Der vierte Teil unserer Serie zu Lebenslagen Köln zeigt, wie unterschiedlich Ruhestand, Altersarmut und Lebenserwartung in Köln ausfallen.
Leben in KölnMehr Kölner Senioren arbeiten auch im Rentenalter

Seniorinnen gehen gemeinsam in einem Park spazieren (Symbolbild).
Copyright: Christoph Soeder/dpa
Vermutlich wird sich Marie Schmitz freuen, wenn sie in diesem Jahr in den wohlverdienten Ruhestand geht – auf die freie Zeit, die sie nun mehr ihrer Familie, ihren Freunden und Ausflügen durch ihre Heimatstadt Köln widmen kann. Es werden sich aber wohl auch einige Sorgen in die Freude mischen: Marie Schmitz wird erst später in Rente gehen, als einige ihrer älteren Freundinnen und Freunde. Sie wird mit größerer Wahrscheinlichkeit trotzdem weiterarbeiten – ob aus eigenem Antrieb oder aus Geldsorgen.
Und sollte Marie Schmitz pflegebedürftig werden, trifft sie in Köln auf ein System, das zunehmend unter Druck steht. Wie lange, wie gut und mit wie viel Unterstützung Marie ihren Ruhestand verbringen kann – sogar wie lange sie überhaupt leben wird – hängt am Ende von denselben Faktoren ab, die schon ihre Kindheit und ihr Erwerbsleben geprägt haben: vom Einkommen, von der Herkunft – und vom Stadtteil, in dem sie lebt.
Marie Schmitz ist die Protagonistin dieser Serie – eine Kunstfigur, zusammengesetzt aus Daten und Erkenntnissen des zweiten Kölner Lebenslagenberichts, der in großer Detailtiefe untersucht, wie es den Menschen in Köln ergeht. Als „Durchschnitts-Kölnerin“ soll sie veranschaulichen, wie sich das Lernen, Arbeiten und Alt-Werden in dieser Stadt verändert hat. Im vorherigen Teil ging es um die Arbeitsbedingungen, mit denen sie als Erwachsene zu tun hat. Jetzt ist Marie Schmitz alt geworden.

