Abo

NSU-Anschlag auf der KeupstraßeBildungsinitiative hat Ausstellung zum Gedenken und Lernen geschaffen

5 min
Ein Stuhl aus dem Friseursalon Özcan, vor dem am 9. Juni 2004 die Nagelbombe explodierte

Ein Stuhl aus dem Friseursalon Özcan, vor dem am 9. Juni 2004 die Nagelbombe explodierte

Die Bildungsinitiative „Keupstraße ist überall“ bekommt für ihr Engagement den Ehrenamtspreis der Stadt Köln – und will sich weiter professionalisieren.

Wem die Brutalität des Anschlags des rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) auf der Keupstraße bislang nicht klar war, für den schärft sich der Blick auf die Tat, wenn einer der zehn Zentimeter langen Zimmermannsnägel in der eigenen Hand liegt. Als die Bombe am 9. Juni 2004 vor dem Friseursalon Özcan explodierte, verwandelten sich über 700 von dieser Sorte in tödliche Geschosse. In der Ausstellung „Von der Nagelbombe bis zum Mahnmal“ erinnert die Bildungsinitiative „Keupstraße ist überall“ an den Anschlag.

Die Ausstellung dokumentiert die Tat chronologisch und hält die Erinnerung an ein Verbrechen wach, das nicht nur physisch tiefe Wunden hinterlassen hat. Sie ist aber auch zum außerschulischen Lernort geworden. Es geht um die rassistischen Motive der Tat, um das Versagen der Behörden, um die Perspektive der Betroffenen und um gesellschaftliche Fragen, die bis heute nicht an Relevanz verloren haben. Allein bis heute besuchten 2500 Schüler, Studierende, Wissenschaftler und angehende Polizisten der Polizeihochschule NRW die Ausstellung, die komplett aus dem Ehrenamt heraus entstanden ist. Für dieses Engagement zeichnet die Stadt Köln die Bildungsinitiative „Keupstraße ist überall“ nun mit dem „Miteinander-Preis für Demokratie und Vielfalt“ im Rahmen des Ehrenamtspreises „Köln Engagiert 2026“ aus.

Bildungsinitiative Keupstraße entstand 2013

Die Initiative entstand 2013 – neun Jahre nach dem Anschlag und zwei Jahre nachdem sich der NSU dazu bekannt hatte. Sieben lange Jahre hatten die Betroffenen und die Gewerbetreibenden auf der Keupstraße unter dem Verdacht der Behörden gestanden, selbst für die Tat verantwortlich zu sein. „Mit der Initiative wollten wir die Betroffenen unterstützen – beim Umgang mit dem Trauma, aber auch, um sie auf die Verhandlungstage im NSU-Prozess in München vorzubereiten“, sagt eine der Initiatoren, Karmen Frankl.

Hüseyin Topel, Vorsitzender der Bildungsinitiative, vor der Nachbildung des demolierten Fahrrads, auf dem die Nagelbombe platziert war.

Hüseyin Topel, Vorsitzender der Bildungsinitiative, vor der Nachbildung des demolierten Fahrrads, auf dem die Nagelbombe platziert war.

Schon während des mehr als fünf Jahre dauernden Prozesses organisierte die Initiative Zeitzeugengespräche mit Betroffenen an Schulen, Universitäten und auf Gedenkveranstaltungen. In dieser Zeit entstanden die ersten Ideen für die Ausstellung und einen Begegnungsort. „Wir wollten alles zeigen, was wir zum Thema gesammelt haben“, sagt Frankl. Umgesetzt werden konnte der Begegnungsort, zunächst im alten Rautenstrauch-Joest-Museum am Ubierring, auch durch eine anschließende Förderung der Amadeu-Antonio-Stiftung. Als diese Ende 2025 auslief, sicherte die finanzielle Unterstützung des Kölner Stadtrats, der Sparkassenstiftung Köln-Bonn und des Vermieters Jamestown Europe den Erhalt der Ausstellung in der Schanzenstraße bis 2029.

Karmen Frankl gehört zu den Initiatoren der Bildungsinitiative.

Karmen Frankl gehört zu den Initiatoren der Bildungsinitiative.

