. Eine Dokumentation, die aufschreckt: Um rund 50 Prozent haben die antisemitischen Vorfälle in der doch eigentlich für Liberalität und Vielfalt bekannten Domstadt zugenommen. „Deutlich gewalttätiger“ 55 Vorfälle waren es noch 2021. In 2022 ist die Zahl auf 83 angestiegen. Eine weitere negative Entwicklung, die sich hinter den Zahlen verbirgt: „Nicht nur wurden zahlenmäßig deutlich mehr Vorfälle als im Vorjahr gemeldet, die verzeichneten Formen des Antisemitismus waren außerdem deutlich gewalttätiger“, sagt Daniel Vymyslicky, Mitarbeiter der Meldestelle. In der Kategorie „extreme Gewalt“ des Jahresberichtes steht ein Fall, der sich am 11. Mai in Bocklemünd zutrug. Ein scheinbar verwirrter Mann warf Brandsätze auf das Friedhofsgebäude der Synagogengemeinde.

Im Aufzug bedrängt

Beim anschließenden Gerichtsverfahren stellte sich heraus, der Obdachlose leidet unter einer psychischen Erkrankung. Das Gericht kam zu dem Schluss, die Frustration über seine Lebensumstände entlud sich in antisemitischen Narrativen. Er wurde in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Ein weiterer Vorfall in der Kategorie „Angriffe“ – nebst des Falls um den Ladendieb: Ein Frau wird in einem Aufzug von Männern bedrängt, ihr wird mit Vergewaltigung gedroht. Die Männer bezeichnen sich als Gegner Israels und Befreier Palästinas. Hass schlägt in den Schulen Wurzeln Es folgt eine Reihe von „gezielten Sachbeschädigungen“. Unter anderem wurde das Mahnmal für die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus mit Parolen und Symbolen beschmiert.

Juden-Hass unter Schülern

Welche Wurzeln Antisemitismus wieder in der Gesellschaft schlägt, zeigen Beispiele aus dem Kölner Schulalltag. In einer Klasse in der Südstadt tauchen „Karikaturen“ auf, die ein en schematisch dargestellten orthodoxen Juden an der Seite eines Teufels zeigen. In Nippes bedient ein Schüler im Geschichtsunterricht das antisemitische Klischee des „Geldjuden“. Zahlreich auch die Fälle, in denen Juden als nicht-zugehörig zur Gesellschaft bezeichnet werden. Die Meldestelle im NS-DOK wird seit 2021 betrieben. Die steigenden Zahlen werden von den Mitarbeitern teils auch darauf zurückgeführt, dass die Bekanntheit der Stelle steigt.