Wir begleiten die fiktive Durchschnitts-Kölnerin Marie Schmitz als Kind, als erwachsene Erwerbstätige und als Seniorin. Grundlage sind die Daten des Lebenslagenberichts der Stadt Köln.
Copyright: Gemini/Kendra Stenzel
Im Vergleich zu 2018 hat sich der Renteneintritt leicht nach hinten verschoben: Von den Kölnerinnen und Kölnern, die 2023 erstmals Altersrente bezogen, waren 60 Prozent zwischen 65 und 69 Jahre alt. 2018 waren es 58 Prozent. Zugleich sank der Anteil derjenigen, die mit 60 bis 64 Jahren in Rente gingen, von 41 auf 39 Prozent. Rund ein Prozent der Neuzugänge war 2023 mindestens 70 Jahre alt.
Doch der Ruhestand bedeutet nicht für alle, dass sie aufhören zu arbeiten. 2022 waren in Köln 17.820 Menschen ab 65 Jahren erwerbstätig – 49 Prozent mehr als 2017. Das entsprach 10,3 Prozent der Bevölkerung ab 65 Jahren. Der Bericht nennt unterschiedliche mögliche Gründe: Manche arbeiten aus eigenem Antrieb weiter, andere, weil die Rente zum Leben nicht ausreicht. Als erwerbstätig gilt bereits, wer im Berichtszeitraum mindestens eine Stunde gegen Entgelt gearbeitet hat.
Wenn die Rente knapp ist
Ob Marie Schmitz von Altersarmut betroffen ist, hängt stark davon ab, ob sie einen Migrationshintergrund hat: Bei Menschen mit internationaler Familiengeschichte lag das Risiko bei knapp der Hälfte. Bei Kölnerinnen und Kölnern ohne Migrationshintergrund war es nur jeder Fünfte.
Auch die Zahl der Menschen, die Grundsicherung im Alter beziehen, ist gestiegen: Im Dezember 2022 waren es 16.816 Kölnerinnen und Kölner ab 65 Jahren – neun Prozent dieser Altersgruppe. 2018 waren es 14.739 Menschen, acht Prozent. Der Bericht weist zugleich erneut auf deutliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen hin.
Mehr Pflegebedarf, weniger Angebot je Hochaltrigem
Mit dem Alter wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Marie Schmitz auf Pflege angewiesen sein wird. Ende 2023 gab es in Köln 73.821 Pflegebedürftige, sieben Prozent der Bevölkerung. Ihre Zahl war seit 2019 um 51 Prozent gestiegen. Der Bericht weist darauf hin, dass dieser Anstieg nicht allein mit der Alterung der Stadt zu erklären ist: Seit 2017 werden durch einen erweiterten Pflegebedürftigkeitsbegriff auch mehr Menschen mit kognitiven und psychischen Einschränkungen erfasst. Bei den 65- bis 79-Jährigen waren 16 Prozent pflegebedürftig, bei den Menschen ab 80 Jahren 52 Prozent.
Mit steigenden Zahlen wächst damit nicht nur der Bedarf an Heimplätzen, sondern auch die Belastung für Familien und ambulante Angebote. Denn die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt: Knapp 90 Prozent lebten 2023 in Privathaushalten, meist mit Unterstützung von Angehörigen und teilweise durch ambulante Dienste. Rund elf Prozent wurden stationär gepflegt.
Das Pflegesystem steht bundesweit unter Druck. Das ist auch in Köln so, wie der Bericht zeigt. Das lässt sich an der Versorgungsdichte je 100 Einwohnern ab 80 Jahren ablesen. Bei den ambulanten Pflegediensten sank sie von sieben Mitarbeitenden je 100 Hochaltrigen im Jahr 2019 auf sechs im Jahr 2023. Die Tagespflege blieb mit 0,6 Plätzen je 100 Menschen ab 80 Jahren unverändert und lag deutlich unter dem Landes- und Bundesdurchschnitt. Auch bei der stationären Pflege sank die Dichte: von 12,3 Plätzen je 100 Menschen ab 80 Jahren 2019 auf 11,4 im Jahr 2022. Zum Jahresende 2025 standen zwar insgesamt 7.384 vollstationäre Plätze in 96 Einrichtungen zur Verfügung. Doch mehr Plätze bedeuten nicht automatisch eine bessere Versorgung pro Kopf, wenn zugleich die Zahl älterer Menschen wächst.
Sascha Köpke, Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität zu Köln, sieht den Rückgang der Beschäftigten in ambulanten Pflegediensten bei steigenden Pflegezahlen als Warnsignal: „Die Zahlen zeigen prinzipiell eine herausfordernde Entwicklung für Köln bei weniger professionell Pflegenden und mehr Pflegebedürftigen.“ Das beweise zwar nicht automatisch eine schlechtere Pflegequalität, erhöhe aber die Gefahr von Engpässen – etwa bei kurzfristigem oder komplexem Unterstützungsbedarf. Für Betroffene und Angehörige könne es dadurch schwieriger werden, „kurzfristig einen Pflegedienst oder einen Kurzzeitpflegeplatz zu finden“. Angehörige müssten womöglich mehr Aufgaben übernehmen.

Sascha Köpke ist Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität zu Köln.
Copyright: MedizinFotoKöln
Die Stadt Köln sei durchaus handlungsfähig, sagt Köpke. Nötig seien eine kleinräumige Beobachtung der Versorgungslücken und eine langfristige Vernetzung der Beteiligten, damit die Pflege gezielt auf Quartiersebene geplant werden könne. Zu den möglichen Maßnahmen zählten „der Ausbau verlässlicher Kurzzeit- und Tagespflegeangebote, Maßnahmen zur Entlastung pflegender Angehöriger sowie eine erweiterte Vernetzung und Erreichbarkeit der Pflegeberatung“.
Gleichzeitig seien die Möglichkeiten der Stadt begrenzt: „Die Stadt Köln kann die Behebung des Fachkräftemangels oder die Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung nicht lösen.“ Dafür brauche es verlässliche Rahmenbedingungen von Bund und Land. Zudem müssten die Pflegekassen stärker Verantwortung dafür übernehmen, dass Pflegeleistungen zuverlässig und bedarfsgerecht verfügbar sind.
So alt werden die Kölnerinnen und Kölner
Zugespitzt zeigt der die Veranschaulichung durch die Kunstfigur in Bezug auf die durchschnittliche Lebenserwartung: Würde Marie Schmitz in Lindenthal leben, würde sie 85 Jahre alt werden, in Kalk wäre sie dann schon tot. Die Lebenserwartung lag in Köln 2023 bei 83,5 Jahren für Frauen und 79,2 Jahren für Männer. Doch die Stadtbezirke unterscheiden sich deutlich: Für Frauen und Männer war sie in Lindenthal und Rodenkirchen am höchsten. Bei Männern lagen Porz und Kalk am unteren Ende; bei Frauen war die Lebenserwartung in Ehrenfeld am niedrigsten, gefolgt von Porz und Kalk.
Erneut zeigen die Zahlen: Wie selbstbestimmt Menschen ihren Ruhestand gestalten können, hängt auch davon ab, wie gut sie finanziell abgesichert sind, welche Unterstützung sie finden und in welchem Stadtteil sie leben.