„Ich sehe es in den Augen der Jugendlichen, dass die Arbeit Früchte trägt“

Seit März ist der Journalist Hüseyin Topel Vorsitzender der Bildungsinitiative. Durch sein journalistisches Netzwerk kannte er einige der Initiatoren. „Als ich hier gesehen habe, was der Austausch zwischen den Betroffenen und den Schülern macht, war mir klar, dass ich das Projekt unterstützen will“, sagt Topel. „Hier entsteht etwas, was es sonst nicht gibt. Das ist basisdemokratische Arbeit und ich sehe es in den Augen der Jugendlichen, dass die Arbeit Früchte trägt.“

Die Besucher der Ausstellung können an drei Lerntischen viele gesellschaftliche Themen diskutieren, die mit der Tat auf der Keupstraße verknüpft sind.

Die Besucher der Ausstellung können an drei Lerntischen viele gesellschaftliche Themen diskutieren, die mit der Tat auf der Keupstraße verknüpft sind.

Für Karmen Frankl, die die Ausstellung kuratiert hat, sind die haptischen Eindrücke dafür ein wichtiger Bestandteil. Die riesigen Zimmermannsnägel liegen in der Ausstellung direkt neben einem der Friseurstühle, die damals am Ort der Explosion standen. Auch eine Nachbildung eines demolierten Fahrrads, auf dem sich die Nagelbombe befand, ist zu sehen. Solche Artefakte seien wichtig, um die Wahrhaftigkeit der Tat darzustellen. „Was mich am meisten bewegt, sind die Videos von Überwachungskameras, auf denen die Täter auf dem Weg in die Keupstraße zu sehen sind“, sagt Frankl. Aufgenommen wurden sie direkt vor dem Gebäude, in dem nun die Ausstellung untergebracht ist.

Über 2500 Schüler, Studierende und angehende Polizeischüler haben die Ausstellung bereits gesehen.

Über 2500 Schüler, Studierende und angehende Polizeischüler haben die Ausstellung in der Scanzenstraße bereits gesehen.

Genauso wichtig seien die Erzählungen der Betroffenen, die sich in der Initiative engagieren und den Schülern ihre Geschichte erzählen. Einer von ihnen ist Muhammet Ayazgün. „Viele Schüler wissen nicht, was der NSU ist, was der Nationalsozialismus oder Rechtsextremismus ist. Viele von ihnen finden die AfD gut, aber sie wissen nicht, wie gefährlich die Partei für unsere Demokratie ist“, sagt Ayazgün. „Das, was wir hier erzählen, ist kein Film oder Fantasie, sondern die Realität.“ Zur Realität gehöre es auch, dass ein großer Teil der Schüler mit Migrationsgeschichte bereits rassistische Erfahrungen gemacht habe. „Das merken wir in jedem Gespräch mit den Gruppen, die hierhin kommen“, sagt Frankl. Die Ausstellung biete einen Ort, an dem über diese Erfahrungen diskutiert werden kann.

Bildungsinitiative will die Angebote ausbauen

Geht es nach den Initiatoren, darf das Projekt künftig nicht mehr nur auf ehrenamtlichen Füßen stehen. „Wir wollen unser Angebot weiter ausbauen und die Ausstellung jeden Tag öffnen können, ohne dass sich jemand von uns Zeit dafür freischaufeln muss“, sagt Topel. Es gebe noch viel Material, Interviews mit Betroffenen, die noch nicht aufbereitet und veröffentlicht wurden. Die Ausstellung soll nicht statisch sein, sondern sich weiterentwickeln. Dazu soll auch die Beratung für Opfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt ausgebaut werden. Zwei bis zweieinhalb Stellen seien nötig, um die Arbeit abzudecken. „Dafür sind wir angewiesen auf Stiftungen oder Sponsoren aus der privaten Wirtschaft.“ Die Aufklärungsarbeit habe eine bundesweite Relevanz, sagt er. Deswegen hat die Bildungsinitiative auch staatliche Förderungen beantragt, mit denen das Angebot, die Bildungs- und Erinnerungsarbeit in Zukunft immer weiter wachsen soll.

Für Schulklassen, Studierende und Institutionen ist der Besuch der Ausstellung durch vorherige Anmeldung und Absprache per Mail möglich. Für andere Interessierte besteht die Möglichkeit, die Ausstellung nach Absprache am Wochenende zu besuchen. Interessierte können einen Besuch ebenfalls per Mail anfragen.
ueberall@keupstrasse-ist-ueberall.de
www.keupstrasse-ist-ueberall.de