„So hässlich, das muss Kunst sein“Jan Glisman zeigt Ausstellung in Ehrenfeld

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Eine Bleistiftzeichnung der drei Türme der Deutschen Welle am Raderberggürtel.

Köln – Jan Glisman interessiert sich für „transformierende Prozesse“. Das bedeutet: Der Künstler schmeißt auch malTonplatten aus dem 4. Stock der Kunstakademie oder füllt Natursteinblöcke mit Quellsprengstoff bis sie zerbersten. Seine Kunst mischt Zufall und Methode.

Glisman wurde 1978 in Köln geboren. Sein Interesse für natürliche Materialien wie Keramik und Naturstein stammt aus seinem Studium der bildenden Kunst an der Kunstakademie Maastricht. Zur normalen Ausbildung gehört dort auch der Tonunterricht. Statt sich neues Material zu kaufen, arbeitete Glisman mit den Tonabfällen aus dem Lager und bereitete sie wieder auf.

Vom Unfall zum Kunstwerk

Die Ausstellung

„AsBest as German Waves“ ist vom 1. bis 17. Juni im Atelierzentrum Ehrenfeld zu sehen. Donnerstags bis samstags von 16 bis 20 Uhr, sonn- und feiertags von 12 bis 16 Uhr. Am Samstag, 16. Juni, ist Jan Glisman ab 18 Uhr vor Ort und spricht mit Claudia Saar über Baustellen und Ästhetik. Saar gibt vorher ein Führung durch Ehrenfeld zu diesen Themen. Die ist Teil des AIC On (15. bis 17. Juni), bei dem noch weitere Spaziergänge und Ausstellungen stattfinden.

Nach einem missglückten Arbeitsschritt hatte er einmal eine festgetrocknete Platte Dreck vor sich, statt einer formbaren Tonmasse. Mit einem Kommilitonen „in vielleicht nicht mehr ganz nüchternem Zustand“ schleppte Glisman die Platte in das Fotostudio im 4. Stock der Akademie und stürzte den Unfall aus dem Fenster. „Sie kam perfekt vertikal auf und sah aus wie ein Dimensionsloch oder wie eine schwitzende, fettige Schnecke.“ Aus dem Un- und Zufall wurde im Laufe seiner Arbeit Methode.

Im Praktikum bei Steinzeug-Keramo in Frechen, die Abwasserrohre aus Keramik herstellen, freundete er sich mit dem Geschäftsführer der Firma an. Durch sein Interesse für die dortige Arbeit war Glisman der erste, der eine ungebrannte Röhre aus den Werkshallen abtransportieren durfte. Beim 3. Kunstfestival des Kunsthauses Rhenania in der Südstadt schaffte er das weiche Tonrohr auf einem eigens konstruierten Trägersystem in den Rheinauhafen. Dort hob er es auf 25 Meter Höhe und lies es dann senkrecht auf den Boden aufprallen. Das war 2013 und seine erste große Performance – mehr als 200 Zuschauer waren mit dabei.

Sein neues Projekt ist im Kölner Stadtbild gut zu sehen: die drei Türme der Deutschen Welle am Raderberggürtel. „Die Gebäude wirken in ihrem viel niedriger gebautem Umfeld sehr einsam, fast wie eine Kulisse“, sagt Glisman. „So hässlich und zu nichts nütze, das muss Kunst sein.“ Außerdem ist in ihnen ein besonderer Naturstein verbaut: Asbest. Da das extrem hitzebeständige Mineral allerdings krebserregend ist, wird es aus den Gebäuden entfernt, um sie sprengen zu können.

Sprengung hautnah

Glisman dokumentiert den Rückbau. Material sammelt er auch mit fest installierten Kameras und montiert es später zusammen. Durch die künstlerische Verarbeitung gelingt es ihm so, den Einsturz der Türme vorwegzunehmen. Er will auch Bilder von der Sprengung machen – und zwar von innen. Dazu hat er „Opferkameras“ entwickelt. Die können zerstört werden, das Filmmaterial sichern sie aber.

Seit fast anderthalb Jahren beschäftigt sich Glisman mit dem Projekt „AsBest as German Waves – Die Deutsche Welle“. Welche transformierenden Prozesse er schließlich dokumentieren kann, ist noch nicht ganz sicher. Da kürzlich noch mehr Asbest in den Böden der Türme gefunden wurde, ist nicht ausgeschlossen, dass der Gebäudekomplex komplett zurückgebaut wird. Auch der geordnete Abbau ist für Glisman und seine Kunst interessant. „Ich glaube, die Sprengung wäre weltweit die größte innerhalb einer Stadt“, sagt er. Sie wäre ihm natürlich lieber.

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